Opa

Vorgestern ist mein Opa gestorben. Seit einiger Zeit hat er sich schon gewünscht zu gehen und deshalb möchte ich mich auch für ihn freuen. Dennoch ist das mit dem Abschied nicht ganz leicht.

Bei meinem letzten Deutschlandbesuch zu Weihnachten hat er mich nicht mehr erkannt. Aber als wir am 1. Weihnachtsfeiertag seinen 95. Geburtstag feierten, rief er plötzlich meinen Namen. Ich sah auf und er winkte mir fröhlich zu. Genauso werde ich ihn in Erinnerung behalten, mit seinem Schalklächeln im Gesicht.

Opa hat es geliebt Scherze zu machen. Ich habe Opas Scherze geliebt.

Als Kind habe ich oft die Ferien bei meinen Grosseltern verbracht. Opa hat mir immer aufmerksam zugehört, er hat sich sehr für meine Zeichnungen interessiert, hat mit mir stundenlang Schach gespielt und das Grösste waren unsere Schwimmstunden im Fass. Im Garten gab es ein Regenfass und da stiegen wir im Sommer abwechselnd rein um uns abzukühlen. Opa stoppte die Sekunden, die ich es mit dem Kopf unter Wasser aushielt und ich wurde jeden Tag besser.

Gleich neben dem Regenfass war der Eingang zum Luftschutzbunker, den er selbst gegraben hatte. Mein Opa erzählte mir viel vom Krieg. Der Krieg, das habe ich schon als Kind verstanden, hat sein ganzes spätere Leben stark beeinflusst. Und zwar nicht nur weil ihm im Krieg beide Füsse erfroren sind und amputiert werden mussten.

Erst vor zwei Jahren erzählte er mir wie er nach der Amputation den Arzt aufsuchte um kriegsuntauglich geschrieben zu werden und heimkehren zu können. Der Arzt aber sagte er würde ihn nicht untauglich schreiben, denn als Schutzschild oder Wurfgeschoss wäre er doch noch gut.

Nach dem Krieg wurde er mit seinen offensichtlichen Wunden allerorts als Verbrecher beschimpft und einmal nahm ihn ein Strassenbahnfahrer aus ethischen Gründen nicht mit. Einen Mann ohne Füsse.

1945 sah er seine geliebte Stadt Dresden in Flammen aufgehen. Später starb seine noch junge Frau an Krebs und liess ihn mit 3 Söhnen zurück.

Opa war zäh und hat immer weiter gemacht. Bis fast zuletzt hat er sich standhaft geweigert einen Rollstuhl zu benutzen und sich mit schlecht sitzenden Prothesen herumgequält. Man nannte ihn störrisch, aber anders wäre er vielleicht nie bis hier hin gekommen?

In den sechziger Jahren war er zur Kur und traf dort meine Oma. Der Klassiker. Meine Oma ist auf den Tag genau 5 Jahre jünger als mein Opa . Genau genommen ist er also gar nicht mein Opa, aber daraus hat er nie auch nur den geringsten Unterschied gemacht. Er mochte Kinder sehr gern.

Am allermeisten liebte mein Opa aber die Sonne und seinen Garten, durch den er sich noch bis vor wenigen Jahren glücklich gewühlt hat.

Meine Lieblingserinnerung ist diese: Wenige Tage vor meiner Einschulung reisten meine Grosseltern bei uns an. Ich erzählte ihm von  meinem dringensten Wunsch, nämlich dass an meiner Zuckertüte oben noch mehrere kleine Zuckertüten hängen sollten. Er verriet mir einen Trick wie ich diesen Wunsch verwirklichen könnte. Und zwar sollte ich jeden Abend im Bett meine Hände mit den Handflächen aufeinander legen und dann drei mal zwischen den Daumen hineinpusten. Ich verfolgte dieses Ritual mit grosser Ernsthaftigkeit und was soll ich sagen? Es hat geklappt.

Ruhe in Frieden, lieber Opa.

