Info für Klimaskeptiker

Normale Wochenendbeschäftigungen in Mittelfinnland im Januar:

  • kilometerweise mit Schlittschuhen über zugefrorene Seen gleiten
  • unzählige Male Rodelberge hinaufstapfen und jubelnd wieder abfahren
  • stundenlang auf Langlaufskiern durch die Wälder ziehen

Wochenendebeschäftigungen in Mittelfinnland im Januar 2020:

  • kilometerweise Fahrradfahren (dabei die Spikereifen laut auf dem Asphalt klackern hören)
  • unzählige Male den Federballschläger gegen den Ball schlagen
  • stundenlang missmutig aus dem Fenster sehen
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Weihnachtsferien

Früher fand ich ja immer Leute komisch, die ihren Urlaub zu Hause verbringen. Heute möchte ich ihnen enthusiastisch auf die Schultern klopfen. Ich bin tiefenentspannt.

Die Weihnachtsferien waren eine gelungene Mischung aus Nichtstun und schöne Sachen unternehmen.  Ich habe so viel geschlafen wie schon lange nicht mehr. Ich habe mehrere Bücher gelesen und mehrere Filme gesehen. Ich habe tagelang gepuzzelt. Mit Pauline ein windschiefes Pfefferkuchenhaus sowie einen Schneemann gebaut. Ich war Skier fahren, Schlittschuh fahren und wandern. Mehrmals! Und habe natürlich Weihnachten und Silvester gefeiert.

Am Heiligen Morgen schmückten wir den allerschönsten Weihnachtsbaum, den wir je hatten. Eine grosse, kerzengerade, dichtgewachsene, stolze Fichte. Sie hat so viele Zweige, dass wir zum allerersten Mal alle (na, bis auf eine) Weihnachtsbaumkugeln aus unserem Fundus unterbringen konnten.

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Dann gab es den Weihnachtsbrei und der Iso erwischte die Mandel. Möge es ihn im neuen Jahr vor Situationen wie der drei Tage vor Weihnachten bewahren. Da hatten wir gerade Scrabble gespielt und Pauline verkündete, sie wolle jetzt nichts mehr spielen sondern turnen. Dazu zerrte sie, wie so oft, die zwei Matratzen aus ihrem Bett herbei und erwähnte wieder einmal wie praktisch doch so ein Airtrack wäre. Nach solch einer professionellen Gymnastikmatte sehnt sie sich jetzt schon seit einem Jahr. Obwohl es mir eigentlich auch lieber wäre, wenn sie eben nicht mehr ihre Bettmatratzen zum turnen nutzen würde, ganz besonders im Sommer wenn das im Garten stattfindet, so habe ich den Wunsch nach einem Airtrack doch immer vehement abgelehnt. Denn nicht nur sind die Dinger unsäglich teuer, nein auch unsäglich riesig und wir haben nun wirklich keinen Platz dafür. Pauline machte also Flikfaks und dergleichen und der Iso und ich sassen nebendran am Esstisch und spielten Skip-bo (ein Spiel in dem es gilt einen Stapel von 25 Karten loszuwerden). Das erste Spiel ging so aus wie es eigentlich immer ausgeht, dass ich gewann und der Iso noch 15 Karten im Stapel hatte. Wir mischten für eine neue Runde und plötzlich wollte Pauline voraussagen wie das nächste Spiel ausgehen wird. Sie prophezeite, dass der Iso gewinnen würde und ich noch zwei Karten übrig hätte. Ich erwähnte etwas über die Unwahrscheinlichkeit dies korrekt voraus zu sagen und der Iso stiess in dasselbe Horn und meinte: Wenn das stimmt, kaufe ich dir ein Airtrack. Pauline versicherte sich der Ernsthaftigkeit dieser Wette, ich versicherte mich meines Nichtbeteiligens daran und dann klärten wir nur noch, dass wir genau so wie immer spielen würden – nämlich den anderen gnadenlos zu behindern wo es nur geht. Am Ende des Spiels wurde der Iso blass, ich bekam einen Lachanfall und Pauline sprang minutenlang jubelnd durch die Wohnung. Und so hatten wir die ganzen Weihnachtsferien über nicht nur einen prächtigen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer, sondern auch ein 1×3 m grosses Airtrack (andere Teile der Wohnungseinrichtung verbrachten die Ferien auf der Terasse).

Unser Heiligabend war sehr schön und gemütlich. Wir drehten eine lange Runde draussen im Dunkeln und lunsten heimlich in die überall hell erleuchteten Wohnzimmer mit rotbackigen Kindern drin. Einmal wurden wir erwischt und zwar vom Weihnachtsmann persönlich. Er schimpfte aber nicht, sondern wünschte uns frohe Weihnachten. Fast hätte ich ihn noch gefragt ob er denn auch noch plant bei uns vorbeizukommen, traute mich aber nicht. Nur um bei unserer Rückkehr festzustellen, dass er längst da gewesen war. Für später am Abend hatte ich im Vorfeld vorgeschlagen, dass sich jedes Familienmitglied einen kleinen weihnachtlichen Programmpunkt ausdenkt. Pauline hatte sich eine richtig tolle (Überraschung!) Wichtel-Gymnastikaufführung ausgedacht und führte sie auf. Dann las ich die Weihnachtsgans Auguste vor und schliesslich zauberte der Iso weihnachtliche Rubbellose der finnischen Lotterie hervor. (Es entsteht jetzt vielleicht der Eindruck, dass der Iso einen Hang zum Glücksspiel hat. Ich versichere aber, es handelt sich um einen Zufall.) (Pauline rubbelte selbstverständlich den einzigen Gewinn des Abends frei und bekam ihn später ausgezahlt. Es entsteht jetzt vielleicht der Eindruck, dass sie ein Glückskind ist und ich kann nicht widersprechen.)

