Alltagsfotos 5/5 2022

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7:59 Uhr – Ich bin in diesem Jahr äusserst uninspiriert mit den Fotos. Naja Punkte gehen immer. Jedenfalls habe ich gerade Pauline verabschiedet – sie schreibt heute den letzten Test des Schuljahres und dann gehen sie (finnischer Sportunterricht ist einfach herrlich) zwei Stunden auf den Golfplatz Golf spielen – und mache mich jetzt auch abfahrbereit.

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17:13 Uhr – Ich komme zurück nach Hause, ziehe meine Schuhe aus und sehe, dass mein Strumpf kaputt ist und ganz bedröppelt guckt.

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18:40 Uhr – Ich habe Pauline zum Training gefahren und weil heute kurzes Training ist („nur“ zwei Stunden) vertreibe ich mir die Zeit mit einem Freitagabendspaziergang in der Nähe. Lange stehe ich auf der Eisenbahnbrücke und vorfreue mich auf den Sommer.

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19:14 Uhr – Leberblümchen!

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20:22 Uhr – Spaziergang und Training sind beendet. Auf der Heimfahrt halten wir noch kurz an der Bücherei um ein vorbestelltes Buch abzuholen. Bemerkenswert ist, dass das Buch für Pauline ist, die bis vor kurzem überhaupt nicht gern gelesen hat. (Freudig hüpfendes Mutterherz!)

Alltagsfotos 4/5 2022

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8:17 Uhr – Vor dem Gehen schnell noch Augentropfen. Die Birkenpollen soll der Teufel holen! (Besten Dank an die liebste Freundin, die mir diese Tropfen empfohlen hat, die sind wirklich super!) Leider kann ich bei mir selbst Augentropfen nur im Liegen verabreichen und nun liege ich hier so schön auf dem Sofa…

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8:34 Uhr – Ich habe mich doch aufgerafft, obwohl es schon wieder regnet. Auf dem Radweg muss man Slalom fahren um keinen Regenwurm zu überfahren.

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17:29 Uhr – Der Arbeitstag war… arbeitsreich. Ich nutze eine Regenpause um nach Hause zu fahren.

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19:44 Uhr – Wir haben Abendbrot gegessen und nun ist der Hamster dran. Ich gehe Löwenzahn pflücken und sehe, dass es draussen jetzt österlich wird.

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20:00 Uhr – Es muss am Wetter liegen. Ich habe das dringende Bedürfnis mich ins Bett zu legen und mir die Decke über den Kopf zu ziehen. Eigentlich möchte ich Robbenfernsehen gucken, aber die sind gerade unterwegs. Also Fischadlerfernsehen. Der Lifestream ist mit Ton und ich höre so viele Vögel singen und rufen. Der Fischadler quietscht auch ein bisschen vor sich hin. Jetzt geht’s mir wieder gut :)

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Alltagsfotos 3/5 2022

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8:25 Uhr – Heute dann doch mal wieder Home Office. Ich erwarte ein Paket und ausserdem regnet und stürmt es. In der Wohnung ist es so finster, dass ich jetzt doch mal das Licht einschalte.

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11:23 Uhr – Trari trara, die Post ist da. In diesem liebevoll verpackten Karton befindet sich ein neuer Staubsauger. Unserer war kaputt und da die Garantie noch (lange!) nicht abgelaufen war, bat man mich das defekte Gerät nach Schweden zu schicken. Erst als es dort angekommen war, schickte man einen Neuen zu uns. Ich freue mich also, dass wir jetzt nach Wochen endlich wieder einen Staubsauger im Haus haben, aber leider ist es das falsche Modell. (AUGENROLL-EMOJI)

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12:04 Uhr – Mittagspause. Heute leistet mir Schorsch Gesellschaft. Wir hatten schon seit vielen Jahren keinen Vappu-Ballon mehr. Dieser hier ist uns quasi zugeflogen. Der Iso klaubte ihn von der sehr hohen Decke des Einkaufszentrums, wo er in der Woche vor Vappu beruflich zu tun hatte. Es tut mir schon leid für das Kind, dem er entglitten ist, aber er bereitet mir echt Freude.

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18:46 Uhr – Feierabend. Pauline kam etwas angeschlagen aus der Schule nach Hause, musste also nicht zum Training gefahren werden und so fiel auch mein geplanter Ausflug zum Gartenmarkt aus. Muss ich mich also anderweitig an Grünzeug erfreuen.

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19:32 Uhr – Ich bin durch den Wald zum See gelaufen und muss jetzt lachen.

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Alltagsfotos 2/5 2022

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8:59 Uhr – Den Rucksack passend zu den Strümpfen ausgewählt gepackt und nun wird’s aber wirklich höchste Zeit loszukommen. Pauline ist – der Streik ist zu Ende – schon vor 10 Minuten in die Schule gefahren. Höchst aufgeregt, denn heute erfährt sie wer ab August, wenn sie auf die „Oberschule“ (7.-9. Klasse) wechselt, ihre Mitschüler sein werden. Ihr grösster Wunsch ist, dass sie mit ihrer deutschen Freundin, die auch auf diese Schule gehen wird und mit der sie quasi seit ihrer Geburt unzertrennlich ist, in eine Klasse kommt. Bei acht Parallelklassen stehen die Chancen nicht allzu gross, aber tatsächlich klappt es :)

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11:33 Uhr – Gemeinsam mit meiner Freundin sitze ich im Kaffeeraum, wir essen Mittag und geniessen den Blick auf den eisfreien (!) See und den Hauch von Grün an den Bäumen. (Wie, ihr seht kein grün? Guckt mal richtig hin!) Die Freundin ist den ersten Tag seit ihrer Covid-Infektion wieder im Büro und wir unterhalten uns darüber wie unschön es ist, dass im Krankheitsfall niemand unsere Arbeit übernimmt, sondern sie sich einfach immer weiter auftürmt. Augen auf bei der Berufswahl!

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17:21 Uhr – Mit einer weiteren Freundin bin ich die Stadt gelaufen um gemeinsam ins Kino zu gehen. Ich komme mir etwas verwegen vor, da ich schon das zweite Mal in fünf Tagen im Kino bin. Aber nach zwei Jahren Pandemie gibt es einiges nachzuholen. Der neue Downton Abbey Film ist „comfort food“, so wie der Vorgänger und die Serie auch, allerdings waren wir uns hinterher einig, dass man es inhaltlich etwas zu gut gemeint hat. (Achtung Spoiler!) Eine Hochzeit, zwei Hochzeitsanträge, zwei andere Anträge, eine Krankheit, ein Todesfall, ein Baby, eine Reise an die Riviera , eine alte Liebesgeschichte, eine unsichere Vaterschaft, ein Filmdreh mit angeschlossenen Dramen… Uff.

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20:54 Uhr – Wir waren im Anschluss noch eine Kleinigkeit essen und trinken und jetzt bin ich auf dem Heimweg. Ich freue mich so über den eisfreien See und die inzwischen wieder ganz schön langen Tage (über 17 Stunden liegen zwischen Sonnenauf- und Untergang).

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21:34 Uhr – Ich habe die Familie begrüsst und gehe nochmal kurz in den Garten, weil dort jetzt wieder Hamsterfutter wächst.

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Alltagsfotos 1/5 2022

Nummer 8 der 5×5 Alltagsfotos im Mai. Ich bin jedes Jahr auf’s neue überrascht, dass ich überhaupt an die Fotoserie denke. Irgendwann mache ich  ein Fotobuch daraus.

