Mäuschen spielen

Der schönste Moment auf meinem Arbeitsweg ist immer der, in dem ich an der Schule vorbei komme. Ich gehe meistens ein paar Minuten nach Pauline aus dem Haus und ihr Klassenzimmer hat ein grosses Fenster zur Strasse hin. Wenn ich mit dem Fahrrad fahre, reicht es nur für einen kurzen Blick auf ihren wippenden Pferdeschwanz. Wenn ich laufe, kann ich auch sehen was gerade lost ist. Am besten aber ist Busfahren (also, was den schönen Moment angeht), denn die Bushaltestelle ist genau am Fenster und der Bus kommt immer 5-10 Minuten zu spät (ausser man verlässt sich darauf, dann sieht man ihn nur noch von hinten).

In der ersten Stunde ist immer nur die Hälfte der Schüler da, die andere Hälfte hat dafür Mittags eine Stunde länger. Bei einer Klassenstärke von vierundzwanzig eine feine Sache. Manchmal – in manchen Stunden ist zusätzlich zur Lehrerin  noch eine Hilfskraft dabei – wird sogar nochmal die Hälfte halbiert. Das sieht dann sehr gemütlich aus, wie eine kleine Gruppe Hanseln im Kreis um die Lehrerin sitzt. Also, was heisst sitzt? Zappelt wäre das richtige Wort.

Montags und Dienstags ist Handarbeit dran, da sieht man sie eifrig über ihr Pult gebeugt, mit Sticknadeln und Faden oder Kleber und Schere oder Pinseln und Schwämmchen fuchteln. In anderen Stunden wird zum Beispiel lesen geübt. Dabei bohrt immer einer in der Nase, andere kichern mit den Nachbarn und einer gähnt und schaut aus dem Fenster. Bei Schreibaufgaben sehen sie immer sehr konzentriert aus. Ausgerechnet dabei hat mich aber Pauline mal entdeckt, fing eifrig an zu winken und schon hatte ich die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse und musste mit einem Hechtsprung im Bushäuschen verschwinden. Ein paar Mal wohnte ich auch schon dem Gymnastikmoment bei. Da wird gemeinschaftlich aufgestanden und ein paar Dehnungsübungen gemacht. Dabei lernt man (das höre ich natürlich von draussen nicht, aber es wurde mir begeistert berichtet) ganz nebenbei die Körperteile auf Englisch. Einmal war ich später dran, da hatten sie Heimatkunde. Dafür hatte die Lehrerin analoge Pokemonbilder rund um die Schule versteckt, dann bekamen die Kinder eine Karte, in der die Standorte eingezeichnet waren, und mussten die Pokemänner suchen. Es war grossartig zuzuschauen wie sie aufgeregt und mit roten Bäckchen vom Schulhof zum Wald und von da zur Bushaltestelle flitzten, immer die Nase auf der Karte.

Letzte Woche wurde leider am Fenster ein grosses Plakat angebracht UND das Klavier davor geschoben. Vielleicht haben zu viele Eltern Mäuschen gespielt. Trotzdem konnte ich vorhin sehen, dass Pauline heute mit dem Gymnastikball dran ist (reihum darf jeder einen Tag lang darauf sitzen und das ist fast so gut wie Weihnachten) und schliesslich beobachten wie die Lehrerin kurz wärend einer Aufgabe das Klassenzimmer verliess, Pauline daraufhin sofort aufsprang und Piuretten drehte, ein Junge sich die Fiebel auf den Kopf setzte und balancierte und ein Mädchen auf ihren Stuhl stieg und eine Rede hielt. Als die Lehrerin zurück kam flitzten alle flugs zurück auf ihre Plätze, sie vesuchte sich erfolglos ein Grinsen zu verkneifen und dann ging es weiter im Programm.

mausperspektive

Dieser Beitrag wurde unter Räupchen, Suomi veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Mäuschen spielen

  1. Pingback: Adventskalender | Pinni

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s