Als Rucksäcke noch Campingbeutel hiessen

„Mama, wann hast du dein erstes Handy bekommen?“ fragte Pauline neulich. Mit 24. Als wir nach Finnland zogen und schon damals hier keiner mehr einen Festnetzanschluss hatte. Als ich ein Kind war hatten wir nicht mal den. Zum Telefonieren bin ich in eine Telefonzelle gegangen und wenn die kaputt war, was öfter vorkam, dann auf die Post. Dort gab es ein kleines fensterloses Kabuff mit einem schwarzen Telefonapparat. Man musste der Postfrau hinterm Schalter die Nummer aufschreiben, dann ins Zimmerchen gehen und abheben und wenn sich der andere Teilnehmer meldete, hat sie ihren Apparat aufgelegt. Oft telefoniert habe ich aber nicht. Wen wollte ich auch anrufen, sonst hatte auch niemand ein Telefon. Nur manchmal meine Mutti auf Arbeit. Die Nummer weiss ich noch: 3498.

Ich weiss nicht mehr wie wir darauf kamen, neulich sprachen der Iso und ich über Appell in der Schule. Wie sich alle Schüler nach Klassen sortiert auf dem Schulhof (bei mir) oder in der Turnhalle (bei ihm – „Hattet ihr eigentlich eine Turnhalle?“, fragt er dann) aufstellten, ich mich vor meiner Klasse positionierte, die Hand zum Pioniergruss erhoben, und laut die Losung „Für Frieden und Sozialismus: Seid bereit!“ rief. Und alle „Immer bereit!“ leierten. Wie ich dann zum – den Namen habe ich jetzt tatsächlich vergessen – Obergruppenratsvorsitzenden ging und „Ich melde, die Klasse 1 ist zum Appell angetreten!“ sagte. Und mich schliesslich wieder vor die Klasse stellte und sie zum „Rührt euch!“ aufforderte.

(Einmal, als frisch gebackener Jungpionier, habe ich Abends ganz lange im Bett geübt, bis ich endlich das Wort „Pionierorganisation“ aussprechen konnte.)

„Musstest du auch jeden Abend duschen?“, fragte Pauline kürzlich genervt. Und ich muss grinsen. Wir hatten gar keine Dusche. Wir hatten nicht mal ein Badezimmer. Wir haben uns in der Küche gewaschen, mit Waschlappen und einem Stück Seife. Im Winter trug man die Waschschüssel ins Wohnzimmer, das war nämlich der einzige beheizbare Raum. Das war doof, da stand man unter Beobachtung und musste sich wirklich waschen. Sonst konnte man einfach den Waschlappen, das Handtuch und die Zahnbürste ein wenig nass machen, dann Runden in der Küche laufen und Minuten abzählen. Sonntags durften wir die Badewanne im Bad der Grosstante benutzen, die mit uns im Haus wohnte. Mit Kohle hat man den Badeofen erhitzt und dann die ganze Familie nacheinander durch das Wasser geschleust. Die Tante hatte zwar das Bad, aber dafür kein Wasser in der Küche und kam zur Badezeit gerne vorbei ihren Abwasch zu erledigen. Im Waschbecken natürlich, nicht in der Wanne. Danach gab es „warmes Käsebrot“ vorm Fernseher.

Das Fernsehbild war schwarzweiss und die Fernbedienung war ich. Manchmal fing das Bild an zu flackern, dann musste man auch aufstehen, sich vor den Apparat stellen und einmal fest mit dem Fuss aufstampfen. Dann ging’s wieder.

 

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5 Antworten zu Als Rucksäcke noch Campingbeutel hiessen

  1. Kathrin schreibt:

    Kaum zu fassen, dass das Ganze erst vor ca. 30 Jahren war nicht schon hundert Jahre her ist…
    Das mit dem Abwasch im Bad wusste ich gar nicht mehr; aber ja, du hast Recht!
    Liebe Grüße
    Kathrin

    • Pinni schreibt:

      Ja, man kommt sich vor wie ein Ausserirdischer :)
      Das mit dem Abwasch werde ich nie vergessen. Wie sie mit ihrer Schüssel voll Geschirr ins Bad kam und sich dann mit ihrem… öh… sehr runden Hintern zwischen Badewanne und Waschbecken quetschte.
      Liebe Grüsse zurück!

  2. Miss Ming schreibt:

    Ich bin auch immer wieder fasziniert von unserer Vergangenheit. Sie ist so fern und doch so nah. Ich bin ganz dankbar, dass ich noch bildhafte und intensive Erinnerungen an diese Zeit habe.
    Appell, Gruppenrat, Wandzeitungen, Gruppenbuch, Flaschen- und Zeitungspapierwettsammeln (die a hat immer gewonnen, Streber), Pionierleiterzimmer, alkoholabhängiger Schuldirektor aber mit der richtigen Gesinnung, aufgelöste Mama, die dafür zusammengestaucht wurde, dass sie ihre Westverwandten besuchen wollte, ….
    Ich brenne schon darauf, mit meinen Kindern darüber zu sprechen.
    Erstes Handy bei mir mit ca. 22, damit ich als Studentin in Jena erreichbar war…

    • Pinni schreibt:

      Pionierleiter! Danke, das war das Wort, das mir nicht mehr einfiel. Beim Pionierleiter hat man Meldung gemacht.
      Agitationsleiter war auch so ein Wort, das wir uns nicht merken konnten, wir haben das immer Aligatorleiter genannt. Und damit den Unmut des Pionierleiters auf uns gezogen :)

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