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7:56 Uhr – Ich habe mich endlich aus dem Bett gequält, das war heute eine eher schwierige Angelegenheit. Montagmorgen plus Corona-Nachwehen und Pollenallergie… Da heute 9-18 Uhr das Wasser abgestellt wird, lege ich erstmal ein paar Vorräte an.

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8:13 Uhr – Ich frühstücke allein. Das Kind kann den fünften Wochentag in Folge ausschlafen, da die Lehrerinnen und Lehrer streiken. Zur Unterhaltung spiele ich Wordle. Eigentlich spiele ich niemalsnicht Online-Spiele, aber das hier ist toll. Das Allerbeste: man kann es nur einmal am Tag spielen und kommt nicht in Versuchung seinen Tag damit zu verbringen. Ausserdem spielt es meine Mama auch und ich liebe es mit ihr ausführlich die Lösungsworte und die Wege dahin zu besprechen.

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17:45 – Feierabend. Seit Anfang April bin ich zurück im echten office und es ist SO schön! Andere vier Wände, andere Leute, Gespräche auf dem Gang und im Kaffeeraum, Seminare in 3 D, ein fester Schreibtisch mit grossem Bildschirm und bequemen Stuhl davor, Arbeitsgruppentreffen mit Brettspielen, fertig gekochtes Mittagessen… Jetzt aber Heimweg. Angeblich sind 10°C, aber mir pfeift ein eisiger Wind um die Ohren und ich bin froh um meine Mütze und Handschuhe. Und ja, so hübsch sieht finnischer Frühling aus!

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19:12 Uhr – Ich habe das Gefährt getauscht und hole Pauline vom Training ab. Seit die Benzinpreise so hoch sind, lassen wir immer den Verbrauch anzeigen, was echt hilft sparsam zu fahren. Innerfamiliär hat sich ein kleiner Wettstreit darum ergeben, wer die Turnhallentour mit dem geringsten Durchschnittsverbrauch schafft. Als ich auf dem Parkplatz ankomme, habe ich einen neuen Rekord erreicht und muss ein Beweisfoto machen.

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20:26 Uhr – Immer noch kein Wasser und unsere Vorräte sind aufgebraucht… Ich werde erst etwas ungeduldig und dann fallen mir die Menschen in der Ukraine ein.

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Die letzten drei Monate im Schnelldurchlauf

Arbeit: Ich habe so viel gearbeitet wie schon lange nicht mehr. Altes Projekt zu Ende bringen und tausend Dinge für das Neue lernen waren an sich schon tagesfüllend. Dann fiel Ende Januar meine Chefin aus familiären Gründen aus und ich musste sie in vielen Angelegenheiten vertreten. Da ich ja gerade erst frisch in der Arbeitsgruppe angefangen hatte, (noch) keine Expertin im Forschungsthema bin und überhaupt gar nicht so richtig wusste wie der Hase läuft Fisch schwimmt, war das sehr sehr herausfordernd. Und zeitraubend. Daher die Stille hier. Gleichzeitig hat es aber auch Spass gemacht und ich habe viel gelernt. Als es Mitte April etwas ruhiger wurde bekam ich eine Corona-Infektion.

Corona: Inzwischen ist die ganze Familie durch damit. Überhaupt kenne ich kaum noch jemanden, der es noch nicht hatte. Fazit: Corona ist wie ein Überraschungsei. Ob man sich bei Kontakt ansteckt, welche Symptome man bekommt, wie schwer man erkrankt und wie lange man braucht um wieder fit zu sein. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass wir drei schonmal die gleiche Krankheit hatten und die dann so unterschiedlich ausfiel. Als Pauline im Februar krank wurde, und das ziemlich heftig dafür, dass es bei Kindern ja nichts weiter ist und sie ausserdem auch geimpft war, da haben wir sie nicht isoliert. Angesteckt haben wir Eltern uns trotzdem nicht. Zwei Monate später hatte plötzlich der Iso einen positiven Test. So richtig wissen wir immer noch nicht wo er sich angesteckt hat, irgendwie auf der Arbeit, aber dort wurde zu dem Zeitpunkt noch Maske getragen (inzwischen sind alle Einschränkungen aufgehoben). Zwei Tage später konnte auch ich dann zwei Teststreifen vorweisen. Trotz unterschiedlicher Symptome war es übrigens bei keinem von uns „nur ein Halskratzen“ oder auch „nur eine leichte Erkältung“. Ganz im Gegenteil ging es uns allen so richtig dreckig und knapp vier Wochen nach meinem positiven Test brauche ich immer noch deutlich mehr Schlaf als vorher.

Teenager: Als Mutter und Vater mit der Seuche im Bett lagen, wurde das Kind dreizehn!!! Die Geburtstagspläne fielen so – danke für nichts, blödes Kack-Virus – zum dritten Mal in Folge ins Wasser. Sie trug es einigermassen mit Fassung und wir machten das Beste draus. Immerhin waren die Gymnastik-Wettkämpfe besser getimt, einer vorher und einer danach. So konnten wir ihre neue Mannschaft zwei mal anfeuern und dabei sein als den strahlenden Mädchen Medaillen um den Hals gelegt wurden.

Politische Lage: Womöglich wird Finnland schon bald der Nato beitreten. Allein die momentane Diskussion darüber wäre noch vor einem halben Jahr undenkbar gewesen. Aber wenn man sich eine über 1000 km lange Grenze mit Russland teilt und mit der Vergangenheit vertraut ist, sieht man den Krieg in der Ukraine auch noch mal aus einer anderen Perspektive. Angst und Sorgen sind hier durchaus präsent und ich kann den Wunsch vieler Finnen gut verstehen jetzt doch der Nato beitreten zu wollen. Auch wenn ich es schade finde, denn ich war immer stolz auf die Neutralität Finnlands und seine Rolle als Vermittler. Aber was will man machen wenn der Nachbar wahnsinnig geworden ist?

Winter, ade: Die Sache mit dem Frühling zieht sich in diesem Jahr ganz besonders in die Länge. Seit Februar liegt zwar irgendwie Frühling in der Luft, aber erst jetzt sind die 80 cm Schnee weitestgehend verschwunden (die Loipenpflege wurde in diesem Jahr am 1. Mai eingestellt – man hätte fünf Monate lang Ski fahren können wenn einem nicht Anfang März der Skistock zerbrochen wäre oder es in den Läden noch welche zu kaufen gegeben hätte) und die Seen tauen in Zeitlupe auf. Immerhin habe ich gestern die ersten kleinen Blättchen an einer Birke gesehen. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben, an allen Fronten.

Finnlandtag Nummer 20

Letzten Samstag jährte sich der Tag, an dem wir „für vier Jahre“ nach Finnland zogen zum zwanzigsten Mal. Zwanzig!!! Einerseits ist es unvorstellbar wie die Zeit so schnell vergehen konnte, andererseits fühlt es sich schon ziemlich lange her an. Dieser Tag, an dem wir mit einem Auto voller Umzugskisten von der Fähre rollten, grosse Augen über den vielen Schnee machten und unsicher mit unseren Ganzjahresreifen weiter Richtung Norden rutschten.

Ich kann gar nicht sagen wann uns klar wurde, dass es nicht nur bei den geplanten vier Jahren bleiben wird, aber ich glaube es war ziemlich schnell. Weil wir uns so wohl fühlten, angekommen und zu Hause. Das hat sich in all den Jahren nicht geändert, auch wenn irgendwann die Faszination des Neuen nachlässt und der Alltag einzieht (und man jeden Wanderweg gegangen ist). Deshalb ist der 26. Februar immer noch ein innerfamiliärer Feiertag, der Finnlandtag.

