Feierlichkeiten

Eigentlich wird ja schon das ganze Jahr lang zelebriert, aber jetzt kurz vor dem eigentlichen Geburtstag kulminieren die Feierlichkeiten zu 100 Jahren Finnland. Letzte Woche gab es auch in Paulines Schule eine grosse Unabhängigkeitsfeier und auch hier hatten die Schüler eifrig ein Programm einstudiert. Schon seit Wochen schallten innbrünstig intonierte Lieder aus dem Kinderzimmer. O Finnland, mein Vaterland! Für mich immer ein wenig putzig, denn auf dem Papier ist sie ja gar keine Finnin. Und auch ein klitzekleines bisschen gruselig, denn ich kann nicht aus meiner deutschen Haut und sehe Patriotismus immer mit einer Spur Argwohn und ich kann auch nicht aus meiner gehirngewaschenen DDR-Kind Haut. Aber wie sie dann schliesslich vorn auf der Bühne stand, gemeinsam mit ihren finnischen und einigen wenigen nichtfinnischen Schulfreunden, alle mit aufgeregten roten Bäckchen und stolz und freudig blauweisse Fähnchen schwenkend, da fühlte es sich doch genau richtig an.

Ich selbst habe übrigens von Herzen gern das Geburtstagslied mitgesungen, und auch bei der Nationalhymne bin ich aufgestanden und habe ein feierliches Gesicht aufgelegt, aber mitzusingen habe ich mich nicht getraut. Dabei finde ich sie so schön.

Heute bei der Weihnachtsfeier (Feierlichkeiten…) habe ich dann mal die Finnen am Tisch befragt wie sie das denn fänden wenn Ausländer ihre Nationalhymne singen. Immerhin habe ich eine Finnin mal ziemlich vor den Kopf gestossen, weil ich mein Meerschweinchen nach einem finnischen Präsidenten benannt habe. Naja, nach DEM finnischen Präsidenten. Aber hier war die Antwort: „Das kannst du doch machen wie du möchtest! Wenn es sich für dich selbst nicht falsch anfühlt, hier hat ganz sicher niemand etwas dagegen.“ Also dann morgen vielleicht.

Selbst bei der Weihnachtsfeier gab es übrigens kaum ein anderes Thema und die ganze Mensa war in blauweisses Licht getaucht.

Schliesslich haben die Kinder auch heute während des Unterrichts noch einmal gefeiert. Alle wurden gebeten sich schick anzuziehen, es gab ein Präsidentenpaar und ein Festessen und noch einmal wurden die Lieder gesungen. Für die restlichen Stunden durften sich die Kinder aussuchen wie sie 100 Jahre Finnland feiern möchten. Ein Kind machte einen Vorschlag der auf überwältigende Resonanz stiess und dann wurde das so gemacht:

Süssigkeiten essen und am Handy spielen.

Ja, so habe ich auch geguckt. Im ersten Moment war ich ziemlich entsetzt. Aber dann musste ich lachen. Finnischer geht’s eigentlich nicht. Süssigkeiten stehen hier ja nicht gerade auf der Tagesordnung, gehören für Kinder aber unweigerlich zu jeder Feier dazu.  Und ja, auch wenn die goldenen Tage vorbei sind, so sind wir immer noch im Lande Nokias. In dem Land, in dem die meisten Kinder spätestens in der ersten Klasse ein Handy bekommen, in dem Land in dem es nach wie vor eine grosse Technikaffinität bei jung und alt gibt und in dem Land, in dem (pro Kopf) die meisten mobilen Daten auf der ganze Welt verbraucht werden.

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2 Antworten zu Feierlichkeiten

  1. Karen schreibt:

    Also es heisst ja nicht „Vaterland“ (ausser irgendwo in der dritten Strophe ganz versteckt), sondern „Geburtsland“, und ich fand es sehr anrührend, als unsere und auch die vielen braunäugigen, kraushaarigen oder kopftuchtragenden Kinder das sangen: denn für sie stimmt es ja.

    (Ich tue mich mit der Zeile auch schwer.)

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