Das Wetter war so wie schon seit Wochen. Ein ständiges auf und ab der Temperaturen, von Plus zu Minus und zurück mit reichlich Niederschlag. Also unentwegt entweder Schneematsch oder Schlittschuhbahn. Manchmal sogar auch mit einer am Horizont entlang kratzenden Sonne.

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An Silvester setzten wir uns wie immer lustige Partyhütchen auf, spielten wie immer lustige Partyspiele, assen wie immer Chips und stiessen wie immer um Mitternacht mit Bananensaft an. Wir hatten eine klare Nacht, aber leider ohne Nordlichter. Es wäre das perfekte Feuerwerk gewesen. Mussten wir stattdessen vier extra leise (laut Verpackung haustierfreundliche) Glücksraketen starten.

Heute, am allerletzten Urlaubstag (günstiger kann so ein Feiertag gar nicht liegen), sollte noch einmal die Sonne scheinen. Und ich wollte das ausgiebig nutzen. Das geht im Winter normalerweise am Besten auf einem See (Sonne krazt am Horizont entlang…), Schlittschuhfahrend, Skifahrend oder auch spazierend. Nun sind die Seen zwar alle einigermassen zugefroren, aber wegen seltsamen Wetters nicht tragend. Dann fielen mir die Moore ein. Also fuhren wir ins Moor. Und da standen wir dann und sonnten uns. Nicht.

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Aber wunderschön war’s trotzdem. Genau wie die ganzen Weihnachtsferien.

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2019

1. Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr?
Sechs. An und für sich ein gutes Jahr, aber mit vielen Sorgen.

2. Zugenommen oder abgenommen?
Weder noch.

3. Haare länger oder kürzer?
Auch gleich. Aber Pauline hat sich kurz vor Weihnachten von gut 20 cm Haaren getrennt und ich fühle mich inspiriert. (Also zu einer neuen Frisur. Wenn ich 20 cm abschneiden würde, wäre nichts mehr übrig.)

4. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Die Brille tut’s noch.

5. Mehr Kohle oder weniger?
Gleich viel.

6. Besseren Job oder schlechteren?
Weiterhin mit Fischen jongliert. Und noch einmal einen Vertrag für das ganze nächste Jahr bekommen (PHEW!). Da das Projekt aber demnächst ausläuft war es vermutlich der Letzte. Der Chef winkte schon kräftig mit dem Zaunspfahl und wies mich auf eine Stellenausschreibung hin.

7. Mehr ausgegeben oder weniger?
Keine Ahnung.

8. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was?
Einige Erkenntnisse.

9. Mehr bewegt oder weniger?
Ich denke auch gleich. Viel Fahrrad gefahren und viel zu Fuss unterwegs gewesen. Und vorgestern habe ich zum ersten Mal seit langem eine Rolle vorwärts gemacht! (Es war unerwartet schwierig und danach war mir minutenlang schwindlig.)

10. Anzahl der Erkrankungen dieses Jahr?
Ich kann mich an gar keine erinnern.

11. Davon war für Dich die Schlimmste?
Demzufolge keine, aber der abgebrochene Zahn (am (weich gekochten) Blumenkohl!) kurz vor Weihnachten war unangenehm. Und teuer.

12. Der hirnrissigste Plan?
Blumenkohl essen.

13. Die gefährlichste Unternehmung?
Totmüde in riesige Fischbecken klettern. Einmal bin ich fast reingefallen.

14. Die teuerste Anschaffung?
Eine Waschmaschine.

15. Das leckerste Essen?
Kürbissuppe. Ich könnte mich reinlegen.

16. Das beste Buch?
Daddy-long-legs (Briefroman!) und die vier Bände der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante.

17. Der ergreifendste Film?
Es war das Jahr der Musikfilme: Juliet, naked; Yesterday; Bohemian Rhapsodie (Danke, liebe Tante!) und Rocketman. Fand ich alle gut. Die letzten beiden sind sehr beeindruckend, aber es ist schade, dass nicht alle Details der Wahrheit entsprechen. Am liebsten mochte ich deshalb Juliet naked. Jaja, rom com = ganz schlimmes Genre, aber er trifft genau meinen Humor und ist nicht kitschig.

18. Die beste „CD“?
Also am häufigsten in diesem Jahr habe ich eine Weihnachts“cd“ gehört.

19. Das schönste Konzert?
Das Weihnachtskonzert des Lieblingschores war das Einzige. Und es war schön :)

20. Die meiste Zeit verbracht mit?
Arbeit, Familie und Sorgen.

21. Die schönste Zeit verbracht mit?
Der Familie. Wir haben in diesem Jahr viele, viele Stunden mit Karten- und Brettspielen zugebracht und ich liebe das einfach, wenn wir gemeinsam um den Esstisch sitzen und spielen, lachen, fluchen.

22. Zum ersten Mal getan?
Eine ganze Woche allein zu Hause verbracht – es war ein bisschen wie Urlaub, aber komischer Urlaub. Ein Puzzle mit 1000 Teilen gelegt – das hatte ich als weitere Esstischbeschäftigung gekauft, aber dann zog die Familie die Nase krauss. Mir hat es super viel Spass gemacht und das Zweite ist gerade in Arbeit.

23. Nach langer Zeit wieder getan?
Eine Rolle vorwärts. Bewerbungen geschrieben. Sommerurlaub gehabt (gleich zwei Mal). Nach Lappland gefahren. Kanu gefahren.

24. Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Darauf den grössten Helden meiner Kindheit, den stärksten Mann der Welt, immer kleiner und schwächer werden zu sehen.

25. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Nun leg doch mal endlich das Handy weg.

26. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Ein Handy. (Finde den Fehler.)

27. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Einen wunderbaren Geburtstagsabend.

28. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
Machen wir eben einmal im Leben richtigen Sommerurlaub.

29. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ich hab dich lieb.

30. Dein Wort des Jahres?
Dürfen es auch drei sein? Fridays for future. Wie Grönemeyer schon 1986 sang: „Die Welt gehört in Kinderhände.“ Kinder haben in diesem Jahr geschafft, was Wissenschaftler seit Jahrzehnten vergeblich versuchen: die Leute aufzurütteln.