Wir begingen ihn würdig. Wir schnallten uns die Skier, die wir damals gekauft hatten und mit denen wir überhaupt erstmal Skier fahren gelernt hatten, unter und fuhren 15 km über einen winzigen Teilausschnitt von Finnlands zweitgrösstem See. Genauer gesagt einmal um eine seiner vielen Inseln herum. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, die Sonne schien wie verrückt von einem knallblauen Himmel und es war fast nicht kalt :)

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Wir glitten vorbei an Alvar Aaltos Sommerhaus (Experimentalhaus), das an einer wunderschönen Stelle liegt. An riesigen Findlingen mit Schneehaube. An anderen Inseln und Inselchen. Auf einer machten wir eine ausgedehnte Pause und hielten die Nasen in die Sonne. Den Stein, auf dem wir sassen, hatte sie für uns angewärmt.

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Wir kamen an Stellen vorbei, an die wir im Sommer niemals kommen würden, da dort keine Strassen und Wege hinführen und wir so eingefinnischt immer noch nicht sind, dass wir ein Boot besitzen würden. Manchmal quatschten wir und manchmal fuhren wir schweigend hintereinander her. Dann dachte ich dankbar und glücklich über die letzten zwanzig Jahre nach.

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Wir haben nie gesagt, dass wir für immer bleiben. Denn wer weiss das schon. Aber noch immer kann ich mir keinen besseren Wohnort vorstellen.

Madeira, Teil III

Der höchste Berg Madeiras, der Pico Ruivo, ist 1862 m hoch und war an diesem Tag unser Ziel. Weit vor dem ersten Hahnenschrei klingelte der Wecker. Durch die Dunkelheit fuhren wieder die Tunnelkette nach Funchal, hinauf in den Stadtteil Monte, den wir ja schon mit der Seilbahn besucht hatten, und immer höher in die Berge. Wenige Minuten vor Sonnenaufgang, der Himmel färbte sich schon orange, kamen wir auf dem Gipfel eines benachbarten Berges, dem Pico do Ariero (1818 m) an. Und staunten nicht schlecht über die vielen Menschen, die zu solch einer frühen Stunde schon da waren. Vermutlich hatten sie auch alle gelesen, dass ein Sonnenaufgang hier oben ein schönes Erlebnis ist :)

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Es war mit 12°C und dem eisigen Wind, der über die Bergkuppe fegte, ganz schön frisch, aber wir waren schliesslich aus Finnland angereist und entsprechend ausgestattet. Andere hatten ihre Hotelzimmerbettdecken mitgebracht und wieder andere zitterten in kurzer Hose vor sich hin. Der Sonne beim Aufgehen zuzusehen war tatsächlich sehr schön, aber es fühlte sich auch hier gar nicht so hoch an wie es war. Noch schöner war das Licht, mit dem die junge Sonne die Berge beschien.

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Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass die Wanderwege ziemlich voll sein würden, aber der Grossteil der Leute war tatsächlich nur für den Sonnenaufgang gekommen, stieg wieder ins Auto und brauste die steilen, kurvigen Strassen davon. Wir machten uns vorfreudig auf den wirklich spektakulären Weg zum Pico Ruivo.

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Rechts im Bild sieht man eine Aussichtsplattform, auf der wir gerade noch standen. Wir schraubten uns etwa 350 Höhenmeter bergab, wobei schrauben gar nicht das richtige Wort ist. Der Grossteil dieses Wegabschnittes besteht aus in den Fels geschlagenen Stufen. Viele viele steile Stufen. Na, wer kann sie sehen?

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Zwischen dem Start- und Zielgipfel liegt noch der zweithöchste Berg Madeiras, der Pico das Torres, an dessen Hang sich der Weg entlang schlängelt. Oder eben – schliesslich ist das Madeira – mitten durch geht.

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Wandertunnel! Wie toll ist das denn bitte? Die ganze Strecke über gibt es übrigens wenige Stellen, an denen der Weg breiter als 1-2 Menschen ist und wo man sich also setzen und eine Rast machen könnte. Aber überall dort, wo es möglich ist, tummeln sich Rothühner. Sie gucken etwas weniger vorwurfsvoll als die Buchfinken am Wasserfall wenn sie nur fotografiert werden und niemand Pausenbrote auspackt.

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Madeira wird ja eigentlich auch die Blumeninsel genannt, aber davon war jetzt Anfang Januar natürlich nicht so viel zu sehen. Einmal jedoch bemerkte die Familie, dass ich plötzlich nicht mehr hinter ihr war, musste eine Weile warten und begrüsste mich, als ich dann wieder aufschloss, mit „Na, haste wieder Blümchen fotografiert?“. Hatte ich.

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Nach der einen oder anderen Felsstufe sowie diversen in den Berg geklebten Metalltreppen näherten wir uns dem Gipfel, unterhalb dessen selbstverständlich eine Berghütte steht, bei der man sich mit Erfrischungsgetränken sowie Kaffee und Kuchen stärken kann, was wir selbstverständlich taten. Danach waren die letzten Meter nur noch ein Klacks und wir waren oben.

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Man kann sich dort einmal um die eigene Achse drehen und sieht die ganze Zeit das Meer. Und die ganze Insel von Süd nach Nord und von Ost nach West. Superschön! Oft steht man hier auch über den Wolken, was ich mir auch ziemlich reizvoll vorstelle. (Ich möchte mich aber keinesfalls über unser Wetter beschweren!) Die grauen Gewächse oben im Bild übrigens, die aussehen wie Flechten, das sind Bäume, die seit einem Waldbrand vor einigen Jahren abgestorben sind.

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Man neigt immer dazu vor einer Wanderung, die den gleichen Hin- und Rückweg hat zu denken, es könnte irgendwie etwas langweilig werden. Was natürlich völliger Blödsinn ist, denn auf dem Rückweg guckt man ja immer in die andere Richtung, der Tag ist weiter fortgeschritten und das Licht ganz anders und überhaupt könnte ich diese Wanderung noch zehn mal machen und sie würde mir nicht langweilig werden.

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Das war natürlich der allerschönste, von all den grossartigen Tagen auf Madeira!

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Am nächsten Morgen hatten wir alle (1400 Höhenmeter in Form von Treppen!) einen veritablen Muskelkater. Das heisst, der Rest der Familie behauptete keinen zu haben, aber das habe ich denen nicht abgenommen. Jedenfalls gab es, nachdem ich es irgendwie von der oberen Etage des Ferienhauses bis zur Mittleren geschafft hatte, wieder ein Terrassenfrühstück. Ich versuchte die ganze Zeit nicht daran zu denken, dass dies schon unser letzter Urlaubstag war. Zur Schonung der Gliedmassen (und Nerven von Teenagern die nicht gern wandern) hatten wir uns für diesen Tag eine kleine Rundfahrt überlegt. Einmal quer durch die Insel (auf der einzig möglichen Strasse) von der Süd- zur Nordküste und dann über die Westküste zurück. Dafür ist Madeira klein genug. Zwischendurch immer mal anhalten und gucken. Erstes Ziel war der erste Ort am Ende der Süd-Nord-Verbindung, Sao Vincente, um (na wer ahnt es schon?) uns erstmal zu stärken. Wir suchten ein Restaurant direkt am Meer aus, der Mann und das Kind wählten nichts ahnend jeweils einen gegrillten Fleischspiess, ich ging kurz zur Toilette und als ich wiederkam war auf unserem Tisch ein riesiges Gestell installiert worden. Kurz darauf kamen die etwa 1 Meter langen Fleischspiesse und wurden am Gestell aufgegangen, so dass man nur seinen Teller darunter schieben und – flupp – einen Brocken drauf fallen lassen konnte. Was es nicht alles gibt! Im Anschluss schauten wir uns noch im Ort um und wollten dann eigentlich gern die alte Küstenstrasse entlang tuckern. Aber die wird wohl, seit es auch hier eine Tunnelalternative gibt, nicht mehr so recht instand gehalten. Was vielleicht verständlich ist wenn es so viele Steinschläge gibt.

