Dezember

Schon wieder ein Monat vorbei. Moment mal, Dezember? Schon wieder ein Jahr vorbei? Oh.

dezember

Ich bin ehrlich überrascht wie sehr sich mein Ausblick von Monat zu Monat verändert. Mal sehen ob das so weitergeht oder ob es in den nächsten drei Monaten sehr ähnlich aussehen wird. Er passt jetzt jedenfalls bestens, seit gestern ist mir wohlig weihnachtlich. Seit ich am Morgen mit einer aufgeregten Pauline Adventskalender geöffnet habe, kurz darauf mit all meinen Biologenkollegen, zwischen Milchreis und Weihnachtstörtchen, Weihnachtslieder gesungen habe und am Abend die Weihnachtsaufführung der Schüler gesehen habe. Von dort habe ich noch einen Ohrwurm, eigentlich nur eine Liedzeile :

Kukaan ei saa jouluna olla yksinäinen hiiri.

(Niemand darf an Weihnachten eine einsame Maus sein.)

Das stimmt nämlich.

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Mäuschen spielen

Der schönste Moment auf meinem Arbeitsweg ist immer der, in dem ich an der Schule vorbei komme. Ich gehe meistens ein paar Minuten nach Pauline aus dem Haus und ihr Klassenzimmer hat ein grosses Fenster zur Strasse hin. Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, reicht es nur für einen kurzen Blick auf ihren wippenden Pferdeschwanz. Wenn ich laufe, kann ich auch sehen was gerade lost ist. Am besten aber ist Busfahren (also, was den schönen Moment angeht), denn die Bushaltestelle ist genau am Fenster und der Bus kommt immer 5-10 Minuten zu spät (ausser man verlässt sich darauf, dann sieht man ihn nur noch von hinten).

In der ersten Stunde ist immer nur die Hälfte der Schüler da, die andere Hälfte hat dafür Mittags eine Stunde länger. Bei einer Klassenstärke von vierundzwanzig eine feine Sache. Manchmal – in manchen Stunden ist zusätzlich zur Lehrerin  noch eine Hilfskraft dabei – wird sogar nochmal die Hälfte halbiert. Das sieht dann sehr gemütlich aus, wie eine kleine Gruppe Hanseln im Kreis um die Lehrerin sitzt. Also, was heisst sitzt? Zappelt wäre das richtige Wort.

Montags und Dienstags ist Handarbeit dran, da sieht man sie eifrig über ihr Pult gebeugt, mit Sticknadeln und Faden oder Kleber und Schere oder Pinseln und Schwämmchen fuchteln. In anderen Stunden wird zum Beispiel lesen geübt. Dabei bohrt immer einer in der Nase, andere kichern mit den Nachbarn und einer gähnt und schaut aus dem Fenster. Bei Schreibaufgaben sehen sie immer sehr konzentriert aus. Ausgerechnet dabei hat mich aber Pauline mal entdeckt, fing eifrig an zu winken und schon hatte ich die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse und musste mit einem Hechtsprung im Bushäuschen verschwinden. Ein paar Mal wohnte ich auch schon dem Gymnastikmoment bei. Da wird gemeinschaftlich aufgestanden und ein paar Dehnungsübungen gemacht. Dabei lernt man (das höre ich natürlich von draussen nicht, aber es wurde mir begeistert berichtet) ganz nebenbei die Körperteile auf Englisch. Einmal war ich später dran, da hatten sie Heimatkunde. Dafür hatte die Lehrerin analoge Pokemonbilder rund um die Schule versteckt, dann bekamen die Kinder eine Karte, in der die Standorte eingezeichnet waren, und mussten die Pokemänner suchen. Es war grossartig zuzuschauen wie sie aufgeregt und mit roten Bäckchen vom Schulhof zum Wald und von da zur Bushaltestelle flitzten, immer die Nase auf der Karte.

