Unter Nagetierforschern

  • Letztens gab es in der Forschungsstation ein ganz besonderes Treffen. Von Nagetierforschern. Und zwar solchen aus der Ökologie- und Verhaltensecke.
  • Vor 25 Jahren gab es schonmal ein ähnliches Treffen am gleichen Ort. Einige der damals anwesenden waren wieder dabei.
  • Das waren die, die sich bei „Und jetzt stehen mal alle auf, die sich schon mehr als 25 Jahre mit Nagetieren beschäftigen!“ erhoben. Alles alte Herren, alles grosse Namen.
  • Bei „10 Jahre und mehr“ gab es immerhin eine Frau (und eigentlich hätte ich auch aufstehen müssen!) und bei „weniger als 10 Jahre“ war das Geschlechterverhältnis deutlich umgekehrt.
  • Die mit den weitesten Anreisen kamen aus Kanada, Australien, China, Japan, Myanmar… und alle in unsere kleine Forschungsstation.
  • Und alle haben gesagt, dass es sich gelohnt hat. Und ich glaube sie haben es ehrlich so gemeint. Es kommt nicht oft vor, dass mich wirklich jeder einzelne Vortrag und jedes einzelne Poster brennend interessieren.
  • Dabei war ich thematisch eher der Exot. Nach meinem Vortag haben mich alle nur mit grossen runden Augen angesehen.
  • Und ich bin in ein kleines Loch gefallen, weil wirklich alle ausser mir wichtige und sinnvolle Dinge tun.
  • Dann war es ausgerechnet die Doktorandin aus Myanmar, die mich wieder aufgebaut hat. Ausgerechnet eine der einzigen zwei (!) Nagetier(ökologie)forschern in ganz Südostasien. Die, die sich für 5 Euro Lohn im Monat den Dingsbums aufreisst um Rattenplagen zu verstehen, die die Reisernte kaputt machen. Sich mit Krankheitserregern beschäftigt um Kinder zu schützen. Und eine wahnsinns Aufklärungsarbeit leistet. Ausgerechnet sie sagte, dass diese, meine Art Grundlagenforschung doch die Grundbausteine für ihre eigene Arbeit liefern. In gewisser Weise hat sie recht und dennoch habe ich mich geschämt wieviel Forschungsgelder ich so ausgebe, für Dinge die am Ende nur eine handvoll Leute interessiert.
  • Am meisten habe ich mich gefreut nach 6 Jahren meine Doktormutter wiederzusehen. Als sie mir Fotos von ihren Kindern  zeigte wurde mir erstmal klar wieviel Zeit vergangen ist.
  • Aber die Person, die ich von allen anwesenden am längsten kannte, war eine andere. Bei ihm habe ich als Studentin ein Praktikum gemacht – das war mein erster Kontakt mit Nagetieren. Hätte mir damales einer gesagt… ich hätte sehr sehr laut gelacht.
  • Die Atmosphäre war sehr gemütlich und entspannt. Vor 25 Jahren noch, da standen sie wohl auf den Tischen und haben sich angeschrien weil jeder seine These für die einzig richtige hielt.
  • Vielleicht als Vorsichtsmassnahme packte der Belgier am Anfang seines Vortrages riesige Pralinenschachteln aus. Das resultierte dann in grossem Geraschel und aufgeregtem Geflüster, aber ich bin mir sicher das Ende des Vortrages hat dann wieder jeder mitbekommen. Extrem lecker, so belgische Schokolade.
  • Zum Nachtisch gabs einmal Mousse au chocolat. Ich wunderte mich schon und prompt mäkelten alle Finnen, dass das ja viel zu fettig und süss, also eklig sei. Alle anderen meinten „Mhhhh!“ und verdrehten verzückt die Augen.
  • Wie immer kletterten auch alle Ausländer aufgeregt ins Eisloch, allen voran die Australierin, die darauf bestand, dass ich eine Minute stoppte bevor sie wieder rauskam, während die Finnen milde lächelten. Ich bin auch lange genug hier um milde zu lächeln.
  • Bei Parties in der Forschungsstation ist es am nächsten Morgen immer spannend aus dem Zimmer zu treten. Dieses mal wurde der Keramiktoilettenspülkasten sauber in der Mitte durchtrennt. Gut, dass ich das während meiner 3,5 Stunden schlaf nicht mitbekommen habe.
  • (Ich hätte jetzt Lust noch mehr Geschichten auszupacken, fürchte aber um unser Ansehen.)
  • Das Fernsehen war übrigens auch da und hat (den offiziellen Teil) gefilmt. Abends waren wir dann in den Nachrichten. Der Beitrag begann mit: „Die Mäuse in K. sind heute glücklich.“
  • Ich war auch glücklich. Das waren 3 grossartige Tage mit grossartigen Leuten. Hoffentlich bin ich 25 Jahren wieder dabei!
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