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Trotzdem konnte man hier und da zwischen den Tunneln halten um die Aussicht zu geniessen.

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Einmal erspähten wir Felsen im Meer, die wir uns unbedingt aus der Nähe ansehen wollten. Später lasen wir dann, dass sich der Markanteste von ihnen Nadelspitze nennt, aber wir fanden, dass er wie ein herzhaft ausgestreckter Mittelfinger aussieht.

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Was auch noch dringend auf unserem Plan stand war ein Bad im Meer. In Porto Moniz, im Nordwesten von Madeira, gibt es natürlich entstandene Badebecken im Vulkangestein, in denen man vor der Brandung geschützt ist.

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Die Sonne war gerade hinter den Bergen verschwunden, es wehte ein Lüftchen und soo warm war das Meer dann auch nicht. Ich war mir sicher nie wieder warm zu werden wenn ich da jetzt rein stiege. Aber auch wenn mir die noch sehr lange blaulippige und bibbernde Familie hinterher recht gab, ärgere ich mich bis heute ziemlich, dass ich es nicht einfach trotzdem gemacht habe. Denn wie cool ist das denn bitte da umher zu schwimmen? Naja, man soll sich immer einen Grund suchen um nochmal wieder zu kommen.

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Die Autotemperatur auf 25°C gestellt (…) fuhren wir weiter. An der Westküste sah es nochmal ganz anders aus. Irgendwie noch grüner und viel ruhiger. Am westlichsten Punkt der Insel gibt es einen kleinen Leuchtturm, von dem aus der Sonnenuntergang ganz schön anzusehen sei, hatten wir gelesen. Falls das zeitlich passen sollte (so auf und untergehende Sonne wird halt auch nicht langweilig), könnten wir da ja noch halten, hatten wir gedacht. Und wie das passte, als wir ankamen machte sich die Sonne gerade bereit für ihr Bad :)

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Dieses Licht schon wieder!

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Der noch immer schlotternden Familie und mir wurde sehr sentimental zu Mute. Der letzte Tag vorbei. Einen Sonnenuntergang auf Madeira würden wir so schnell nicht wieder sehen. Zum Glück ging unser Rückflug erst am nächsten Nachmittag, so dass wir vorher noch den botanischen Garten in Funchal besuchen konnten. Nochmal so richtig Sonne tanken (obwohl Regen angesagt war), Ausblicke geniessen und Blümchen fotografieren.

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Sowie selbstverständlich noch einmal auf der Terrasse eines Café’s sitzen, den Bauch mit Köstlichkeiten vollschlagen und die Katzen anhimmeln. Die Landsleute am Nebentisch, die laut darüber sprachen, dass zwei Wochen Urlaub auf Madeira einfach viel zu lang sind, die hätten wir gern ein bisschen geschüttelt.

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Auf dem Weg zum Flughafen fing es dann tatsächlich an zu regnen. Wir dachten, die Insel wolle uns den Abschied leicht machen, aber tatsächlich hat sie ein Abschiedsgeschenk vorbereitet.

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Madeira, Teil II

Grundsätzlich hatten wir uns für den Urlaub vorgenommen morgens nicht allzu spät aufzustehen um so viel Tageslicht wie möglich mitzunehmen. Aber am Silvestermorgen schliefen wir natürlich aus. Bis dahin war auch die Sonne über den Berg gestiegen und wir konnten draussen frühstücken. Hach! Dann zogen wir aber endlich die Wanderschuhe an, fuhren wieder den Berg hinterm Ferienhaus hinauf, vorbei am Restaurant mit Katzen und Bananenfisch und noch höher bis wir auf etwa 1400 m auf einer Hochebene parkten. Von dort stiegen wir in ein Tal ab, zunächst auf einer asphaltierten Forststrasse die an sich ein wenig langweilig war, aber wunderschöne Aussichten bot.

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Die Laubbäume links und rechts der Strasse hatten zwar keine Blätter, waren aber trotzdem grün.

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Die Strasse führte schliesslich zu einer Hütte, einem allerliebsten Naturcafé, in dem wir uns erstmal stärkten. Das Frühstück war ja schon mindestens zwei Stunden her und es gab solch leckere Dinge :) Unter den Gästen im Café schwirrten lauter unterschiedliche Sprachen herum, sogar finnisch. Dann schulterten wir wieder die Rucksäcke mit den umsonst mitgeschleppten Bananen und nun wurde der Weg wesentlich spannender.

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Man hat es auch nicht leicht. So als Baum auf Madeira. Noch schöner wurde es als wir auf unsere erste Levada stiessen. Das sind die für Madeira typischen Bewässerungskanäle, die sich über die ganze Insel schlängeln und von denen die ersten schon im 15. Jahrhundert angelegt wurden. Sie leiten Wasser aus niederschlagsreicheren Gebieten in landwirtschaftliche Anbaugebiete und da sie zu Wartungszwecken alle begehbar sein müssen, kann man prima an ihnen entlang wandern.

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Dieser hier nennt sich Levada do Risco (Risiko), war aber ganz ungefährlich und führte zum gleichnamigen Wasserfall. Vielleicht weil das Wasser so verrückt ist und sich 100 m den Berg hinabstürzt.

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Dort am Wasserfall ist wohl auch ein beliebter Picknickpunkt. Jedenfalls kamen mehrere Buchfinken erstaunlich nah an uns heran gehüpft und sahen uns fragend an.

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Man hätte man den Berg noch weiter hinab steigen können, zu weiteren Wasserfällen und Quellen, oder an anderer Stelle wieder hinauf zum Kopf des Wasserfalls, wo es eine Lagune gibt. Aber wir hatten für den Tag noch weitere Pläne und liefen deshalb gemütlich zurück zum Ausgangspunkt.

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Im Ferienhaus wurden die letzten Sonnenstrahlen selbstverständlich für eine Runde im Pool genutzt und als es dunkel wurde machten wir, was wir an Silvester immer tun: Gesellschaftsspiele spielen und Chips essen. Ich hatte sogar drei Luftschlangen mitgebracht. Gegen 22 Uhr aber setzten wir uns nochmal ins Auto und fuhren nach Funchal.

Als wir den Urlaub geplant und gebucht hatten, wussten wir gar nicht, dass Funchal für sein Silvesterfeuerwerk berühmt ist. Wie uns der Ferienhausverwalter stolz aufklärte, ist es eine Feuerwerkssinfonie von über 50 Stationen kreuz und quer über die ganze Stadt abgeschossen, die 2006 vom Guinessbuch der Rekorde zum grössten Feuerwerk der Welt gekürt wurde. Von wo aus sieht man es denn am Besten, wollten wir von ihm wissen. Von überall.

