Schulanfang

Der vorletzte Mittwoch, genau heute vor 2 Wochen, war für Pauline ein lang ersehnter und gleichermassen gefürchteter Tag. So aufregend, dass sie nächtelang kaum noch schlafen konnte und tagsüber ziemlich durch den Wind war. Verständlicherweise. Durch unseren Umzug kam sie in eine Schule in der sie niemanden kannte. Als ob es nicht reichen würde mit der Schule an sich, dieser grossen Unbekannten.

Schulanfang in Finnland ist ziemlich unspektakulär. Schwerpunkt der Feierlichkeiten liegt hier auf dem Schulabschluss. Aber immerhin begleitet von ihren Eltern werden die Schulanfänger schon am ersten Tag. Acht Uhr war also Treffpunkt vor der Schule, um 7.55 Uhr trabten wir – ich in feierlicher Arbeitskleidung – zu Hause los. Pauline zeigte uns stolz den dreiminütigen Schulweg und wies mich auf Verkehrsregeln hin.

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MAMA! Auf der Strasse spielt man nicht mit dem Handy!

Dieses ganze Tohuwabohu um Schulranzen gibt es hier nicht. Die Finnen sind pragmatisch und deshalb werden, wie an anderer Stelle schon gezeigt, einfach ein paar Tage vor Schulanfang im Supermarkt Rucksäcke gekauft. Als Pauline letztes Jahr in die Vorschule kam und einen grösseren Rucksack brauchte, hatte sie sich diesen ausgesucht, weil ihre Freundin auch so einen hat. Und jetzt ist es eben ihr Schulrucksack.

Kaum angekommen schrillte eine Schulklingel los, die exakt so klingt wie meine damals. Ich weiss gar nicht warum, aber ich hatte heutzutage ein zartes Dingdong erwartet. Dann passierte erstmal nichts und ich fing an nervös von einem Bein auf’s andere zu hüpfen. Um 8.05 Uhr wollte mich mein Chef an der Schule abholen um zur Forschungsstation zu fahren. Dann endlich trat die Lehrerin aus der Tür, begrüsste alle in einer unnachahmlichen Ruhe und fing schliesslich an die Kinder alphabetisch aufzurufen. Aus diversen Quellen weiss ich, dass andere Eltern an dieser Stelle ihre Taschentücher bemühen mussten, ich schaute nervös auf die Uhr. Nach einer gefühlten Ewigkeit war das K erreicht, ich winkte kurz meinem aufgeregten Mädchen in der Schlange zu und raste vom Schulhof. Gleich während der einstündigen Autofahrt, dachte ich, kann ich meinen sentimentalen Gedanken in Ruhe nachhängen. Schliesslich hatten der Chef und ich in den vorausgegangen Tagen und Wochen schon unzählige Stunden gemeinsam im Auto verbracht und die Gesprächsthemen waren uns längst ausgegangen. Aber dann erzählte er mir direkt vom Desaster, das in der Nacht zuvor in der anderen Forschungsstation passiert war und unsere Pläne ziemlich durcheinander bringt, und so standen wieder die Fische an erster Stelle.

Schulanfangsfeiern und Zuckertüten gibt es in Finnland also auch nicht. Ich erinnere mich ziemlich gut an meine eigene, ziemlich grosse Feier, die ich einfach nur grossartig fand. Solche Erinnerungen hätte ich Pauline auch gewünscht. Allein, es liefen gleichzeitig drei Experimente. Weil ich das vorher wusste und weil sowieso nicht die ganze Verwandtschaft aus Deutschland hätte anreisen können, gab es immerhin schon im Juni ein Fest bei meinen Eltern im Garten. Mit einer Art Zuckertütenbaum (fünf Minuten vor Festbeginn begann es zu regnen) und Thüringer Rostbratwürsten, so wie sich das gehört.

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Eine Schatzsuche gab es auch. Die letzten Hinweise waren: Garten, Regenschirm und sauer.

Trotzdem war das eben zwei Monate zu früh und es tat mir leid, dass der erste Schultag so unspektakulär sein sollte. Dass ich keine Zeit haben würde irgendetwas auf die Beine zu stellen, geschweige denn einfach nur zu Hause zu sein. Und dann kam wenige Tage vorher eine Einladung von den deutschen Freunden, deren Tochter (nämlich Paulines Freundin mit dem Rucksack) auch eingeschult wurde. Zum gemeinsamen Kaffeetrinken mit der anderen deutschen Freundin, deren Tochter ebenfalls Schulanfängerin ist. Nachmittag für das Kind gerettet! Schliesslich klärte ich kurzerhand den Chef über deutsche Traditionen auf, er hatte ein Einsehen und so konnte ich – zwar mit 1,5 stündiger Verspätung und abgehetzt und nach Fisch riechend, aber doch noch – dabei sein, als drei Mädchen gebührend ihren Schulanfang feierten. Danke, liebe Freunde!

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Stellt euch mal schön für ein Foto auf!

Und schliesslich, als wir alle ganz müde von all der Aufregung nach Hause kamen, konnte Pauline endlich ihre Zuckertüte auspacken. Ganze zwölf Stunden hat sie vom ersten Anblick am Morgen warten müssen. Immerhin war ihr das Wetter hold und als wir eigentlich erst noch Fotos machen wollten, gab es gerade einen Schauer.

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Deshalb Fotos mit leerer Tüte und vollem Zuckerbauch.

Mein Wunsch für 2016 ist in Erfüllung gegangen: zu Paulines Schulanfang zu Hause sein. Obwohl in meiner (zugegebenermassen schon seit Jahren existierenden) Vorstellung von diesem Tag eigentlich keine Fische vorkamen, war es für sie trotzdem ein schöner Start in den Ernst des Lebens ;)

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Festtagsessen zum krönenden Abschluss.

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Eine Antwort zu Schulanfang

  1. Wie schön! Herzlichen Glückwunsch dem kleinen Räupchen. Ich wünsche ihr eine wunderschöne Schulzeit, mit viel Freude am Lernen, Knobeln und Entdecken!
    Liebe Grüße,
    Kathrin

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