31. Dein Unwort des Jahres?
Krebs. Ist mir in diesem Jahr viel zu oft begegnet. 

32. Dein Lieblingsblog des Jahres?
Alle in der Blogroll.

33. Dein größter Wunsch fürs kommende Jahr?
Der ist leider nicht erfüllbar.

(2018, 2017, 201620152014201320122011201020092008)

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Frohe Weihnachten!

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In gemütlich

Für diesen Advent hatte ich mir fest vorgenommen es so ruhig wie möglich angehen zu lassen. Nur das zu machen und dahin zu gehen, wozu ich Lust habe. In aller Ruhe viel zu Hause zu sein, Weihnachtsmusik zu hören, basteln, mit der Familie Brettspiele spielen und schlafen. Einfach so weiter machen wie wir am 1. Advent angefangen hatten.

Plätzchen zu backen,

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im Dunkeln spazieren zu gehen (als ob es je hell werden würde),

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zum alljährlichen Weihnachtsessen in die Lieblingsforschungssstation zu fahren

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und zum Weihnachtskonzert des Lieblingschores zu gehen. Das war in diesem Jahr nicht wie sonst in der Stadtkirche, sondern in unserer Stadtteilkirche. Vor inzwischen 10 Jahren wurde sie gebaut und eröffnet und obwohl ich schon so oft von den unterschiedlichsten Leuten gehört habe wie schön sie ist, war ich bisher noch nie drin.

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Ein Chormitglied zeigte uns vor Beginn die Plätze mit der besten Akustik. Die Freundin und ich waren uns eigentlich einig, dass wir den Unterschied zwischen verschiedenen Plätzen oder Kirchen ziemlich sicher gar nicht hören würden. Und dann fingen sie an zu singen und ich habe es doch gehört. Ich weiss nicht ob es am Holz liegt oder der Bauweise, aber die Musik klang als würde sie mich umarmen. So so schön.

Gestern war die Weihnachtsfeier von Paulines Schule. Auf dem Schulhof. Von allen 24 Tagen im Advent war natürlich gestern der mit dem Schneesturm. Aber es wurde Glögi zum Aufwärmen gereicht und das Programm war richtig nett. Eine sechste Klasse las eine weihnachtliche Geschichte von den Mumins vor. Passend zur Geschichte hatten die Schüler die Fenster der Schule gestaltet und nach und nach wurden Lichter hinter den Fenstern eingeschaltet. Paulines Klasse führte einen Wichtel-Rap auf, den sie vor einigen Wochen in einem workshop mit einem Rapper geschrieben und aufgenommen hatten. Der Chor sang und dann sangen wir alle zusammen.

Mein Plan für den Advent ging also auf. Ich kann das jetzt schon so sagen, weil heute sowieso die letzte weihnachtliche Veranstaltung war (Weihnachtsbrei mit den Kollegen) und ich soeben die letzten zwei Weihnachtskarten geschrieben habe. Heiligabend feiern wir natürlich gebührend und festlich, aber ohne allzu grosses Brimborium. Morgen beginnen die Ferien und es gibt nichts Dringendes mehr zu tun.

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Erstes Adventswochenende

Schönstes Wochenende seit langem.

Am Freitag Nachmittag fiel die Temperatur und der ewige Dauerregen ging in Schnee über. Es schneite – wie der Finne sagt – Handschuhe und innerhalb kürzester Zeit sah es genau so aus wie es am ersten Adventswochenende aussehen soll.

Am Samstag Morgen klingelte weder der Wecker, noch dachte ich beim ersten Aufwachen um 8 ‚Ach, stehste lieber gleich auf, es liegt wieder so viel an.‘ Irgendwann ging sogar die Sonne auf und wir schnürten die Schlittschuhe für die erste Ausfahrt der Saison. Und die erste Ausfahrt ist immer die Beste. Dann lästiger Hausputz, aber selbst dabei hatte ich ein fröhliches Weihnachtslied auf den Lippen, denn eins der schönsten Ereignisse des Jahres stand unmittelbar bevor. Die Weihnachtskiste hervorkramen und auspacken.

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Heute dann das erste Türchen. Als ich Pauline vor sieben Jahren zum ersten Mal einen Adventskalender „bastelte“, stellte ich mir vor wie sie fortan jedes Jahr einen anderen Kalender bekommen würde. Ideen hatte ich für mindestens die nächsten 4 Weihnachtsfeste im Kopf. Aber wie das so ist mit Kindern. Am Liebsten soll alles immer gleich bleiben und inzwischen kann ich es mir selbst gar nicht mehr anders vorstellen.

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Neu ist allerdings, dass Pauline bei einem ins Ohr geflüsterten „Adventskalender“ am Morgen nicht wie der Pfeil aus dem Bett springt, sondern sich die Decke über den Kopf zieht und missmutig knurrt. Aber Sonntags ist halt Training. Während Pauline also turnte und der Iso (danke!) einkaufte, konnte ich mir gemütlich alle Kerzen sowie Weihnachtsmusik anmachen und Weihnachtskarten basteln. Später gab es noch einen Spaziergang durch den Schnee und noch später Adventskaffee und noch mehr Weihnachtsmusik und hach…!

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Bring dein Kind mit zur Arbeit!

In Finnland war gestern nationaler Bring-dein-Kind-mit-zur-Arbeit-Tag. Diesen Tag gibt es hier nach dem Vorbild anderer Länder seit letztem Jahr. Man kann also sein Kind (oder Enkelkind, Patenkind, Nichte …) für einen Tag (oder einen halben oder nur mal kurz) mit zur Arbeit nehmen. Dort können die Kinder sehen was die Eltern eigentlich den ganzen Tag so treiben auf dieser ominösen Arbeit und auch einen generellen Eindruck davon bekommen wie das ist, wenn man gross ist und arbeiten geht.