Wir überlegten trotzdem lange hin und her ob wir es uns vom Berghang aus ansehen sollten oder uns unten am Meer in das grosse (angesagte) Getümmel stürzen sollten. Die Mehrheit, zu der ich nicht zählte, entschied für letzteres. Wegen der Stimmung. Nun bin ich ja auch ohne Pandemie keine grosse Freundin von Menschenmassen, schon gar nicht an Silvester. Da kenne ich es aus Deutschland so, dass die Mehrheit der Leute schon weit vor Mitternacht betrunken ist und grösste Freude daran hat Böller zwischen die Menschen zu werfen. Und dann kamen wir nach Funchal und es war so nett und fröhlich und friedlich. Das Ganze war eher ein Familiending, es wuselten viele Kinder umher, niemand war betrunken und trotzdem wurde überall gelacht. Und ganz selbstverständlich Maske getragen und sich aus dem Weg gegangen. Sehr schön konnte man anhand der Kleidung die Einheimischen von den Touristen unterscheiden. Die Madeirer hatten sich unglaublich schick gemacht, ich sah an diesem Abend bestimmt 200 verschiedene Glitzerkleider und Krawatten. Die Touristen sahen so aus wie … wir. Turnschuhe und Regenjacken. Wir liefen etwas an der „Strand“promenade entlang und hatten kurz vor Mitternacht den idealen Ausguck gefunden. Die letzte Minute des Jahres zählten alle (in jeweiliger Sprache) gemeinsam laut runter und dann erlebten wir ein achtminütiges Spektakel, das wir so schnell nicht wieder vergessen werden. (Die Fotos können das gar nicht wiedergeben.)

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Den Neujahrstag verbrachten wir auf Wunsch zweier Damen mit Nichtstun. Mein Tag bestand hauptsächlich daraus auf dem Liegestuhl in der Sonne liegen und umher zugucken. Das tolle an einem Ferienhaus in einem normalen Wohngebiet ist, dass man genau mitten drin sitzt im Leben. Jedenfalls wenn es zu einem Grossteil draussen stattfindet, so wie auf Madeira. Man hört die ausgelassene Kommunikationsfreude aus allen Richtungen. Man bemerkt, dass eigentlich alle Familien einen Hund haben, der aber niemals ausgeführt wird sondern selbstständig Gassi geht wenn ihm gerade danach ist. Deshalb kann man auch einen Hund dabei beobachten wie er eine Avocado frisst. Man sieht den alten Leutchen gegenüber zu, die ihren Tag damit verbringen in ihrem ausgedehnten und prallvollen Garten zu werkeln, das Trinkwasser im Tank zu überprüfen, die Wäsche auf der Dachterrasse aufzuhängen und dabei mit der Nachbarin auf dem Balkon gegenüber zu schnacken. Man sieht wie überall ständig jemand kurz vorbeikommt, vielleicht um ein schönes neues Jahr zu wünschen. Man versteht kein Wort ausser immer und immer wieder: Christiano Ronaldo. Es muss schon etwas besonderes sein wenn eine so (relativ) kleine Insel eine so berühmte Persönlichkeit hervorbringt. Er hat ein eigenes Museum, es gibt diverse nach ihm benannte Gebäude und tatsächlich rief am Vorabend nach dem Feuerwerk jemand mehrmals sehr laut und enthusiastisch: ANO NOVO! CHRISTIANO RONALDO!!!

Wenn es mir zu warm wurde, liess ich mich einfach in den Pool fallen. Oder ass ein Eis und kühlte nur die Füsse, je nachdem.

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Was ich auch lange anguckte waren die Avocados im Baum vor der Terrasse und wie sie im Wind hin und her schaukelten. Ich dachte dabei an meine Freundin, die vor einem Jahr knapp an einem Burnout vorbei geschrammt war und glücklicherweise die Notbremse zog und (unter anderem) spontan mit ihrem Mann für eine Woche nach Lappland fuhr. Es war November, man konnte kaum etwas draussen machen und so sass sie viele Stunden im angemieteten Blockhaus und tat nichts weiter als sich die Maserung des Holzes anzuschauen. Und das hat sie, wie sie meinte, wieder auf die Füsse gebracht. Ich will nicht sagen, dass ich kurz vor einem Burnout war, das zum Glück nicht, aber ich war sehr urlaubsreif. Überreif.

Nach dem Sonnenuntergang präsentierte sich mein Ausblick in den unglaublichsten Farben.

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Madeira, Teil I

Es gab ziemlich gute Gründe gegen diese Reise. Eine Pandemie zum Beispiel. Aber es gab auch wirklich Gute dafür. Und so kam es, dass wir nach wochenlangem hin und her, sollen wir oder nicht, lass mal noch eine Woche abwarten, lieber noch eine, noch eine Nacht drüber schlafen schliesslich eines morgens kurz nach Weihnachten den ersten Bus Richtung Bahnhof nahmen, den ersten Zug zur Hauptstadt und dann ein Flugzeug. Nach Madeira.

Als wir aus ausstiegen guckten wir leicht entrüstet. Es war zwar 40°C wärmer als zu Hause, das ja, aber es regnete. Und so hatte das nicht im Wetterbericht gestanden. (Da wussten wir noch nicht, dass man auf Madeira gar nicht gross in die Wettervorhersage schauen braucht, weil das Wetter nämlich gern mal alle 500 Meter – horizontal oder vertikal – anders ist.) Die Entrüstung war aber von kurzer Dauer, auch wenn es vorerst weiter regnete, denn kaum erspähten wir vom Mietauto aus die ersten Ecken der Insel, siegten Vorfreude und Aufregung. Schon vom Flugzeug aus hatten wir gesehen, dass Madeira ein einziger Felsbrocken im Meer ist, ein Gebirge dessen höchste Gipfel aus den Wolken ragten, mit sehr steil abfallenden Küste. Entlang dieser Küste fuhren wir und staunten über die spektakuläre, terrassenförmige Bebauung. (Schon der Flughafen war spannend gewesen mit seiner einzigen, recht kurzen Rollbahn. Wie hatte der Pilot gesagt? Nicht wundern, ich muss direkt nach der Landung sehr scharf bremsen.) Als nächstes fielen mir die vielen Bananenstauden überall auf. Das erklärte dann auch die zwei Bananen, die jeder von uns bei Ankunft am Flughafen geschenkt bekommen hatte (nach Kontrolle des Impfstatus). Sehr leckere Bananen übrigens, mit robuster Schale, die auch nach mehreren Tagen im Rucksack umhertragen – weil man immer dachte man bräuchte unterwegs einen Snack und es dann aber überall, selbst in den entlegensten Winkeln leckerstes Essen zu kaufen gab – nicht matschig wurden. Aber ich greife vor.

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Wir fuhren also die Küste Richtung Westen entlang und schon bald gab es gar nichts mehr zu sehen, weil sich die Strasse in eine Kette von endlosen Tunneln verwandelte. Wikipedia informiert, dass Madeiras Strassennetz vor etwa 25 Jahren modernisiert wurde und in diesem Zuge etwa 140 Tunnelanlange entstanden. Kein Wunder also. Nach dem drölfzigsten Tunnel bogen wir in einen Ort ab, fuhren in das kleinste und engste Parkhaus das wir je gesehen hatten (kein Platz, wie gesagt) um im Supermarkt einzukaufen. Es gab viel Spannendes zu sehen, aber da unser Tag inzwischen doch einige Stunden zählte und wir alle sehr müde waren, beschlossen wir nur das Nötigste mitzunehmen und am nächsten Tag wiederzukommen. Die Müsliauswahl wurde noch kurz sehr schwierig, nicht weil sie so gross gewesen wäre, sondern weil direkt neben dem Müsliregal unzählige Stapel Stockfisch standen und mich (die einiges an Fischmief gewohnt ist) der Geruch fast in die Ohnmacht trieb. Wir operierten das Auto wieder aus dem Parkhaus raus und fuhren die letzten Kilometer zum Ferienhaus. Es lag etwas weiter oben am Berg und die Fahrt dorthin war vermutlich das grösste Abenteuer des Tages. Strassen an der Steilküste sind… steil. Und eng und kurvig. Als wir ein Strassenschild passierten, dass auf ein Gefälle von 32 % hinwies, entfuhr uns ein „Moment, wieviel bitte?“ und dann dachte ich das Auto würde jetzt gleich einen Rückwärtssalto machen.