Letzte Woche wurde leider am Fenster ein grosses Plakat angebracht UND das Klavier davor geschoben. Vielleicht haben zu viele Eltern Mäuschen gespielt. Trotzdem konnte ich vorhin sehen, dass Pauline heute mit dem Gymnastikball dran ist (reihum darf jeder einen Tag lang darauf sitzen und das ist fast so gut wie Weihnachten) und schliesslich beobachten wie die Lehrerin kurz wärend einer Aufgabe das Klassenzimmer verliess, Pauline daraufhin sofort aufsprang und Piuretten drehte, ein Junge sich die Fiebel auf den Kopf setzte und balancierte und ein Mädchen auf ihren Stuhl stieg und eine Rede hielt. Als die Lehrerin zurück kam flitzten alle flugs zurück auf ihre Plätze, sie vesuchte sich erfolglos ein Grinsen zu verkneifen und dann ging es weiter im Programm.

mausperspektive

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kaamosmasennus

Während des Helsinkiwochenendes mit der liebsten Freundin sagte ich im Brusston der Überzeugung, dass mir die Dunkelheit in diesem Jahr gar nichts ausmachen würde.

Am Montag darauf begann der Winterblues.

Die bleierne Müdigkeit schob ich zunächst auf den Wochenendausflug. Was natürlich Blödsinn war, denn was kann entspannender sein als ein Wochenende an dem man nur quatscht, Torte isst und schöne Dinge unternimmt. Heisshunger auf Süsses schob ich auf den abfallenden Zuckerspiegel nach dem Tortenfest. Die Konzentrationsschwierigkeiten waren seltsam, aber wer weiss.

Kennt ihr das, wenn man von aussen auf sich selbst schaut und einen Schreck bekommt? Eine Woche später bemerkte ich, dass ich schon seit Tagen antriebslos auf Arbeit sass und nur auf meinen Bildschirm starrte und dass ich jeden Abend auf dem Sofa zusammenbrach, wohlwissend, dass es eigentlich tausend Dinge zu erledigen gab.

Tatsächlich hatte ich noch nicht ein Mal „Oh Gott, diese Finsterniss!“ gedacht, aber anscheinend macht sie mir doch was aus.

Ich erhöhte meine Vitamin D-Zufuhr und bemühte mich jeden Tag draussen aktiv zu sein. Noch eine Woche später warf ich wieder einen Blick auf mich und erschrak erneut ob des apathischen Zombies.

Seit heute leuchtet eine funkelniegelnagelneue Tageslichtlampe auf meinem Schreibtisch (an dieser Stelle hätte ich gern ein Foto eingefügt, aber ich habe – Konzentrationsschwierigkeiten – mein Handy zu Hause vergessen) und ich habe mir selbst einen Riesentritt in den Hintern gegeben.

Wenn das auch nicht hilft, dann muss ich mir wie die Mumins den Bauch mit Tannennadeln vollstopfen und Winterschlaf halten.

 

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November

Kahl. Die letzten Blätter sind gefallen und säuberlich durch Pauline von der Wiese gefegt worden.

novmber

Vor genau einer Woche war schon mal alles weiss. Da habe ich auch ein Foto gemacht, aber das gilt ja leider nicht. Jetzt trägt nur noch der Ameisenhaufen eine dünne Schneemütze. Links, wo im Oktober noch Urwald war, sieht man ein paar Tropfen von Finnlands zweitgrösstem See durchschimmern. Dahinter die nächste Halbinsel. Der Nachbar rechts hat Bauarbeiten im Garten und deshalb einfach sein Teppichausklopfgestell in meinen Bildausschnitt geschoben.

Für November war es heute aussergewöhnlich hell.

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Gewusst wie!

„Schlafmütze, aufstehen!“ Zum hundertsten Mal an diesem Morgen streiche ich Pauline über den Kopf. Sie bewegt sich nicht. Nicht einen Millimeter. Ich überlege womit ich locken könnte. „Heute ist ja Halloweenfeier im Hort!“ rufe ich begeistert. „Mhh, erst Nachmittag“ nuschelt es zwischen geschlossenen Lippen hervor. Hm. Und dann fällt’s mir ein: „Erste Stunde ist heute Ethik.“ *bling* Die Augen öffnen sich. „Ethik?“ Sie springt auf und hüpft jubelnd ins Bad, „Juhu Ethik, endlich wieder Ethik!“.