Ich finde das super. Als ich Kind war ergab es sich manchmal, dass ich mit meinen Eltern mit zur Arbeit gehen konnte und das war immer sehr aufregend. Mein Papa hat Limonade produziert und es war das Coolste überhaupt mit ihm in die Produktionshalle zu gehen. Dort nahm er immer eine Flasche vom Fliessband, öffnete und überreichte sie mir. Ganz frische Brause! Meine Mama hat sich um eine Pilzkulturensammlung gekümmert und wie ich schon einmal erwähnte, sind diese Besuche dort vermutlich nicht ganz unschuldig daran, dass ich heute Biologin bin. (Lustigerweise wollte ich eigentlich erst Ernährungswissenschaftlerin werden.)

Nun ist meine Arbeit im November nicht gerade die Aufregendste. Im Sommer, ja! Da gibt es viel zu zeigen. Aber den Rest des Jahres sitze den lieben langen Tag vor meinem Computer und jongliere mit Zahlen, recherchiere und schreibe. Still und leise. Vielleicht gehe ich zwischendurch mal zu einem Seminar oder zu einer Besprechung. Vielleicht unterrichte ich auch mal. Aber im Grossen und Ganzen ist das für ein Kind stinklangweilig. Glücklicherweise haben sich in diesem Jahr die Biologen und die Chemiker zusammengetan und ein kleines Programm für die Kinder zusammengestellt. Das ist nicht weiter schwierig wenn man gerade erst die Nacht der Forscher hatte. Dort war Pauline zwar auch schon gewesen, aber sie hatte längst nicht alles gesehen.

Ich meldete sie also in der Schule ab und wir fuhren zusammen zur Uni. Am Morgen sollten die Eltern erstmal zeigen was sie so machen. Das war schnell erledigt und dann ging ich mit Pauline auf Entdeckungstour. Wir besuchten die hungrigen Regenbogenforellen: „Oar nee, Mama, hier riecht’s wie in der Forschungsstation!“ Ich zeigte ihr einen Hörsaal: „WOW! 1, 2, 3, … 130 Sitzplätze!!! Das ist sooo schön hier! Hier würde ich auch gern lernen!“

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Sie konnte gar nicht glauben, dass das eigentlich ein sehr kleiner Hörsaal ist und war wirklich schwer beeindruckt. Ich zeigte ihr die Bibliothek: „Haben wir auch in der Schule!“ Und dann spielten wir noch ein wenig: „Mama, du hast es echt schön auf Arbeit!“

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Wir gingen in die Mensa, wo selbst das Menü dem Anlass angepasst war: „Mmmh lecker, sowas gibt es nie in der Schule!“

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Einer der Köche hatte übrigens auch seinen Sohn mitgebracht und der sah unfassbar niedlich aus mit seiner Kochschürze und Mütze. Aber auch Pauline sollte bald sehr niedlich aussehen, denn nach dem Essen liefen wir zu den Chemikern. Dort wurden die Kinder mit Laborkittel und Schutzbrille ausstaffiert und gingen experimentieren, während wir Eltern dann auch mal für ein Stündchen zum Arbeiten kamen. Danach ging es weiter zu den Biologen.

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Da wurde dann mikroskopiert (Bärtierchen – „Mama wusstest du, dass es die schon vor 60 Millionen Jahren gab!?!“) und mit Wasserflöhen experimentiert („Wenn man Licht an das Aquarium hält, kommen die alle zur Lichtquelle geschwommen!“) und dann spielerisch gelernt wie Bakterien resistent gegen Antibiotika werden und wie man das verhindern kann.

Dann war es schon 15 Uhr und Pauline wollte immer noch nicht Feierabend machen. Wir schauten also noch ein wenig den Feierlichkeiten zu – gerade war eine Doktorverteidigung zu Ende gegangen – und gingen noch ein Mal Kickern.

Pauline war, auch wenn sie sich bekanntermassen eher gar nicht für Naturwissenschaften interessiert, von ihrem Besuch sehr begeistert. Sie mochte das Programm („Und den Hörsaal, Mama!“) und fand es toll auch einfach mal zu sehen wo ich zum Beispiel Mittag esse. Im nächsten Jahr möchte sie dann mit dem Papa zur Arbeit gehen und ausserdem wünscht sie sich, dass es den Tag auch mal umgekehrt geben würde: Bringe deine Eltern mit in die Schule. Das wäre doch mal was.

 

 

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9. November 2019

Dreissig Jahre. Donnerwetter.

Am 9. November 1989 war ich zwölf Jahre alt. Ich habe an diesen Tag keine Erinnerungen. Als die Mauer fiel lag ich im Bett und schlief.

Am nächsten Morgen erfuhr ich es von meinem Vati. Er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich unwohl in der DDR fühlt, eingesperrt. Er erzählte mir die Vorgänge der Nacht aufgeregt und begeistert. Der ganze Mann vibrierte.

Im Grunde genommen verstand ich nicht wirklich was da passierte. Ich war auf den Montagsdemos gewesen, hatte eine Kerze gehalten und „Wir sind das Volk“ gerufen. Ich wollte auch gern überall hin in die Welt fahren. Aber von Demokratie oder nicht hatte ich keine Ahnung. Und – ich war auch ein Thälmann-Pionier und zwar sehr gerne. Es hat mir später noch lange leid getan, dass ich niemals ein blaues FDJ-Hemd besessen habe.

Der Westen, das war für mich so eine Art Schlaraffenland. Als mein Vati einige Jahre zuvor die Erlaubnis bekam dort hin zu fahren, begannen meine Schwestern, die etwas älter sind als ich, eifrig Wunschlisten zu schreiben. „Und was wünscht du dir?“ fragte er mich irgendwann. „Was gibt es denn dort?“ fragte ich zurück. Und dann sagte er etwas, weshalb ich das Gespräch bis heute nicht vergessen habe, denn es hat mich sehr beeindruckt:

„Es gibt dort nichts, was es nicht gibt.“

Und jetzt war also die Grenze offen. „Fahren wir hin?“ wollte ich sofort wissen. „Mal sehen“ hiess es dann. Es war nicht klar ob Kinder fahren dürfen. Eigentlich war gar nichts klar.

