Meine Tagungswoche

Unsere Ankunftszeit hier war nicht ganz zufällig, denn letzte Woche war die grosse internationale Verhaltensökologietagung. Genau die, auf der ich das letzte Mal vor 4 Jahren in Frankreich war, und wo ich die Leute kennengelernt habe mit denen ich jetzt hier arbeite. Allein das macht Tagungen so schön. Dies nun also meine erste mit Kind.

Sonntag

Nach einem schönen Tag am Strand Abends die Registrierung und Eröffnungsveranstaltung. Meine Familie habe ich mitgenommen und das Räupchen war bei weitem nicht das einzige Kind auf der Veranstaltung. Wir haben sogar einen ungarischen Jungen getroffen, der nur 1 Monat jünger als das Räupchen ist und auch in Finnland zur Welt kam. Ausser Kindern („der Beebi“) gab es noch tanzende Aborigine zu bewundern. Aber am besten fand das Räupchen die Rolltreppen im riesigen Tagungcenter. Der Iso freute sich über das exquisite Essen und das Bier und ich mich über den verrückten Vielehundertmannhaufen von Verhaltensökologen.

Montag

Vor 9 Jahren war ich zum ersten Mal auf einer Tagung und die Qualität der Vorträge nimmt von Jahr zu Jahr zu. Es hat einfach Spass gemacht zuzuhören, es war spannend und inspirierend. „Die neue Generation ist schrecklich simpel“ jammerte mein einstiger Doktorvater, aber ich finde mich da genau wieder. Abends freute ich mich dann aber auf meine Familie, es war mir pupsegal dass man jetzt eigentlich Essen ging um dann irgendwo zu versumpfen und weiter über Wissenschaft zu reden. Gerade war ich in den Bus gestiegen, da erreichte mich des Isos Anruf. Sie seien noch gar nicht zu Hause. Noch unterwegs. Genau genommen in der Notfallaufnahme des Kinderkrankenhauses. Das Räupchen war von der Rutsche gefallen. Mir fiel das Herz in die Hose und ich sprang aus dem Bus und ins nächste Taxi.

Ein Konzert von weinenden Kindern empfing mich in der Notfallaufnahme und eins davon war meins. Ich riss das verheulte Räupchen an mich, „Pass bloss auf den Arm auf“ warnte der Iso. Der rechte Arm hing schlaff herunter und jede kleinste Bewegung schien dem Räupchen schrecklich weh zu tun. „Au, der Bein!“. Es war Feiertag, es war Abends und die Notfallaufnahme voller Kinder mit Platzwunden, Verbrennungen und ein Junge lag ohnmächtig in seinem Bett. Ich hatte butterweiche Knie und mir wurde in dem Moment erstmal bewusst was da noch auf uns zukommt. Neben uns ein schwerer Fall von Magen-Darm-Infekt, der mich Übleres für die nähere Zukunft schwanen liess. Jedes Bett in dem grossen Raum hatte ein eigenes Bild und das Räupchen hatte – wie sollte es anders sein – ein Räupchen. Eigentlich konnte nur noch alles gut werden. Und tatsächlich die Untersuchungen und Röntgenbilder ergaben, dass nichts gebrochen ist. Nur eine Prellung, Gottseidank. Nach über 3 Stunden konnten wir gehen. Ich habe versucht ein Taxi zu rufen, aber die konnten keinen Kindersitz organisieren. Also den Kilometer zur Bushaltestelle gelaufen. Ohne Kinderwagen. Im Arm ein schlotterndes, bleiches und total verheultes Räupchen. Die Bettgehzeit war längst vorbei, die Abendbrotszeit erst recht, sie hatte Schmerzen, sie fror weil sie nur eine kurze Hose und ein T-Shirt anhatte, inzwischen aber nur noch 12 Grad waren und sie war fix und fertig weil sie auf alle Schwestern und den superlieben Kinderarzt völlig hysterisch reagiert und das ganze Krankenhaus zusammengeschrien hat. „Der Mann! Der Mann! Der Mann!“. Nach einer weiteren Stunde waren wir endlich zu Hause und irgendwann auch endlich im Bett.

Dienstag

Grosser Frust bei einem kleinen Kind, dass alles alleine machen will, aber nicht kann weil der Arm weh tut. Auf der Tagung eher die – für mich – uninteressanteren Themen. Ich lass mich treiben, zu den Vorträgen, die interessant klingen, bei 5 gleichzeitig ist meistens was dabei. Am Nachmittag schleich ich mich davon um zu meinem Räupchen zu kommen, das immernoch ganz durch den Wind ist.