(Pauline ist nicht getauft und sollte selbst entscheiden ob sie lieber Religion oder Ethik besuchen möchte. Wohlwissend, dass die meisten Finnen (eher aus Tradition) als Baby getauft werden (und bei dieser Gelegenheit ihren Namen bekommen, in den ersten 4-8 Lebenswochen heissen die Meisten nur „Baby“ oder haben Kosenamen) erwähnte ich, dass es passieren kann, dass sie vielleicht als Einzige aus ihrer Klasse Ethikunterricht wählt und dass es auch passieren kann, dass sie dafür extra zu einer anderen Schule fahren muss. Das beeinflusste ihre Wahl nicht. Tatsächlich ist wohl der Besuch eines deutschen Weihnachtsgottesdienstes hier vor Ort, der wirklich … ach naja war (und zwar nicht nur für Kinder, aber für die besonders) der Grund dafür, dass sie nicht eine Sekunde gezögert hat. Nun ist sie tatsächlich die Einzige in ihrer Klasse und hat daher gemeinsam mit den Zweit- und Drittklässlern (insgesamt 7 von 99 Schülern) Ethik und es ist ihre Lieblingsstunde.)

 

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Wer reitet so spät durch Schnee und Wind?

reiterin

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Als Rucksäcke noch Campingbeutel hiessen

„Mama, wann hast du dein erstes Handy bekommen?“ fragte Pauline neulich. Mit 24. Als wir nach Finnland zogen und schon damals hier keiner mehr einen Festnetzanschluss hatte. Als ich ein Kind war hatten wir nicht mal den. Zum Telefonieren bin ich in eine Telefonzelle gegangen und wenn die kaputt war, was öfter vorkam, dann auf die Post. Dort gab es ein kleines fensterloses Kabuff mit einem schwarzen Telefonapparat. Man musste der Postfrau hinterm Schalter die Nummer aufschreiben, dann ins Zimmerchen gehen und abheben und wenn sich der andere Teilnehmer meldete, hat sie ihren Apparat aufgelegt. Oft telefoniert habe ich aber nicht. Wen wollte ich auch anrufen, sonst hatte auch niemand ein Telefon. Nur manchmal meine Mutti auf Arbeit. Die Nummer weiss ich noch: 3498.

Ich weiss nicht mehr wie wir darauf kamen, neulich sprachen der Iso und ich über Appell in der Schule. Wie sich alle Schüler nach Klassen sortiert auf dem Schulhof (bei mir) oder in der Turnhalle (bei ihm – „Hattet ihr eigentlich eine Turnhalle?“, fragt er dann) aufstellten, ich mich vor meiner Klasse positionierte, die Hand zum Pioniergruss erhoben, und laut die Losung „Für Frieden und Sozialismus: Seid bereit!“ rief. Und alle „Immer bereit!“ leierten. Wie ich dann zum – den Namen habe ich jetzt tatsächlich vergessen – Obergruppenratsvorsitzenden ging und „Ich melde, die Klasse 1 ist zum Appell angetreten!“ sagte. Und mich schliesslich wieder vor die Klasse stellte und sie zum „Rührt euch!“ aufforderte.

(Einmal, als frisch gebackener Jungpionier, habe ich Abends ganz lange im Bett geübt, bis ich endlich das Wort „Pionierorganisation“ aussprechen konnte.)

„Musstest du auch jeden Abend duschen?“, fragte Pauline kürzlich genervt. Und ich muss grinsen. Wir hatten gar keine Dusche. Wir hatten nicht mal ein Badezimmer. Wir haben uns in der Küche gewaschen, mit Waschlappen und einem Stück Seife. Im Winter trug man die Waschschüssel ins Wohnzimmer, das war nämlich der einzige beheizbare Raum. Das war doof, da stand man unter Beobachtung und musste sich wirklich waschen. Sonst konnte man einfach den Waschlappen, das Handtuch und die Zahnbürste ein wenig nass machen, dann Runden in der Küche laufen und Minuten abzählen. Sonntags durften wir die Badewanne im Bad der Grosstante benutzen, die mit uns im Haus wohnte. Mit Kohle hat man den Badeofen erhitzt und dann die ganze Familie nacheinander durch das Wasser geschleust. Die Tante hatte zwar das Bad, aber dafür kein Wasser in der Küche und kam zur Badezeit gerne vorbei ihren Abwasch zu erledigen. Im Waschbecken natürlich, nicht in der Wanne. Danach gab es „warmes Käsebrot“ vorm Fernseher.

Das Fernsehbild war schwarzweiss und die Fernbedienung war ich. Manchmal fing das Bild an zu flackern, dann musste man auch aufstehen, sich vor den Apparat stellen und einmal fest mit dem Fuss aufstampfen. Dann ging’s wieder.

 

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