Am 10. November 1989 und in den Tagen danach fehlten in der Schule immer mehr  meiner Klassenkameraden. Zwei davon habe ich nie wieder gesehen. Einer der beiden, ein Junge mit einer Gehbehinderung, hatte in den Wochen zuvor oft davon gesprochen, dass seine Mutter im Falle einer Grenzöffnung augenblicklich mit ihm in die BRD gehen würde. Dort würde er eine OP bekommen, die ihn gesund machen würde. Ich habe damals oft an ihn gedacht und mich gefragt ob er wohl schon richtig laufen kann.

Es sollte noch bis zum ersten Adventswochenende dauern, bis unsere Familie sich auch auf den Weg machte. Meine Mutti war sehr zögerlich. Würden es Repressalien geben? Würden sie die Grenze plötzlich wieder schließen? Stellt euch das mal vor. Man macht sich auf eine kleine Reise, besucht Verwandte, und kann sich nicht sicher sein ob man auch wieder nach Hause kommen darf. Es könnte sein, dass man über ein Wochenende alles verliert. Sein Zuhause, seine Freunde, seine Arbeit. Ich war damals sehr ungeduldig, aber heute kann ich das Zögern gut nachvollziehen.

Die Ironie ist, dass in den Folgejahren viele Menschen aus der DDR genau diese Dinge verloren haben weil die Grenzen geöffnet blieben.

Als wir uns der Grenze näherten, machte sich in unserem Auto ein komisches Gefühl breit. Ich hatte schon einige Grenzgeschichten gehört und bekam jetzt Angst. Dieser Moment und das ungute Gefühl kommen übrigens bis heute jedesmal wieder hoch wenn ich eine Ländergrenze übertrete. Dabei war es ziemlich unspektakulär. Und dann waren wir auf der anderen Seite Deutschlands.

Es folgte ein Wochenende in bunten, wohlriechenden Geschäften. Der ganze Westen ein einziger Intershop. Ich erinnere mich noch an eine Spielzeugabteilung eines Kaufhauses, in dem ich begeistert überall Knöpfe drückte und dann überall Töne raus kamen. Ich erinnere mich auch, dass ich mich für nichts entscheiden konnte, weil mich das Angebot erschlug. Meine Eltern kauften mir eine Salbe gegen mein mich seit Jahren quälendes Ekzem. Sie war zwar eigentlich verschreibungspflichtig, aber die Apothekerin drückte ein Auge zu. Wir besuchten ein Rathaus um unser Begrüssungsgeld abzuholen. Wir waren so tief im Westen, dass wir die ersten Besucher hier waren und mussten deshalb ewig warten. Oder jedenfalls kam es mir so vor. Ich bekam eine 13-stellige Nummer auf die letzte Seite meines Sozialversicherungsausweises geschrieben, damit ich nicht noch einmal irgendwo Geld holen würde. Und da steht sie immer noch.

Als wir wieder abfuhren, war unser Moskwitsch voll bis unters Dach. Mein Vati musste ganz vorsichtig fahren, damit wir nicht aufsetzen. Wir hatten die herrlichsten Sachen dabei. Man kann das belächeln oder oberflächlich finden. Aber nur wenn man damals in unseren Schuhen gesteckt hat.

Ich habe mal ein kleines Streitgespräch mit einem finnischen Kommunisten geführt, der meiner Meinung nach die DDR mit ein wenig zu verklärten Augen sieht. Er hat zwar selbst einige Jahre dort gelebt, ist aber während dieser Zeit beispielsweise regelmässig nach Westdeutschland gefahren um sich Bücher zu kaufen. Und er hätte jederzeit wieder nach Hause fahren können. Das ist ein gar nicht mal so kleiner und unwichtiger Unterschied zu den vielen DDR Bürgern, die das nicht konnten. Von denen sich manche so eingeengt gefühlt haben, dass sie ihr Leben für die Freiheit auf’s Spiel gesetzt haben. Von denen manche nicht anders konnten als ihre Meinung zu sagen und die dann ihre Arbeit, ihr Schaffen verloren haben. Im Gefängnis landeten. Ausgewiesen wurden. Oder denen man die Kinder weggenommen hat.

Wenn ich erzähle aus welchem Land ich komme, werde ich manchmal gefragt ob ich froh bin, dass alles so gekommen ist. Was für eine Frage! Es gab zwar auch etliche gute Dinge in der DDR, aber mal abgesehen davon, dass es mit unserem Land stetig bergab ging und viele Menschen unerträglich ungerecht behandelt wurden, frage ich mich manchmal für mich persönlich wie gut ich das alles als Erwachsene ausgehalten  hätte. Ich bin – ganz der Vater – ein extrem freiheitsliebender Mensch. Vorschriften und Verbote aller Art nehmen mir, sofern ich sie nicht moralisch oder mit Vernunft nachvollziehen kann, die Luft. Ebenso wenig kann ich mit Hierarchien anfangen. Es hätte wohl noch einige Jahre gedauert bis sich mein Gehirn von der ausdauernden Wäsche erholt hätte, aber irgendwann hätte ich mich vielleicht nicht mehr nach einem FDJ-Hemd gesehnt, sondern ein Streichholz daran gehalten. Und damit hätte ich laut meine Meinung gesagt. Natürlich bin ich froh.

Das Wie ist eine andere und schwieriger zu beantwortende Frage. Aber es gab auch keinen Leitfaden.

Und jetzt ist der Mauerfall schon länger her als es die Mauer jemals gab. Es ist interessant, dass sie in unseren Köpfen zu Teilen immer noch steht. Die Mauer an sich gehört natürlich auch nicht vergessen. Aber den Graben, den sie einmal quer durch’s Land gezogen hat, den könnten wir langsam mal auffüllen und sorgfältig verdichten.