Mittwoch

Wir stehen auf und das Räupchen spuckt erstmal die ganze Küche voll. Wusst‘ ich’s doch. Nach einer Stunde, in der wir nur damit beschäftigt sind uns und das Räupchen umzuziehen (grosser Spass mit geprelltem Arm!), Sofas und Teppiche zu schrubben, wird mir klar, dass ich heute nirgends hingehe. Macht nichts, es ist sowieso nur ein halber Tag bei der Tagung (obgleich mit spannenden Themen) weil Nachmittags die Exkursionen anstehen. Bis zum späten Nachmittag behält das Räupchen nicht einen Krümel Brot und keinen Schluck Wasser drin. Der Iso stellt eine Waschmaschine nach der nächsten an und dank 30 Grad draussen ist alles ganz schnell trocken. Am Abend wird es besser und wir atmen auf. Nicht nochmal ins Kinderkrankenhaus.

Donnerstag

Richtig, da war doch noch was. Eine Tagung. Heute mit meinem eigenen Vortrag. Bisher hatte ich noch gar keine Zeit aufgeregt zu sein, aber jetzt ist mir auch schlecht. Ich gewöhne mich eben nie dran. Von dem – wirklich aussergewöhnlich gutem – Tagungsessen bekomme ich keinen Bissen runter. Ich setze mich raus auf die Wiese und übe. Dann wieder rein in die Vorträge um mich abzulenken. Es ist aber auch gemein als allerletzte am Tag dran zu sein, man muss den ganzen Tag zappeln. Als ich dran bin setzt sich sogar ein Mann mit kleinem Kind in den Saal. Ich fange an zu reden, und höre plötzlich von links vorn ein zuckersüsses „Mama Mama Mama“ und verliere den Faden. Der Iso und das Räupchen schleichen sich raus und ich finde meinen Faden wieder. Hinterher sagen alle wie süss und sympathisch das war.

Freitag

Wieder eher nicht meine Themen, also gehe ich zu den interessant klingenden Vorträgen. Einer über die Evolution der Vogelschnabelform. Einer über Übergewicht mit Feldexperiment bei Mc Donalds. Einer darüber wohin Männer bei Frauen zuerst schauen und warum (wobei, das ist ja mein Thema).  Und einer darüber, dass Elstern einzelne Menschen wiedererkennen können. Am Abend dann das Dinner. Ich sitze neben einer sehr netten Australierin, die seit 3,5 Jahren eine Fernbeziehung mit einem Deutschen führt. Wir quatschen uns den Mund fusslig. Später spielt eine Coverband und alle tanzen. Ich werde ein bisschen wehmütig und tanze in der finnischen Ecke. Die sehe ich jetzt alle für ein paar Monate nicht. Und wann habe ich eigentlich zum letzten mal getanzt? Es ist so schön, dass ich den letzten Bus fahren lasse und mir dann ein Taxi rufe als wir rausgeschmissen werden. Gegen halb 2 liege ich im Bett.

Samstag

Eigentlich hatte ich mich für eine der eintägigen Folgetagungen zu speziellen Themen angemeldet. In der Nacht meldet sich aber Magen-Darm beim Iso und später spuckt uns das schon seit um 5 jammernde Räupchen das ganze Bett voll. Hurra, das ganze von vorn. Nur, dass ich dieses mal versuche – ziemlich müde übrigens – allein Herr der Lage zu werden. Immerhin, dem Räupchen scheint es dieses mal nicht ganz so schlecht zu gehen. Dem Iso schon. Ich bin froh als der Tag rum ist.

Und so war sie, meine erste Tagung mit Kind :-)

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3 Antworten zu Meine Tagungswoche

  1. Karen schreibt:

    Och, mensch… :-(
    Und hoffentlich fängst du nicht auch noch mit der Spuckerei an!!!

    (Wir hatten mal ein Krabbelkind mit geprelltem Arm, DAS war erst lustig! :-/ Und das „Mama Mama Mama“ bei deinem Vortrag erinnert mich an das „Mama hat Schuhe an!“ bei meiner eigenen Verteidigung. Und dass nach Dinner und Tanzen und halb zwei zu Hause sein kein gemeinsames Eierkochen erfolgte, macht mich ganz wehmütig.)

    *halaus*

    • Pinni schreibt:

      Ja, du hast mir hier auch gefehlt. Gemeinsames nächtliches Eierkochen muss aber unbedingt mal wieder sein. Ob nun mit oder ohne Tagung.

      *halaus*

  2. Pingback: Arbeitsweg | Pinni

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