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12 Antworten zu Opa

  1. eni schreibt:

    mein beileid. hab selbst meinen „letzten“ opa letztes jahr verloren. auch bei mir hängen sehr viele kindheitserinnerungen an den opas. an den omas komischerweise weniger. vielleicht weil die in der generation noch hauptsächlich mit dem haushalt beschäftigt waren, während die opas zeit für die enkel hatten (?)
    ich wünsche auf jedenfall unseren kindern auch so schöne opa-erinnerungen.
    lg eni

    • Pinni schreibt:

      Danke. Das mit den Omas ist mir heute beim Aufschreiben auch aufgefallen. In meiner Erinnerung sehe ich meine Oma tatsächlich immer nur putzen und kochen. Dafür hat sie uns Enkel immer die Lieblingsessen serviert und oft eine Mark zugesteckt.

  2. metalhummel schreibt:

    Liebe Pinni, ich lese sonst nur still mit, aber dein Eintrag hat mich sehr berührt. Von meinen Großeltern ist leider nur noch eine Oma übrig und alle anderen drei fehlen mir unglaublich. Mit jedem ist auch ein Stück Kindheit gestorben.
    Ich finde, jeder Opa und jede Oma, die so toll waren wie dein Opa, gehören geehrt und bewundert! Schön, dass du uns an deinen Erinnerungen teilhaben lässt :)

  3. Leni schreibt:

    Liebe Pinni, auch ich bin sonst eine stille Mitleserin. Meistens empfinde ich deine Beiträge als humorvoll und hinterher hab ich ein Lächeln im Gesicht. Heute aber bin ich berührt, daß du mich mitnimmst in die Erinnerungen an deinen Opa. Du hast deinen Opa so geschildert, daß ich gut nachempfinden kann, was er für dich bedeutet hat und auch heute noch bedeutet. Wie gut, daß du diese Erinnerungen hast. Sie werden immer in dir sein und dein Opa wird dir immer nahe sein, wenn du an ihn denkst.
    „Das was man tief im Herzen besitzt, kann uns der Tod nicht nehmen.“
    Liebe Pinni, ich schicke dir Trostgrüße.
    Leni

  4. Nessy schreibt:

    Vielen Dank für den Text und mein Mitgefühl.
    Werde den Trick ausprobieren, und bin guten Mutes.

  5. Rabea schreibt:

    Wie wunderbar, daß Du solche Erinnerungen an Deinen Opa hast. Ich selber bin leider ohne Opa aufgewachsen. Beide sind schon vor meiner Geburt gestorben. Mein Vater ist auch früh verstorben, so daß meine Kinder Ihren Opa auch nie kennenlernen durften. Das bedrückt mich oft sehr. Sei dankbar für die schönen Erinnerungen. Sie helfen bestimmt über die Trauer über seinen Verlust hinweg.
    DIr viel Kraft und Zuversicht für die kommende Zeit.
    Herzliche Grüße
    sendet Rabea

  6. MonikaZH schreibt:

    Danke fürs Teilen. Und mein herzliches Mitleid.

  7. Pinni schreibt:

    Danke euch allen!

  8. Stephanie schreibt:

    Mein aufrichtiges und herzliches Beileid.

    Unfassbar schön, dass Dein Großvater trotz seiner traumatischen Erfahrungen ein wunderbarer Mensch bleiben konnte. Danke für Deine Erinnerungen.

  9. Meeresrauschen schreibt:

    Liebe Pinni, auch ich möchte mein Beileid aussprechen. Behalte dir die letzte Erinnerung. Ich kann mich auch noch an den letzten Anblick an meinen Opa erinnern. Und auch heute noch werde ich traurig.
    Es ist unglaublich, was er durchmachen musste. Dass er es durchgestanden hat und dabei auch noch fröhlich blieb. Es war für ihn und auch die drei Jungen sicher sehr oft nicht leicht. *seufz*
    Liebe Grüße,
    Kathrin

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