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Kurios (11)

Der Finne kommt ja wahlweise mit Skiern oder Schlittschuhen an den Füssen auf die Welt. Deshalb werden ihm die schneefreien Monate, auch wenn es gar nicht so viele sind, schnell mal zu lang. Und bei Langeweile sprudeln die Ideen.

Zum Beispiel könnte man doch im Winter den üppigen Schnee einsammeln und zu riesigen Bergen auftürmen.

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Die Berge könnte man mit einer dicken Schicht Sägespäne bestreuen und somit prima isolieren. So gut, dass selbst 24 Stunden Sonnenschein pro Tag dem Schnee im Sommer nichts anhaben können.

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Und dann im Oktober, wenn es zwar endlich kühler aber noch nicht so richtig Winter ist, könnte man den Schnee wieder ausgraben, grosszügig im Wald verteilen und darauf eine 2 km lange Loipe ziehen.

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Wenn das Kind aus dem Haus ist…

…fahren die Eltern in den Nationalpark.

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Denn es ist ja für gewöhnlich so. Entweder nötigt man das Kind mitzukommen und hört sich den ganzen Tag Gejammer und Gemecker an. Oder man lässt es zu Hause zurück und hat den ganzen Tag das Gefühl was falsch zu machen und ausserdem ein schlechtes Gewissen.

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Am Sonntag aber war Pauline den ganzen Tag auf Wettkampfreise. Auf ihrem ersten richtigen Wettkampf. Kein jede-Mannschaft-bekommt-eine Medaille-Spass mehr, sondern echte Punktrichter die echte Punkte vergeben. Es lief alles bestens und sie verbrachte einen sehr aufregenden Tag in einer Turnhalle und im Bus.

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Wir fuhren in den Pyhä-Häkki-Nationalpark, wo wir das letzte Mal auch schon am Ende eines Oktobers waren. Es war auch wieder genauso finster. Und genauso schön. Wir liefen eine ausgedehnte Runde und sassen lange im Schneetreiben am Feuer und fütterten dort Kohlmeisen mit Brotkrümeln.

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Nach unserer Heimkehr war dann sogar noch Zeit für einen ausgedehnten Saunabesuch bevor wir rundum glücklich ein rundum glückliches Kind wieder vom Bus abholten.

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Hausaufgabe heute:

Leben retten.

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Manchmal bringt sie wirklich lustige Dinge aus der Schule mit. Neben Herzdruckmassage und stabile Seitenlage üben, haben wir auch zu Hause alle Feuermelder überprüft, sind die Fluchtwege durchgegangen und haben (huch!) Feuerlöscher/Löschdecke auf den Einkaufszettel geschrieben. Notrufnummer und Adresse sitzen.

(Schade, dass wir „Mini Anne“ nicht bis zur Halloweenparty nächste Woche behalten können.)

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Mannschaftsabend

Und dann war da noch der Mannschaftsabend (Teambuilding!) von Paulines Gymnastikmannschaft.

Beim Mannschaftselternabend wurde ich gefragt ob ich… na wortwörtlich übersetzt einer der zwei Mannschaftsdirektoren sein könnte. Ich hatte meine Antwort parat, denn ich hatte mir das schon vorher genau überlegt. Der sogenannte Jo-Jo (Fragt nicht! Als zum allerersten Mal, noch in der alten Mannschaft, die davon Rede war, dachte ich es ginge um die Aufführung und die würde Jo-Jos beinhalten. Ist aber nur eine Abkürzung.) ist die Verbindung zwischen Verein und Mannschaft – man kümmert sich um den Informationsfluss von Verein zu den Eltern und umgekehrt, verwaltet die Mannschaftsfinanzen usw. Man muss zum Beispiel zu Versammlungen gehen, dort die wichtigsten Informationen herauspicken und dann an die Eltern weitergeben. Man muss etliche Dinge wie Wettkampfreisen organisieren und dafür jede Menge Telefonate führen. So Kram. Kram für den man möglichst gut Finnisch können muss. Ich verneinte also bedauernd. (Pauline hielt mir hinterher einen längeren Vortrag. Darüber, dass ich immer vorm Finnisch weglaufe, anstatt Herausforderungen anzunehmen, mit deren Hilfe ich die Sprache besser lernen könnte. Tja!) Der andere Jojo, die Mutter die das schon seit Jahren macht, war – berechtigterweise – ein wenig pikiert, denn alle anderen anwesenden Eltern hatten vor mir auch schon aus diversen Gründen verneint. Und dann sagte sie, dass ich dann ja wenigstens den Mannschaftsabend organisieren könnte, dafür bräuchte ich nämlich kein Finnisch. (Haha!). Und dann war die Rede von irgendeinem Laken und ich verstand schon wieder nur Bahnhof.

Sie bemühte Google und zeigte mir bildlich worum es ging. Die Mädchen sollten nämlich am Mannschaftsabend ein „Unterstützungslaken“ (Herrgott, Übersetzer werde ich jedenfalls mal nicht.) basteln. So ein Banner, das bei Wettkämpfen aufgehängt wird um die Mannschaft anzufeuern. (Anfeurungsbanner? Auch nicht besser.) Das hatten sie in der alten Mannschaft nicht und mir waren die auch noch nie aufgefallen. Aber so eins sollte ich jedenfalls vorbereiten. (Unter anderem.) Ich besah mir die Bildchen und nickte ergeben. Prima, sagte die Trainerin, das Thema ist dann Wald.

Zu Hause besah ich mir nochmals die Vorlagen und fing dann an zu malen. Dann schaute ich zwischen meinen Skizzen und den Bildern im Computer hin und her und musste grinsen. Das hatten sie nun davon mir das aufzudrücken. Rosa-glitzer-blingbling ist nämlich eher nicht meine Welt, auch wenn es natürlich die Gymnastikwelt ist. Gebt halt mir nicht so eine Aufgabe, schon gar nicht mit Thema Wald. Ich bereitete also vor.

