Hassliebe

Mit Vorträgen verbindet mich eine Hassliebe. Ich meine die, die ich selber halte. Über meine Arbeit. Ich liebe es sehr Vorträge vorzubereiten. Mir einen logischen Aufbau zu überlegen, Powerpointfolien zu erstellen, minimalistische Folien mit ein paar unauffällige Annimationen, und perfektionistisch jedes Wort, jeden Strich, jeden Graph ausrichten. Wunderbar, könnte ich am liebsten hauptberuflich machen. Ich liebe auch das, was nach dem Vortrag kommt. Das wovor die meisten am meisten Angst haben. Die Diskussion, die sich auf Tagungen über mehrere Tage hinziehen kann. Nicht hintereinander weg versteht sich, aber es kommt vor, dass man Abends in der Kneipe plötzlich von jemandem angesprochen wird, der den Vortrag gesehen hat und sich nicht getraut hat in der grossen Runde zu fragen. Oder in der U-Bahn. Oder auf dem Heimflug. Ich mag das sehr, dadurch kommt man oft auf neue Ideen und es ist einfach neue Kontakte zu knüpfen, was mir sonst sehr schwer fällt. Und ehrlich, man hat sich doch immer sehr intensiv mit seinem Thema auseinandergesetzt, es gibt eigentlich keine Fragen, die man nicht beantworten kann (Ausnahme letzte Woche, als ich den Fehler beging vor einem mathematisch angehauchtem Publikum eine Formel in den Vortrag einzubauen). Aber was ich wirklich hasse, dass ist das Halten an sich. Die Nacht davor kann ich nicht schlafen und Stunden vorher ist mir schlecht. Ich frage mich warum ich so doof war Wissenschaftlerin zu werden. Ich verfluche meinen Körper, der an solchen Tagen nie krank wird. Ich gehe im Geist die Folien durch, bleibe garantiert irgendwo stecken und werde immer hektischer. Und dann muss ich nach vorn laufen. 5-500 Paar Augen richten sich auf mich und scheinen mich zu durchbohren. Und dann muss man losreden, vor all diesen Menschen. Ich weiss, dass sich spätestens in diesem Moment Trillionen roter Flecken auf meinem Hals und Wangen bilden und ich ziehe den Kopf immer weiter ein um sie zu verstecken. Mein Mund wird furztrocken, die Zunge klebt am Gaumen fest. Und ich quäle mich durch die Folien. Versuche mich auf die Aussprache zu konzentrieren. Auf’s laut sprechen. Auf’s nicht rumhampeln. Auf’s nicht zittern mit der Hand, in dem der Pointer steckt. Und beschwöre doch nur immer den Boden sich endlich aufzutun und mich zu verschlucken. Mir haben schon schon viele Leute tröstend gesagt, dass das mit der Zeit besser wird. Dass man sich dran gewöhnt. Aber ich sag euch, bei mir funktioniert das nicht. Alles immer noch so schlimm wie beim ersten mal. Und weil’s letzte Woche malwieder so schön war, morgen also gleich nochmal…

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3 Antworten zu Hassliebe

  1. Ansku schreibt:

    Hach, Pinni, ich kenne das so gut. Noch sind es kleine Referate, aber unangenehm ist das trotzdem. Ganz fürchterlich.

  2. Pinni schreibt:

    Schrecklichst! Aber nun ist es ja vorbei. Und heute, das muss ich jetzt zugeben, war’s nicht ganz so schlimm. Vielleicht therapiert mich drüber schreiben ja ;-)

  3. Ansku schreibt:

    Ich glaube fest daran, dass es irgendwann besser wird, egal was Du sagst/ schreibst. ;) Vielleicht hätte ich noch dazuschreiben sollen, dass ich mindestens genau so schlimm dran war wie Du und mit der Zeit ist es aber wirklich immer etwas weniger geworden. Im Februar haben wir dann in sehr kleinem Rahmen eine Präsentation unserer Institutsexkursion von vor einem jahr gemacht, es waren größtenteils bekannte Leute und ein paar Gäste und die Stimmung war allgemein sehr locker. Ich habe zusammen mit einer Freundin moderiert und durch den Abend geführt und das war wirklich ein Schlüsselerlebnis, denn plötzlich merkte ich, dass ich zum ersten Mal auf der Bühne richtig entspannt war und mich wohlfühlte und ich konnte das wirklich geniessen, auch die Blicke und den Kontakt mit dem Publikum. Es wird, irgendwann!

    Jetzt hab ich dafür „Angst“ vor Prüfungen. ;) Bitte im Dezember/ Januar für mich die Daumen drücken!

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