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An einer ähnlich steilen Strasse wies uns das Navi an im rechten Winkel abzubiegen, was nur mit Schwung möglich ist und durchaus Mut erfordert wenn die nächste Strasse gerade mal so breit wie das Auto ist. Nach ein paar Metern standen wir schliesslich vorm Ferienhaus und mussten nur noch einmal im rechten Winkel in die Garage einbiegen. Huff. Aber dann waren wir schliesslich da. Kind und Mann sprangen augenblicklich in den Pool und ich stand auf dem Balkon und guckte auf das dunkle Meer hinaus.

Am nächsten Morgen lachte ich schon bevor ich auch nur die Augen aufmachte. Überall um uns herum krähten sehr ernsthaft sehr viele Hähne. Sekunden nach dem Augen öffnen stand ich wieder auf dem Balkon und konnte mir unsere atemberaubende Aussicht endlich bei Tageslicht ansehen. Der Iso war schon auf, stand eine Etage unter mir auf der Terrasse und wies mich auf den Avocadobaum der Nachbarn hin. Wir grinsten vom einem Ohr zum anderen.

Der Vormittag verging gemütlich mit Auspacken, Lesen und Umhergucken. Als wir Hunger bekamen fuhren wir den Berg noch etwas weiter hinauf in ein kleines Restaurant. Dort waren wir die einzigen Gäste, von den obligatorischen (wussten wir da aber noch nicht) Katzen mal abgesehen. Man platzierte uns im Wintergarten, drinnen knackte laut ein riesiges Feuer über dem unser Essen gegrillt wurde. Ich bestellte mir direkt DIE madeirische Spezialität, von der ich schon gelesen hatte und die mich neugierig gemacht hatte: Degenfisch mit Banane überbacken und Maracujasosse. Alles war super lecker, Pauline und ich himmelten nebenher die Katzen an (Kellner: Wollt ihr eine mitnehmen? Ihr würdet mir ECHT einen Gefallen tun.) und dann kam zum ersten Mal die Sonne raus und es wurde augenblicklich richtig warm. T-Shirt warm! Wir konnten also nicht wie geplant unseren Einkauf fortsetzen und uns die Umgebung ansehen, sondern mussten dringend zurück auf die Terrasse des Ferienhauses eilen. Zum Schwimmen und in der Sonne aalen. Unfassbar, dieses Gefühl wenn nach langer langer Zeit die Sonne wieder warm auf die nackte Haut scheint… Schliesslich juckte es uns aber doch noch in den Füssen (typisch erster Urlaubstag, man will am liebsten alles gleichzeitig machen) und wir gingen ein wenig auf Erkundungstour.

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Madeira ist eher nicht die Insel für Strandurlaub. Steile, steinige Küsten an die der Nordatlantik mit beachtlicher Brandung schwappt. Ein paar wenige künstliche Strände gibt es aber doch. In Calheta hat man dafür Sand aus Marokko herbei geschleppt und ihn hinter Wellenbrechern ausgebreitet. Hm naja. Die Strände waren übrigens wegen Corona geschlossen, aber an der Promenade konnte man entlang spazieren (übrigens trugen fast ausnahmslos alle – Einheimische wie Touristen – auch draussen Maske) und der Sonne beim Untergehen zuschauen.

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Als wir aus dem Supermarkt wieder rauskamen war es „schon“ dunkel (Anführungsstrichel, weil der Tag mit 10 Stunden Tageslicht doppelt so lang war wie zu Hause) und wir bekamen noch eine Überraschung. Die Madeirer, beziehungsweise Portugiesen scheinen ausschweifende Weihnachtsbeleuchtung zu mögen. Am Wegesrand leuchteten Eisbären und Pinguine, die zwischen den Palmen reichlich bizarr aussahen, und überall strahlten Lichterketten. Ich hatte ehrlich gesagt schon ganz vergessen, dass gerade erst Weihnachten gewesen war.

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Da die innerfamiliären Interessen teilweise weit auseinander driften, versuchen wir Urlaube so zu gestalten, dass jeder Mal auf seine Kosten kommt. Der Iso und ich scharrten schon mit den Wanderschuhen, aber zunächst erfüllten wir Pauline am nächsten Tag den Wunsch in die Hauptstadt Funchal zu fahren. Auf dem Weg hielten wir noch an einem Aussichtspunkt auf einer über 500 m hohen Steilklippe, Cabo Girão. Es gibt dort eine Glasbodenplattform, aber obwohl nochmal 100 m höher, fühlte es sich nicht annähernd so hoch an wie damals auf dem Fernsehturm in Kuala Lumpur. In der Natur verschwimmen eher die Dimensionen als in der Stadt. Trotzdem war die Aussicht natürlich spektakulär.

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Am Fuss der Klippe gibt es Felder, die bis vor etwa 20 Jahren nur mit Booten erreichbar waren. Inzwischen gibt es eine Seilbahn.

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Pauline hatte aber eine andere Seilbahn in Funchal ausgesucht und das war nach einem Zwischenstopp zur Magenbefüllung unser nächstes Ziel. Sie geht einmal quer über die ganze Stadt und wir genossen schon wieder wunderschöne Aussichten und lunsten den Leuten in die Häuser und Gärten.

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Die Bergstation liegt im Stadtteil Monte, wo wir ein wenig umher spazierten und uns eine Besonderheit anschauten. Man kann nämlich einen Teil des Weges zurück nach unten mit einem Korbschlitten fahren. Ganz ohne Schnee :) Diese Schlitten fungierten im 19. Jahrhundert tatsächlich als öffentliche Verkehrsmittel, heute sind sie eine Touristenattraktion. Sie werden jeweils von zwei Herren gelenkt, die Schuhe mit speziellen Bremssohlen tragen. Es geht also diese steilen, engen und kurvigen Strassen hinab, dazwischen fahren Autos und es sieht alles ziemlich halsbrecherisch, aber zugegeben auch lustig aus.

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Wir nahmen aber wieder die Seilbahn, schauten uns noch in der Altstadt um und liessen den Tag mit einem überdimensionalen und sagenhaft leckerem Eis ausklingen.

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Urlaub ey, so grossartig!

Vorm Schlafengehen kurz noch mal aus dem Fenster sehen

Lohnt sich. Gestern kurz vor Mitternacht, meine Augen waren schon halb zu, schaute ich noch mal raus, weil für’s Wochenende gute Chancen für Polarlicht vorausgesagt waren. Und tatsächlich tanzten grüne Schleier über den Himmel.

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Ich informierte umgehend das ebenfalls gerade ins Bett gehen wollende Kind, welches zwar fast 13 Jahre alt ist und ihr ganzes Leben in Finnland verbracht hat (bis auf ein halbes Jahr als Einjährige), aber noch nie Polarlicht gesehen hat. Zack, standen wir vor der Tür. Beziehungsweise lagen im Schnee.

