Und wozu soll das gut sein?

Meine Eltern verbringen, wie gesagt, Jahr für Jahr Zeit mit mir auf oder bei finnischen Forschungsstationen. Und natürlich interessiert es sie was ich da eigentlich tue. Wenn ich dann ansetze und Hände wedelnd merkwürdige Dinge erzähle (“und dann gucke ich mit wie vielen Männchen sich so ein Mäuseweibchen an einem Tag verpaart” / “in diesem Sommer haben wir 50390 Schmetterlingseier gezählt” / “heute werde ich die Persönlichkeit von Meerforellen bestimmen”), dann kommt sie immer unweigerlich, die Frage: Und wozu soll das gut sein?

Jahrelang habe ich mich bei dieser Frage etwas unbehaglich gewunden. Dabei ist es natürlich eine mehr als berechtigte Frage von jemandem,  der meine Arbeit unterstützt indem er so lange auf mein Kind aufpasst und meine Arbeit finanziert indem er Steuern zahlt. Aber was ich da meistens gemacht habe war: Grundlagenforschung. Und bei Grundlagenforschung sieht man nicht immer direkt einen tieferen Sinn oder Nutzen. Ich vergleiche das gern mit einem Puzzle, für das ich versuche ein Teil zu malen. Wenn alle Grundlagenforscher ihre Teile zusammenlegen, dann ergibt sich irgendwann ein Bild, das grosse Ganze.

Beim Fischprojekt ist es etwas einfacher. Da geht es allgemein um die Gesundheit von Aquakulturen. Seit kurzer Zeit auch speziell um Naturschutz. Mit den Armen muss ich trotzdem wedeln, weil ich so selten auf Deutsch über meine Arbeit spreche. Da fehlen mir tatsächlich die Vokabeln. Aber ich kann es ja jetzt mal, mithilfe des Wörterbuches, in Ruhe aufschreiben.

Weltweit sind unsere Lachsfischbestände (also Lachse, Forellen usw.) stark gefährdet. Grund dafür sind natürlich wir selbst. Überfischung, Veränderung von Flussläufen und Strukturen… In Finnland und eigentlich ganz Skandinavien sind das Hauptproblem die Wasserkraftwerke. Um 1900 entstanden die Ersten und kurz nach dem zweiten Weltkrieg gab es einen Boom, als die Wirtschaft angekurbelt werden musste und überall Strom gebraucht wurde. Damals wurden 90% aller Energie in Finnland durch Wasserkraft gewonnen. Nun ist Hydroenergie ja eigentlich eine feine Sache. Erneuerbar und nachhaltig. Aber wie alle erneuerbaren Energien ist es eben leider auch ein zweischneidiges Schwert. Und gar nicht mal so nachhaltig wie man denkt.

Wasserkraftwerke verändern die Fliessgeschwindigkeit und Wassermengen der Flüsse, die Wassertemperatur und deshalb beispielsweise auch die Eisbildung im Winter. Das alles hat Auswirkungen auf die Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen die in den Flüssen leben, das ökogolische Gleichgewicht kommt durcheinander. Für die Lachsfische aber sind die Dämme das grösste Problem. Der atlantische Lachs und die Meerforellen sind sogenannte Wanderfische, die die ersten 1-2 Jahre ihres Lebens in Süssgewässern verbringen, dann ins Meer ziehen um sich dick und rund zu fressen um schliesslich zur Fortpflanzung zurück in den Fluss zu ziehen. Das gestaltet sich ungeheuer schwierig, wenn 2-3 Wasserkraftwerke auf dem Weg liegen. Das Ergebnis: es findet kaum mehr Fortpflanzung statt. Momentan gibt es noch 4 sich selbst erhaltende Lachspopulationen und 5 Seeforellenpopulationen in Finnland, letztere sind jedoch stark gefährdet. Noch trauriger sieht es für die sogenannten ‘landlocked’ Lachspopulationen aus. Die sind seit der letzten Eiszeit in Süsswasser eingeschlossen und deshalb genetisch einzigartig. In Finnland gibt es zwei Populationen. Statt ins Meer ziehen sie in Seen, aber auch hier gibt es reichlich Wasserkraftwerke unterwegs. Status: Eine Population war bereits ausgestorben und wurde wieder aufgestockt, beide sind stark gefährdet. Im Grunde genommen können fast alle Lachsfischpopulationen nur durch regelmässigen Fischbesatz am Leben erhalten werden. Heisst: Jungfische werden in Aquakulturen gezüchtet und dann in den Flüssen ausgesetzt. Wie man sich vielleicht denken kann, ergeht es diesem künstlich befruchteten und in künstlichen Wasserbecken aufwachsenden Fischbeisatz aber nicht besonders gut, wenn sie umziehen. Sie haben nicht von klein auf gelernt Futter zu suchen oder sich vor Feinden zu verstecken. Sie müssen enorm gestresst sein von der plötzlichen Vielfalt ihrer Umwelt und überfordert mit den ganzen unterschiedlichen Strömungen und Wasserhöhen. Kein Wunder, dass nur ein Bruchteil überlebt.

