Kontrastprogramm

Vorletzte Woche: Am Montagmorgen um 7.30 Uhr steige ich in das freundlicherweise vor’s Haus gefahrene Uniauto und fahre 400 km gen Norden in die Fischforschungsstation mitten im Nirgendwo. Unterwegs bereden wir abgeschlossene und vor uns liegende Experimente und nehmen ein äusserst schlechtes Mittagessen in einer Raststätte ein. Im Norden angekommen staunen wir über den richtigen Winter, den es also doch noch zu geben scheint. Und dann legen wir los. Es gilt 4000 Fische mit Mikrochips zu versehen. Die Fischbecken werden mit Seewasser betrieben, welches derzeit eine Temperatur von ungefähr 1 Grad Celsius hat. Entsprechend temperiert ist die riesige Fischhalle mit den gut 100 riesigen Becken. Und natürlich auch die wechselwarmen Fische. Bis 21.00 Uhr arbeiten wir im Akkord, immer wieder die Hände in das Wasser tauchen und die Tiere in der linken Hand halten, während die Rechte feinmotorische Arbeiten durchzuführen hat. Es dauert nicht lange bis ich komplett durchgefroren bin und meine Hände nicht mehr spüre. Der Chef erzählt Geschichten vom Eisangeln, was sich wohl auch schlecht mit Handschuhen macht, und wie man seine Hände dafür trainieren kann. Mit seinem Hobby ist er klar im Vorteil. Dafür darf ich als erste in die Sauna und war den Finnen selten so dankbar für diese Erfindung, wie an diesem Abend. Durchgeröstet falle ich ins steinharte, sehr schmale Bett und mache die ganze Nacht kaum ein Auge zu. An mir nagt das schlechte Gewissen. Paulines Papa fängt sehr zeitig an zu arbeiten und so wird sie am nächsten Morgen für 3 Stunden allein zu Hause sein. Sie wird selbstständig aufstehen müssen, sich Frühstück machen und für die Schule fertig machen müssen. Sie kann das alles, wir haben ausgiebig geübt. Aber sie ist eben auch gerade mal 7 Jahre alt und meine Phantasie geht mit mir durch. Unter anderem stelle ich mir einen Hausbrand vor. Ausserdem hat sie furchtbare Angst davor allein zu Hause zu sein und ich habe nicht vergessen wie sich das anfühlt. Ich sehe mich wieder als Kind steif wie ein Brett im Bett liegend und auf jedes Geräusch hörend. Oder unter dem Schreibtisch kauernd, das Herz bis zum Hals schlagend, weil ein möglicher Einbrecher einen doch wohl im Bett suchen würde und nicht unter dem Schreibtisch. Ich habe auch nicht vergessen wie ich mir geschworen habe so etwas meinem eigenen Kind niemals anzutun. Und jetzt liege ich hier 400 km weit weg. Um 6.30 Uhr stehe ich mit müden Augen wieder in der Fischhalle, etwas später rufe ich Pauline an um sicher zu gehen, dass sie aufgestanden ist und noch etwas später um sicher zu gehen, dass sie pünktlich zur Schule geht. Alles ist gut, sie klingt zuversichtlich und auch ein bisschen stolz. Auf meine Frage ob sie das am nächsten Tag noch einmal hinbekommt, antwortet sie: „Warum sollte ich nicht?“ Zur Mittagszeit machen wir eine halbe Stunde Pause und nehmen ein nahrhaftes Mikrowellenessen ein. Und dann weiter, immer weiter. Ich muss zugeben, dass ich so Fliessbandarbeit durchaus gerne mag, dann wenn die Handgriffe sitzen und es zackig voran geht. Aber die Kälte macht mich fertig. Nach zwölf Stunden sind drei Viertel der Fische markiert und wir befinden, dass es für heute reicht und schalten die Sauna ein. Draussen sind es -22 Grad Celsius, aber für den grossartigen Sternenhimmel habe ich erst auf dem Rückweg, endlich wieder aufgetaut, Augen. Am dritten Tag sind die letzten 1000 Fische ein Klacks und nach einer weiteren Mikrowellenköstlichkeit steigen wir wieder ins Auto. Weil man schon einmal hier oben ist, kann man auch noch einen Umweg von 160 km fahren um ein spezielles Anglerbedarfsgeschäft aufzusuchen und um 19.00 Uhr fährt das Uniauto wieder vor unserem Haus vor. Uff.

