Oopera

Jedes Jahr im Sommer verwandelt sich das sonst eher verschlafene Städtchen Savonlinna, in dem jeder jeden kennt, in eine quirlige Stadt mit vielen internationalen Gästen und ungezählten Veranstaltungen. Freilichtrestaurants schiessen aus den Böden, die tollsten Geschäfte öffnen ihre Tore, es herrscht geschäftiges Treiben. Seit ich von den Opernfestspielen in Savonlinna gehört habe, es muss etwa 15 Jahre her sein, wollte ich gern mal dort hin. Opernmusik ist für mich so ziemlich die schönste Musik die ich mir vorstellen kann. Jedenfalls live. Und eine Oper im Burghof einer mittelalterlichen Burg, das stellte ich mir grossartig vor. Wie es mit solchen Musikfestspielen aber ist, ist das eine recht elitäre Veranstaltung mit saftigen Eintrittspreisen. Und so musste ich einen runden Geburtstag abwarten um mir frech eine Karte wünschen zu können.

Eigentlich bekam ich zwei ganze Tage in Savonlinna geschenkt und das war eins der besten Geschenke überhaupt. Der Iso hatte sich gedacht: wenn schon elitär, dann richtig, und so wohnten wir fürstlich.

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Ausblick vom Bett. Ging grad so.

Wir kamen Nachmittags in Savonlinna an und machten uns gleich, immer am See entlang, auf in Richtung Burg. Der Iso hatte auch in einem der besagten Restaurants einen Tisch reserviert. Es waren 30 Grad und die Atmosphäre fast mediterran. Es war perfekt. Nach dem Essen brachten wir Pauline zurück ins Hotel. Sie ist dann jetzt gross genug 5 Stunden allein in einem Hotelzimmer zu verbringen. Jedenfalls mit Malzeug, einem Film und einer Tüte Chips ausgestattet. Beim nächsten Mal sollten wir vielleicht noch bedenken, dass so ein durchklimatisierter Raum in kurzer Hose und T-Shirt zwar im ersten Moment recht angenehm ist, auf Dauer aber echt kalt. Und die Klimaanlage etwas hochstellen. Oder zumindest dem Kinde erklären wie das geht, denn sie hat sich gedacht: es soll weniger kalt werden, also drücke ich auf Minus. Als das nichts brachte, durchwühlte sie den Koffer und als sie keine Socken fand, wickelte sie sich eben meine, für alle Fälle mitgebrachte, Strickjacke um die Füsse. Und so ging’s dann.

Vorfreudig aufgeregt liefen wir zurück zur Burg und reihten uns ein in die Menge bunter und ausgelassener Leute (die alle deutlich älter als wir waren).

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Am Eingang verteilte eine freundliche Dame ein Faltblatt mit Informationen. Nachdem der Iso eines gegriffen hatte, schlug ich ein Zweites aus, aber die Dame sagte: Nimm mal, damit kann man sich gut Luft zufächern. Kurz darauf war ich wirklich dankbar für mein Faltblatt. Obwohl ich mich damit als Erstling outete, alle Frauen um mich herum hatten natürlich richtige Fächer dabei! Übrigens, das Opernfestival mag etwas elitär sein, aber gleichzeitig findet es eben immer noch im pragmatischen Finnland statt. Und da bekommt man schon lange vorher eine Info-Email, in der es auch den Punkt Kleiderordnung gibt. Das gibt es hier eigentlich zu ziemlich jeder Veranstaltung und ich finde das grossartig. Was da stand war: Es gibt keine Kleiderordnung. Man solle bedenken, dass finnische Sommernächte in der Regel kalt sind und sich warm anziehen und man solle bedenken, dass es in einer mittelalterlichen Burg mit unebenen Böden stattfindet und sich deshalb bequeme Schuhe anziehen. Gibt es etwas sympathischeres? Zwei Tage vorher dann gab es eine weitere Email in der stand, dass es aufgrund der anhaltenden Hitzewelle sehr warm im überdachten Burghof ist und man sich bitte luftig kleiden und unbedingt eine Flasche Wasser mitbringen soll. Der Iso ging also in kurzer Hose und er war nicht der Einzige, beide hatten wir besagte Wasserflasche in der Hand.