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Anfangs noch recht leicht bekleidet, aber als das Zauberlicht immer intensiver wurde und gar nicht mehr aufhören wollte, wir jedoch inzwischen zitterten wie Espenlaub, flitzten wir hektisch ins Haus zurück um uns diverse Kleidungsstücke über zu werfen. (Bis zuletzt steckte ich allerdings mit nackten Füssen in meinen Winterstiefeln. Keine Zeit, musste gucken.)

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Polarlichter sind in Mittelfinnland gar nicht so häufig zu sehen und wenn, dann sind sie meist so schwach, dass man sie in der Stadt mit ihren vielen Lichtquellen gar nicht richtig erkennen kann. Mal abgesehen davon, dass der Himmel natürlich auch wolkenlos sein muss. Gestern aber, da passte alles und wir erlebten ein echtes Spektakel.

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Wie gut, dass ich noch mal aus dem Fenster geschaut habe, auch wenn sich die Ins-Bett-geh-Zeit dadurch um zwei Stunden verschob.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Als ich letzten August im Impfzentrum meine zweite Dosis Comirnaty bekam, dachte ich mir zwar schon, dass ich noch mal wiederkommen würde, aber dass es so schnell passieren würde habe ich damals nicht erwartet. Und da war ich mit heute sogar schon spät dran – die liebste Freundin im Südwesten hätte ihren Booster schon vor über 3 Wochen haben können. In unserer Gemeinde dürfen die unter 60jährigen (Risikogruppen ausgenommen) erst seit letzter Woche die dritte Impfung bekommen und auch nur dann wenn die Zweite schon mindestens 5 Monate her ist. Das wäre bei mir vorgestern gewesen. Da war ich aber den ganzen Tag damit beschäftigt Fische zu vermessen. Gestern ebenso, aber ob ich bei -25°C zum Impfzentrum spaziert wäre (man darf derzeit einfach immer ohne Termin kommen) weiss ich sowieso nicht. Heute war es 28°C wärmer (!) und die Fische fertig vermessen, da konnte ich gut den Impfspaziergang antreten. Man ist dann beim dritten Mal kein bisschen mehr aufgeregt: reicht routiniert die Krankenkarte an der Plexiglasscheibe vorbei, schreitet in den angewiesenen Warteflur, wartet ein paar Minuten bis man aufgerufen wird, geht ins Behandlungszimmer, zieht den linken Arm aus dem Pullover, hört sich kurz an warum man heute zur Abwechslung mal Moderna bekommt, steckt den Arm wieder in den Pullover, setzt sich 15 Minuten lang zurück in den Flur und verlässt freundlich dankend das Impfzentrum.

Neu war heute, dass ich direkt in die nächste Tür des Gebäudes wieder rein ging. Dort befindet sich ein (Vor-) Wahllokal, denn Finnland wählt mal wieder. Es gab kürzlich eine Gesundheitsreform, deren grösste Änderung beinhaltet, dass die 321 Gemeinden des Landes, die sich bisher um Gesundheit und Soziales gekümmert haben, in 21 Verwaltungseinheiten (Landkreise?) zusammengelegt werden. Der Gedanke dahinter war Bürokratie einzusparen, aber böse Zungen behaupten, dass jetzt alles nur noch komplizierter wird. Wir werden sehen. Jedenfalls sollen die Vertreter jeder Verwaltungseinheit demokratisch gewählt werden. Eigentlich immer gemeinsam mit den Kommunalwahlen, aber da die ja erst letzten Sommer waren, gibt es jetzt einmalig eine extra Wahl. Es wird eine extrem niedrige Wahlbeteiligung erwartet, weil eben gerade erst eine Wahl war und niemand so richtig durchzublicken scheint worum es eigentlich geht. Dabei wird es einem hier so einfach gemacht. Es gibt leicht verständliche Artikel in denen alles erklärt wird, es gibt die tollen Wahl-O-Mate (in sechs Sprachen!) und wie immer kann man bereits im Vorfeld an vielen strategisch günstigen Orten wie Supermarkt, Bibliotheken und Sportplätzen (Pandemie-gerecht draussen) wählen gehen. Und jetzt auch im gleichen Gebäude wie das Impfzentrum, wie genial ist das denn bitte?

Ich für meinen Teil freue mich jedenfalls darüber, dass ich als nicht Finne wählen darf (tatsächlich beinhaltet die Reform auch eine Verordnung, die besagt dass jeder Patient das Recht hat in seiner Muttersprache behandelt zu werden oder zumindest in einer Sprache die er beherrscht) und dass ich der leider auch hier hoch ausschlagenden Omikronwelle nun etwas geschützter entgegen treten kann.

2021

1. Ganz grob auf einer Skala von 1 bis 10: Wie war Dein Jahr?
2021 war so viel besser als das Jahr davor. Eine 7.

2. Zugenommen oder abgenommen?
Wie immer wurden gegen Ende des Jahres die Hosenbünde etwas knapp.

3. Haare länger oder kürzer?
Grauer

4. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Was meint ihr passiert wenn die Haare grauer werden?

5. Mehr Kohle oder weniger?
Etwas weniger aufgrund von drei Monaten Arbeitslosigkeit. Aber genug.

6. Besseren Job oder schlechteren?
Erst gar keinen, dann den Alten und seit zwei Monaten einen Neuen. Hat mir alles gefallen :)

7. Mehr ausgegeben oder weniger?
Etwa gleich viel.

8. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was?

9. Mehr bewegt oder weniger?
Mehr. Zusätzlich zu den fast täglichen Frischluftrunden habe ich viel Yoga gemacht. Die esoterische Komponente ist immer noch nichts für mich, aber die körperlichen Übungen tun unheimlich gut. Und auf YouTube gibt es eine grosse Auswahl an Lehrern mit unterschiedlichen Schwerpunkten und zur Not kann man während etwaigen Geschwafels einfach schon ein bisschen weiter turnen.

10. Anzahl der Erkrankungen dieses Jahr?
Eine. Ich hatte die erste Ohrenentzündung meines Lebens.

11. Davon war für Dich die Schlimmste?
Die war unangenehm, aber nicht wirklich schlimm.

12. Der hirnrissigste Plan?
Überhaupt Pläne zu machen.

13. Die gefährlichste Unternehmung?
Wie schon im letzten Jahr: unter Menschen gehen. (Wie traurig.)

14. Die teuerste Anschaffung?
Einen Geschirrspüler. Der Alte gab nach nur 5 Jahren den Geist auf… Immerhin konnten wir den Neuen im Vergleich zum Vorgänger (war schon im Haus) selbst aussuchen und haben jetzt ein viel effizienteres und vor allem – ah! herrlich! – leiseres Gerät.

15. Das leckerste Essen?
Ich habe in diesem Jahr viel Leckeres gegessen und wähle davon jetzt einfach unser russisches Weihnachtsessen, weil ich mich so gern daran erinnere.

16. Das beste Buch?
All the light we cannot see (Alles Licht, das wir nicht sehen) von Anthony Doerr.

17. Der beste Film?
Ensilumi (Erster Schnee) – ein finnischer Film in dem der iranische Regisseur Hamy Ramezan seine Kindheitserlebnisse verarbeitet. Als er gemeinsam mit seiner Familie als Flüchtling nach Finnland kam und schliesslich wieder abgeschoben wurde. Der Film ist eher eine Beobachtung, fein und leise. Es ist der Film der ausnahmslos alle Kinobesucher zum Weinen brachte.