Letzten Woche: Mit 35 Minuten Verspätung fährt mein Zug am Montagvormittag kurz vor 11 Uhr ein. Ich falle in meinen Sitz und gratuliere mir selbst. Statt Laptop habe ich ein Buch eingepackt -ein Roman und nicht etwa ein Sachbuch- und ich kann in aller Ruhe lesen, während ich 300 km Richtung Süden fahre. Als ich keine Lust mehr habe höre ich Musik und dann bin ich in Helsinki. Dort hat es am Vortag und am Morgen viel geschneit, aber jetzt sind Plusgrade und ein heftiger Wind treibt braune Sosse durch die Strassen. Ich tanze auf Zehenspitzen zum Hotel und dann! gehe! ich! shoppen! Ich habe zwei Stunden lang nichts weiter zu tun als gemütlich durch die Läden zu bummeln. Anschliessend finde ich mich im Naturkundemuseum ein, nehme ein mir freundlich offeriertes Getränk und treffe zwischen Dinosaurierskeletten auf alte Freunde. Grosses Hallo. Zeitig liege ich danach im grossen, weichen Bett. Ich denke wieder an Pauline, aber dieses Mal ist das schlechte Gewissen nur noch halb so gross und deshalb schlafe ich nur noch halb so schlecht. Das Programm am nächsten Morgen beginnt 9 Uhr, ich frühstücke in aller Ruhe vom reichhaltigen Buffett und schlendere dann zur Uni. Dort findet eine Tagung finnischer in Finnland arbeitender Ökologen statt und ich höre spannende und auch weniger spannende  Vorträge. Das Mittagessen nehmen wir beim grossartigen Nepalesen ein, im Anschluss präsentiere ich mein Poster. Von den 360 Tagungsteilnehmern kommt kaum einer vorbei, aber das ist völlig egal, denn das Poster neben mir gehört einer Freundin die ich seit 2 Jahren nicht mehr gesehen habe. Wir haben viel zu erzählen. Einer anderen Freundin, die ich seit 7 (!) Jahren nicht mehr gesehen habe, tippe ich auf die Schulter. Sie sieht mich an und es dauert einen winzigen Moment, dann bekomme ich eine dicke Umarmung. Und: „Pinni, ich habe dich gar nicht erkannt. Du siehst so erwachsen aus!“ Oh. Also alt. Am Abend gibt es ein festliches Dinner und auch hier sitze ich in freundlicher Gesellschaft und habe viel zu lachen. Um 22 Uhr beginnt das Licht im Saal zu flackern und 15 Minuten später liege ich wieder im Bett. Die Podiumsdiskussion zum Thema „Ökologie in Finnland – die nächsten 100 Jahre“ am dritten Tag lässt mich  nachdenklich zurück. Im Podium sitzen drei Wissenschaftlerinnen, ein Vertreter des staatlichen Förderorgans für Wissenschaft und Forschung, sowie eine Vertreterin des Umweltministeriums. Die Diskussion ist mitunter völlig absurd, die drei Erstgenannten und zwei Letztgenannten sprechen zwei verschiedene Sprachen und komplett aneinander vorbei. Insbesondere die Dame vom Umweltministerium, von Haus aus Ökologin, blubbert hohles Zeug wie ein Politiker und widerspricht sich ständig selbst. Als es darum geht, dass die Gelder immer weiter schrumpfen, sagt sie: „Es reicht nicht einfach nur (EINFACH NUR?!?) die Umwelt schützen zu wollen, es muss schon auch einen Vorteil für die Bevölkerung bringen (WIE kurzsichtig kann man eigentlich sein?), sowas wie erhöhte Ernteeinträge zum Beispiel (Ahahaha! WIE BITTE?).“ Als die junge Dame der Postdoc-Generation die neuste Auflage anspricht, die besagt, dass man mindestens ein halbes Jahr im Ausland geforscht haben muss, um sich überhaupt für die Beantragung von Forschungsgeldern zu qualifizieren, kocht es in mir. Diese Regel ist so familienunfreundlich und solch ein Rückschritt ein einem Land wie diesem. Die beeindruckend schlaue Wissenschaftlerin sass zufällig am Vorabend gemeinsam mit mir am Tisch und hat ihre Geschichte erzählt. Sie ist getrennt erziehende Mutter und  der Vater ihres Kindes ist (verständlicherweise) weder bereit mit ins Ausland zu gehen noch einer langen Trennung von seinem Kind zuzustimmen. Was klingt wie ein Einzelfall ist gar keiner, denn fast alle haben wir Partner, Kinder, Eltern oder andere Menschen, die uns nahe stehen und die wir aus den verschiedensten Gründen nicht einfach so zurück lassen können oder schlicht und einfach wollen. Die letzten Vorträge muss ich -so leid mir das für die Vortragenden tut- ausfallen lassen. Es passt nichts mehr in meinen Kopf. Ich besorge mir ein sehr leckeres Abendbrot und laufe damit zum Bahnhof. Der Zug ist dieses Mal pünktlich und um 21 Uhr bin ich zu Hause. Uff.

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