Und dann ging es los. Tosca. Aufgeführt von Gastkünstlern aus Italien, vom Festival Puccini. Boah. Was soll ich sagen! Opern klingen auf italienisch richtig schön. Und den Sängern nimmt man ihre Geschichte ab, die sind mit Leib und Seele in ihrer Rolle und so habe ich das noch nie erlebt. Es dauerte gar nicht lange bis ich mit Gänsehaut auf meinem unglaublich unbequemen Stuhl sass und die Tränen rannen. So schön! Und dann noch die Kulisse, die Atmosphäre. Ein paar Tauben flatterten herum…

Nach dem ersten Akt war Pause und der Iso führte mich an einen für uns reservierten Tisch, auf dem kühles Wasser, Gebäck und frische Erdbeeren parat standen. So königlich habe ich mich selten gefühlt. In der zweiten Pause war dann Zeit in der Burg herum zu spazieren. Sagte ich schon, dass die Atmosphäre grossartig war?

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Im dritten Akt war dann ein bisschen der Wurm drin, aber ach, die Musik hat alles wieder wett gemacht. Merkwürdig fand ich, dass der Dirigent nachdem Cavaradossi für sein E lucevan le stelle wohlverdient tosenden Applaus bekam, selbigen aufforderte die Arie noch einmal zu singen. Ich meine, einen Film hält man doch auch nicht an, spult zurück und guckt sich eine besonders schöne Stelle noch einmal an. Das macht doch die ganze Geschichte kaputt, oder? Aber wer weiss, dachte ich dann, vielleicht will er die schief gelaufenen Dinge wieder gut machen. Meine Freundin berichtete mir aber später, dass es in Turandot am Tag zuvor auch so war und sie dann in der Zeitung gelesen hätte, dass das in Italien Gang und Gäbe sei. Nun, wenn das so ist. Und dann war es leider schon zu Ende.

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Als wir nach 22 Uhr aus der Burg spazierten war es immer noch so warm wie in Italien. Und ich wäre am liebsten zurück ins Hotel getanzt.

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Übrigens hatte ich gedacht, dass das so ein einmal-im-Leben-Ding ist, genau wie damals vor der Heissluftballonfahrt. Aber schon hatte ich das Programmheft für nächstes Jahr in der Hand. Hmmm, Fledermaus vielleicht :)

Am nächsten Morgen trafen wir besagte Freundin, die seit einigen Jahren in Savonlinna wohnt und sich mit Saimaa Ringelrobben befasst. Als Pauline vorher wissen wollte wen wir da treffen, erzählte ich, dass ich diese Freundin vor genau 18 Jahren getroffen habe. 18! Als ich zum ersten Mal in Finnland war und wir gemeinsam in der Lieblingsforschungsstation unsere Diplomarbeit machten. Nachdem wir die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht hatten, fragten wir sie nach einem Strandtipp. Geht doch nach Sulosaari, sprach sie. Dort kann man seinen eigenen Badefelsen finden. Und übrigens gibt es dort auch ein Pfannkuchencafe. Und so machten wir es.

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Fussgängerbrücke zur Insel.

Dieser Nachmittag war der krönende Abschluss unserer kleinen feinen Reise. Ich habe selten so gute Pfannkuchen gegessen und noch nie einem so allerliebsten Cafe auf einer allerliebsten Insel.

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Und noch nie bin ich von Felsen aus schwimmen gegangen. Oi.

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Hier auf diesen Felsen, da sprudelte ich über vor Glück. Danke, für das schöne Geschenk!

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3 Antworten zu Oopera

  1. kamille7Juliane schreibt:

    So ein schöner Bericht mit schönen Fotos. Ich hab mich richtig mit Dir gefreut!

  2. Leni schreibt:

    Ein Bericht zum Mitfreuen!!!
    Das tut richtig gut, dass es dir so gut ging an diesem besonderen Tag. Ein Hoch auf Iso!!!

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