Streber

In meinem Pädagogikkurs habe ich die Rolle der Streberin eingenommen. Das fühlt sich sehr ungewohnt an, denn diese Ehre wurde mir in meinem ganzen Leben noch nicht zu teil. Eigentlich ist auch alles beim Alten. Wenn es heisst, dass die Hausaufgaben spätestens in einer Woche, also am Freitag, hochzuladen sind, dann fange ich am Freitag Nachmittag an mich damit zu beschäftigen. Immer auf den letzten Drücker. Nur kam dann eben 2 Wochen nach besagtem Freitag eine Email mit einer höflichen Erinnerung an die Hausaufgaben. Bisher hätte die nämlich erst eine Person erledigt. Noch eine Woche später dann eine Rundmail unter den Teilnehmern. Was genau die Hausaufgaben eigentlich sind und wie das mit diesem Onlinetool noch funktioniert. Sieben von 8 Teilnehmern waren ratlos.

Da wir kurz nach dem nächsten Treffen in den Urlaub fuhren und erst ganz unmittelbar vor dem übernächsten Treffen zurück kamen (was übrigens kein Zufall war, die Flüge haben wir nach Kursplan ausgesucht, da Anwesenheitspflicht besteht), habe ich die Hausaufgaben vor dem Urlaub und ergo vor Abgabefrist eingereicht. Ich gebe zu, das hatte etwas streberhaftes, aber ich wollte im Urlaub schliesslich Urlaub haben. Am Tag nach der Rückkehr fiel dann der Satz: Ich wollte euch noch mal an die Hausaufgaben erinnern. Die hat wieder nur Pinni gemacht. Typisch Deutsche, zischte es neben mir.

Zwei Stunden später sah der Stundenplan Buchbesprechung im Lesezirkel vor. Auch mein Buch hatte ich vor dem Urlaub gelesen. Zwar musste ich dafür noch eine Nachtschicht einlegen und die letzten fünf Kapitel hatte ich nur überflogen, aber eben. Wir fanden uns also ein. Das heisst, der Brite nicht, der war im Urlaub (!). Die Spanierin murmelte, sie hätte eigentlich erst ein Kapitel gelesen und der Kanadier hatte sich bisher noch nicht für ein Buch entscheiden können. Wir verschoben die Besprechung um zwei Wochen. Das ist ja eine Menge Zeit. Ich buchte uns extra einen Raum, in dem wir ungestört diskutieren könnten und fand mich schliesslich wieder ein. Inzwischen waren 5 Wochen seit dem Buchlesen vergangen und ich konnte mich noch gerade so vage an den Titel erinnern. Deshalb ging ich extra noch mal meine Notizen durch und las ein paar Buchzusammenfassungen im Internet. Die Spanierin eröffnete grinsend sie wäre jetzt bis zum dritten Kapitel vorgedrungen. Der Brite hatte zwar sein Buch, das er als PDF von der Lehrerin zugesandt bekam, weil er doch im Urlaub war, einseitig und in Farbe ausgedruckt, zum Lesen war er aber noch nicht gekommen. Dafür hatte er Geburtstag und brachte Pfannkuchen/Berliner/Wieauchimmer mit. Der Kanadier war wohl noch unterwegs. Wir warteten eine Stunde, kauten Pfannkuchen und unterhielten uns angeregt über’s Augenlasern, Dunkelcafés und Bands, die in Schränken spielen. Dann schrieben wir eine Email an den Kanadier und baten um einen neuen Terminvorschlag. Der meldete sich glatt nach 5 Tagen und entschuldigte sich. Das Treffen hatte er komplett verschwitzt. Das fand ich nicht besonders glaubwürdig, schliesslich hatte er es vor meinen Augen in seinen bunt schillernden, interaktiven Kalender eingetragen, aber gut. Nächster Anlauf übermorgen.

Inzwischen ist mir die Streberrolle nicht mehr unangenehm. Erwachsene Menschen. HochschulLEHRER.

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