Dann kam der Abend und als allererstes machten die Sportlerinnen… Sport.

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Was mich ja immer wieder beeindruckt: diese finnischen Kinder. In anderen Teilen der Halle ging es deutlich höher hinaus als im Bild zu sehen und das war dann nicht jedermanns Sache. Aber umso schwerer es einer fiel oder umso ängstlicher sie war, desto mehr Jubel und Applaus bekam sie. Keiner, nicht eine, sagte irgendein abwertendes Wort oder guckte auch nur so.

Nachdem sich die Äffchen dann müde geklettert hatten, chauffierten wir sie in die Vereinsräumlichkeiten und versorgten sie mit gesundem (Sportler!) Essen. Na und ein paar Gummibärchen zum Nachtisch. Und dann ging es ans Laken. Ich stellte meine Ideen vor (auf Finnisch wohlgemerkt), die Mädchen waren begeistert (sie sind alle im besten Harry-Potter-Alter, da kommt eine Eule immer gut.) und dann legten wir los. Es ergaben sich noch ein paar neue Ideen, die mir persönlich nicht soo gefielen, aber es sollte ja ihr Laken werden. Also ermunterte ich sie freundlich. Innerlich war ich etwas angespannt, denn nicht nur war eine der anwesenden Mütter Handarbeitslehrerin, während ich beispielsweise noch nie mit Stofffarbe gearbeitet habe, sondern eben auch wegen der eher anderen Aufmachung. Und prompt: Das ist ja mal ganz was anderes. Das wird aber auffallen. *Pause* Mädels, ich glaube ihr werdet das allerschönste Unterstützungslaken haben.

Ich glaube auch.

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Science rocks

Was mich im September noch so in Atem hielt war die Europäische Nacht der Forscher. Ich weiss nicht wie gross das in Deutschland ist, hier in Finnland und ganz besonders an unserer Uni ist es seit einigen Jahren eine jährlich wachsende und richtig gut angenommene Veranstaltung. Unis und Forschungsinstitute laden an einem Freitagabend im September die Allgemeinheit zu sich ein und stellen ihre Forschung vor – zum Anfassen, Mitmachen und Verstehen.

Normalerweise kommunizieren wir über unsere Arbeit nur mit anderen Wissenschaftlern. Seit einigen Jahren wird uns aber immer mehr bewusst wie wichtig es ist darüber hinaus zu gehen. Da ein Grossteil unserer Forschung durch Steuergelder finanziert wird, müssen wir transparent sein und Verständnis schaffen. Gerade in Zeiten, in denen Forschungsgelder überall auf der Welt immer weiter zusammengekürzt werden, brauchen wir die Leute auf unserer Seite, müssen wir ihnen zeigen wie wichtig das ist was wir machen. Und nicht nur uns wird das Geld immer knapper, sondern auch den Schulen. Da Bildung aber nach wie vor die beste Investition in die Zukunft ist, müssen wir die Ärmel hochkrempeln und eben selber Bildung anbieten. In Zeiten von Klimawandel und Artensterben mehr denn je. Dafür ist diese Nacht der Forscher da.

Ich gehörte in diesem Jahr zum Organisationsteam und wir haben seit Monaten an der Vorbereitung gearbeitet. Am Abend selbst waren allein bei uns Biologen knapp 90 Wissenschaftler und Studenten auf den Beinen um ihr Wissen zu teilen. Es gab schon am Morgen workshops für Kindergarten- und Schulgruppen, die spielerisch lernen konnten wie Bakterien resistent gegen Antiobiotika werden. Oder wie neue Arten entstehen, am Beispiel von Pokemons. Am Abend gab es unzählige verschiedene Stationen, eine cooler als die andere. Wir hatten verschimmeltes Brot unterm Mikroskop, es gab echt gifitige Giftfrösche, man konnte mit Fruchtfliegen ein Experiment machen, Bärtierchen bewundern und erfahren warum die schon im Weltall waren, mit einem lustigen Spiel lernen warum sich invasive Arten so schnell verbreiten, Proteinkristalle in allen Farben bewundern, die Welt mit den Augen von Schmetterlingen und Bienen sehen und noch viel mehr. Es gab mehrere Vorlesungen (Die Evolution furchterregender Dinosaurier – für Kinder) und ein Quiz bei dem es tolle Preise zu gewinnen gab (Basilikumsamen zum Beispiel). Und das waren nur wir, es gab ein fast ebenso so tolles Programm bei den Chemikern, den Physikern, den Nanowissenschaftlern, den Musikern, den Sportlern und ich weiss nicht wo noch. (Insgeheim gibt es natürlich einen Wettberwerb wer von uns die meisten Besucher anlockt. Wir waren Zweite dieses Jahr und das Ziel für nächstes Jahr ist klar.)

Und das Wunderbarste? Die Leute kommen. Sie kommen in Strömen. Sie sind neugierig, aufgeschlossen und interessiert. Sie warten geduldig an den Mikroskopen bis sie dran sind (sagte ich, dass es voll war?) und bedanken sich am Ende begeistert. Kinder stehen mit grossen Augen vor uns und hängen uns an den Lippen. Sie flitzen fiebrig von einer Station zur Nächsten um wirklich alle Quizfragen zu lösen. Im Dinosauriervortrag konnte meine Kollegin irgendwann aufhören zu erzählen, weil die Kinder selbst so viel wussten und sich eifrig mitteilten. Ich rannte den ganzen Abend hin und her, sah nach dem Rechten, wies den Weg, löste Probleme. Aber einmal kurz hielt ich ganz still, liess die Besucher um mich wuseln und speicherte mir den Moment unter besonders glücklichen Erinnerungen. Ich war unfassbar gerührt über all die Leute die zu uns gekommen waren, all die Leute mit richtigem echten Interesse. Zweitausend Menschen nur bei uns Biologen. Über 14 000 in der ganzen Uni. Für eine mittelgrosse finnische Stadt ist das überwältigend.