18. Die beste „CD“?

19. Das schönste Konzert?
Ich war nur in einem, aber das war super schön: das Filmkonzert lumiukko (Der Schneemann).

20. Die meiste Zeit verbracht mit?
Zu Hause sein. Erst arbeitslos und dann fast ausnahmslos im Homeoffice.

21. Die schönste Zeit verbracht mit?
Nicht zu Hause sein.

22. Zum ersten Mal getan?
Zum Coronatest gegangen (gleich am 01.01.), Laskiaispulla gebacken, einen Corona-Schnelltest zu Hause gemacht, ein Impfzentrum besucht um mich gegen Corona impfen zu lassen, mit Hechten hantiert, einen Escape Room besucht und geknackt, nach Madeira gereist. In der Reihenfolge.

23. Nach langer Zeit wieder getan?
In den Tag gelebt, eine Ausstellung angeschaut, die liebste Freundin besucht (und über ihre grossen Kinder gestaunt), nach Estland gereist, vor Ort (!) Gymnastikwettkämpfe angeschaut und mich mit Differentialgleichungen befasst.

24. Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Die nicht enden wollende Pandemie. Ein paar Sorgen.

25. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Leute, lasst euch impfen!

26. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Eine Regenbogenparty ausgerichtet.

27. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Einen Besuch im Escape Room. Das war so so so toll!

28. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
You got the job.

29. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?
Ich habe den Job.

30. Dein Wort des Jahres?
Impfung

31. Dein Unwort des Jahres?
Pandemie

32. Dein Lieblingsblog des Jahres?
Alle in der Blogroll.

33. Dein größter Wunsch fürs kommende Jahr?
Dass die Pandemie zur Endemie wird, bittedanke.

(2020, 2019, 2018, 2017, 201620152014201320122011201020092008)

Weihnachten 2021

Es ist gleichzeitig traurig und schön, dass seit diesem Jahr der Nussknacker meiner Grosseltern mit uns Weihnachten feiert.

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Traurig, weil sie nun beide nicht mehr da sind, ihn am ersten Advent nicht aus einer Kiste holen und aufstellen können. Schön, weil ich ihn seit meiner Kindheit liebe. Nicht ganz so sehr wie seinen Zwilling, der genau gleich aussieht ausser dass seine Haare weiss und viel weicher sind und mit dem ich aufgewachsen bin. Aber da meine Grosseltern beide am 25. Dezember Geburtstag hatten, sind wir oft am ersten Weihnachtsfeiertag zu ihnen gefahren und da stand er jedes Jahr, in der guten Stube an der gleichen Stelle. Mit diesem hier durfte man freilich nicht spielen (der Nussknacker aus meinem Elternhaus ging durch alle Kinder-, Enkel-, und Urenkelhände – ich habe stundenlang seinen Bart gestreichelt (vermutlich Kaninchenfell) und als ich einmal un_be_dingt Nüsse damit knacken wollte, bekam ich ein paar Erdnüsse gereicht), aber ich habe ihn gern auch einfach angesehen.

Jetzt steht er in Finnland und hat sich vermutlich ein bisschen gewundert über das unkonventionelle Weihnachtsfest, dass sich da vor seinen Augen abspielte. Es fing schon mit dem Weihnachtsbaum an, der nicht erst an Heiligabend sondern bereits am 4. Advent aufgestellt und geputzt wurde und ausserdem ziemlich klein ist. Ich habe dem Nussknacker aber erklärt, dass es nur eine Ausnahme oder besser gesagt ein Kompromiss ist, weil wir kurz nach Weihnachten in den Urlaub fahren aber nicht auf den Baum verzichten wollen. Dann gab es an Heiligabend zur besten Kaffeezeit das Weihnachtsessen, was weder Kartoffelsalat mit Würstchen noch Gänsebraten war, denn wir haben ja seit letztem Jahr an Weihnachten ein Themenessen.

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In diesem Jahr wurde mein Vorschlag ausgelost, was mich tatsächlich erstmal ein wenig ärgerte, denn ooooh ein Mumin-Weihnachtsessen! Es hätte Pfannkuchen geben können! Aber die russischen Eier, die Wareniki mit Schaschlik und russischem Möhrensalat und schliesslich der russische Zupfkuchen (jaja, ist gar nicht russisch, hat’s aber im Namen) die da auf den Tisch kamen waren auch sehr lecker. Auf das Thema bin ich übrigens gekommen, weil ich in Tallinn so angetan von den Wareniki war (obwohl sie dort Pelmeni hiessen). Später konnte sich der Nussknacker „Stille Nacht“ als Kanon anhören, der sich (unabsichtlich) ergab als wir in einer Video-Konferenz mit Familie in Deutschland und Estland sangen. Immerhin die Bescherung fand ordnungsgemäß unter dem Baum statt, wo sich zeigte, dass ich in diesem Jahr besonders brav gewesen sein muss.

Am ersten Weihnachtsfeiertag wischte sich der Nussknacker erneut die Augen, denn es gab einfach nur Reste vom Vortag zu essen, wieder am Nachmittag, im Bademantel (Saunapause) und AUF DEM SOFA. Auch sonst waren die Feiertage ausnehmend gemütlich. Wir fuhren Schlittschuh auf dem Stadtsee, spielten Federball in der Turnhalle und viele Brettspiele zu Hause, tranken dabei literweise Tee und assen ähnlich viel Schokolade.

Wintersonnenwende

Die Tage fegen vorbei wie Schnee im Sturm. Wie immer gegen Ende des Jahres gibt es unglaublich viel zu tun und wie immer möchte ich eigentlich einfach nur schlafen. Da fällt das Tagebuchschreiben als Erstes hinten runter. Dabei gäbe es soviel zu erzählen. Von Corona und dass der frühe Zeitpunkt unserer Weihnachtsfeier, über den ich mich im letzten Eintrag noch lustig gemacht habe, sehr schlau gewählt war. Längst sind wir alle zurück im Homeoffice. Oder von meinem neuen Job, in dem ich weder Fische, noch Mäuse oder Schmetterlinge jongliere, sondern Zahlen. Von Pauline, die sich spontan entschlossen hat die Gymnastikmannschaft zu wechseln und jetzt noch mehr trainiert und sehr glücklich damit ist. Vom Filmkonzert „Der Schneemann“, in dem ich in diesem Jahr mit meinem jüngsten Patenkind war und an dem wir beide sehr viel Freude hatten. Der Kinobesuch im November an dessen Ende die Mundschutzmasken aller Besucher mit Tränen getränkt waren. Von dem unglaublich schönen Dezember, der abgesehen von ein paar wenigen Tagen sehr winterlich und überraschend sonnig war.

Was ich mir nämlich konsequent bewahrt habe – viel zu tun hin oder her – sind die Homeoffice-Spaziergänge. Fast immer in der Mittagspause um so viel Licht wie möglich abzubekommen (siehe oben, müde). Gestern zur Wintersonnenwende verteidigte meine Bürokollegin ihre Doktorarbeit (selbstverständlich online) und da das traditionell zur Mittagszeit beginnt, drehte ich meine Runde schon etwas eher. Zum Sonnenaufgang 10 Uhr. Schon lange habe ich nicht mehr so etwas Schönes gesehen. Ich lief langsam und mutterseelenallein über den zugefrorenen See, während langsam ein oranger Ball über den Horizont kroch. Es war bitterkalt aber windstill und ich blieb immer wieder stehen, guckte und atmete.

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Fünf Stunden später, die Kollegin war gerade Frau Doktor geworden, ging die Sonne wieder unter. Dafür hat sie wirklich alles gegeben bei ihrem kürzesten Auftritt des Jahres.

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