Ich bin den ganzen Tag über nicht zum Fotografieren gekommen, aber hier gibt es einen prima Eindruck:

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Stupor!

Vielleicht weiss ich jetzt wie es sich anfühlt wenn man vom Schockzauber getroffen wird.

Es sind Herbstferien. Ich habe leider keine freien Tage mehr. Der Iso aber schon und so brachen Vater und Tochter heute in den Urlaub auf. Es kam schon zwei oder drei Mal vor, dass ich über Nacht alleine zu Hause war, aber noch nie EINE GANZE WOCHE lang. Ich winkte dem Auto noch nach, als es schon lange nicht mehr zu sehen war und irgendwann schloss ich die Haustür hinter mir und stand da wie vom Donner gerührt. Da war eine Mischung aus einer grossen Portion Traurigkeit, einer Mittleren Schreck und einer kleinen, zugegeben, Vorfreude. Ich habe in der letzten Woche lauter Dinge aufgeschrieben, die ich diese Woche über machen könnte. Und da sind nicht nur lästige Erledigungen dabei, für die jetzt endlich Mal Zeit wäre, sondern auch richtig schöne Sachen, wie ein ganzes Buch am Stück von vorn bis hinten durchlesen oder Kutschenfilme gucken. (Kutschenfilme nennt der Iso das Genre, welches ich am liebsten sehe, weil in der Regel als erstes eine Kutsche vorfährt.) Aber für eine halbe Stunde war ich wie gelähmt, wollte überhaupt gar nichts machen und starrte verwirrt aus dem Fenster. Dann begann ich automatisch die Küche aufzuräumen und dann griff ich mich an den Kopf. Aufräumen!?! Stattdessen spazierte ich in unser „Lager“, pustete den Staub von der Kiste mit den DVDs und nach etwa dreissig Minuten Jane Austen liess der Schockzauber nach.

(Apropos Schockzauber, ich mag auch unbedingt Filme, in denen Zauberstäbe geschwungen werden. Gleich mal noch auf die Liste schreiben.)

Und apropos Kutschenfilme. Ich war in dieser Woche auch schon im Kino. Nun fahren in Downton Abbey eher weniger Kutschen, aber im Grossen und Ganzen passt es doch ganz gut in die Kategorie. Ich bin übrigens kein Fan der ersten Stunde. Im Grunde bin ich überhaupt kein Fan von Serien. Nichts gegen gute Geschichten die endlos weiter gehen, aber genau deshalb sind Serien oft nicht sooo gut gemacht. Und es macht mich wahnsinnig, dass in jeder Folge unbedingt irgendetwas passieren muss, um des Passierens Willen, und es mit fortschreitenden Staffeln immer abstruser wird. Ich schaue also quasi nie Serien. Anlässlich des Kinofilms hat das finnische Fernsehen alle Staffeln in diesem Jahr wiederholt und ich hatte schon so viel Gutes über Downton Abbey gehört und mag die 20iger Jahre wirklich sehr. So ergab es sich. Tatsächlich gab ich fast zu Anfang auch gleich wieder auf, weil Mr. Pamuks Tod ein solcher an den Haaren herbeigezogener Quatsch war. Aber es war ansonsten eben doch ziemlich gut gemacht und so wenig ich selbst aussehe, als würde mich Mode interessieren, so sehr gucke ich mir doch gern schick angezogene und aufwändig frisierte Leute an. Und jetzt dann also der Kinofilm. Es war sehr schön viele Charaktere wieder zu sehen, es traf genau meinen Humor, war mit Liebe zum Detail gemacht und am Ende war (fast) alles gut. Der Film war wie eine grosse Schüssel warmer Griessbrei mit Zucker und Zimt.

Danach dann durch die Frostnacht nach Hause radeln, über den glattgestrichenen See in dem sich die Stadt und der Mond spiegelten, das war auch ziemlich toll.

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(Das lila Dings ist übrigens kein Ufo. Sondern ein Wasserturm.)

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Fisch-Finale

Der Grossteil unserer diesjährigen Experimente war ja bereits im Sommer gescheitert, aber ein paar Fische schwammen noch im Dienste der Wissenschaft umher. Und so machten wir uns im September noch einmal auf in die Fischforschungsstation. Noch zwei letzte Wochen in diesem Jahr Fische fangen, wiegen, messen und manche auch sezieren. Es ging hoch her und wir hatten lange, verrückte Tage. Am letzten Abend entkorkte der Chef eine Flasche Wein um das Ende der Feldsaison zu feiern. Und ich seufzte erleichtert „Morgen wird peanuts“ hervor, denn es war wirklich nur noch ganz wenig zu tun.

Murphy und so. Oder halt Pechjahr. Jedenfalls bemerkte ich am nächsten Morgen, dass in unserer Datei (und zwar in allen Sicherheitskopien) ein Teil der Daten fehlte. Wie genau das passiert ist weiss ich nicht. Es hat wohl was mit ‚im Eifer des Gefechts die Datei in die falsche Richtung überschrieben‘ zu tun. Jedenfalls waren viele wichtige Zahlen verschwunden. Dass wir wirklich müde waren bemerkte man daran, dass nun eine Person anfing Dinge durch die Gegend zu werfen und eine andere Tränen zu vergiessen. Als wir damit fertig waren bissen wir die Zähne zusammen und machten die Arbeit halt noch mal. Immerhin war das möglich. Immerhin dauerte es nur sechs Stunden. Und an Weihnachten, glauben wir, können wir womöglich darüber lachen.

Die ganzen zwei Wochen lang war übrigens herrlichstes Herbstwetter. Einmal ging ich  „kurz“ nach draussen um ein Foto von den Aussenanlagen zu machen. Für das Poster, das ich nebenbei auch noch eben erstellte. Und dann verzettelte ich mich ein wenig in der Sonne.

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Fischtransport

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