Es gibt verschiedene Ansätze das zu verbessern. Die Fischforschungsstation im Norden versucht es mit bereicherten Aufzuchtsbedingungen (‚enriched rearing‘). Das kennt man von Laufrädern in Mäusekäfigen. Bei uns bekommen die Wasserbecken Strukturen wie Steine und Unterschlüpfe, und die Wassermenge variiert ebenso wie die Strömungsrichtung nach einem Zufallsprinzip. Das ganze ist relativ simpel und auch leicht umzusetzen, sodass man es tatsächlich im grossen Massstab (lies: Fischfarm) anwenden könnte. Eine Menge Wissenschaftler mit unterschiedlichen Spezialgebieten gucken nun gemeinsam ob das irgendetwas bringt. Und hier kommen wir ins Spiel. Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, ob diese Aufzuchtsbedingungen die Fische resistenter gegenüber verschiedener Krankheiten machen.

Dazu ist das alles gut. (Und soviel kann ich übrigens schonmal verraten. Die verbesserten Aufzuchtsbedingungen haben teilweise einen enormen positiven Effekt.)

Man kann nun natürlich noch nachhaken wozu all der Aufwand um ein paar Fischarten zu schützen. Also, da hätten wir zum einen die Biodiversität, die wir ganz einfach für gesunde und stabile Ökosysteme (deren Teil wir ja auch sind) brauchen. Deshalb ist jede einzelne Art schützenswert. Fischfang hat eine lange Tradition in Finnland und nicht nur einen grossen ökonomischen Wert, sondern auch einen Historischen. Da steckt ein ganzes Stück Kulturerbe drin. Und nicht zuletzt geht es hier vielleicht gar nicht nur um Naturschutz. Oben schrieb ich, dass diese Aufzuchtsmethode auch ziemlich leicht in Fischfarmen umzusetzen sind. Tatsächlich finden all unsere Experimente in einer ehemaligen Fischfarm statt. In Zeiten, in denen die Fischpopulationen weltweit völlig überfischt sind und wir mehr und mehr von Fischfarmen abhängig sind, wenn wir Fisch essen wollen, hilft es vielleicht auch generell der Fischaufzucht. Fischfarmen haben nämlich teilweise enorme Probleme mit allerlei Krankheitserregern. Gesündere Aquakulturen, weniger Anitbiotika. Unter anderem.

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10 Antworten zu Und wozu soll das gut sein?

  1. kamille7 schreibt:

    Danke für diesen Bericht. Das ist für mich sehr interessant. Bitte mehr davon!

  2. Yvonne schreibt:

    Das ist so interessant zu hören. Vielen lieben Dank für’s teilen.
    Liebe Grüsse aus Holland, Yvonne

  3. Mitleserin schreibt:

    Echt interessant und wirklich zu etwas gut – Danke für die Einblicke!

  4. Pinni schreibt:

    Danke, für die Resonanz! Freut mich sehr, dass euch das interessiert.

    • Leserin schreibt:

      Zur Wasserkraft: Es gibt doch diese Fischtreppen, oder? Helfen die nicht zur Fortpflanzung und Selbsterhaltung?

      • Pinni schreibt:

        Ja, es gibt Fischtreppen und ähnliche Ansätze, aber das funktioniert alles nicht so wirklich. Da kommt nur ein kleiner Teil der Fische durch. In Schweden werden die Lachse deshalb beispielsweise in grossem Massstab vor den Kraftwerken gefangen und dann mit LKWs quer durch’s Land bis hinter das letzte Kraftwerk gefahren…

  5. Sehr spannend! Ich dachte auch immer, dass Wasserkraftwerke umweltschonend seien, aber offensichtlich nicht. Das ist wichtige Forschung, die du da betreibst, auch wenn es dabei sehr kalt wird. :)

  6. io schreibt:

    Ich fand’s auch super interessant!

  7. Karen schreibt:

    Fast hatte ich jetzt für 30 Sekunden sowas wie Sehnsucht nach dem alten Job… <3

    (Aber dann fielen mir der Statistikkram und das Paper- und Antraggeschreibe wieder ein, und danke, geht dann jetzt wieder.)

  8. Silvan schreibt:

    Ich bin bestimmt nicht der Einzige deiner Leserschaft, der schon längst mal fragen wollte (sich aber nie getraut hat), was du in deinem Forschungsprojekt überhaupt machst. Von daher vielen Dank für den interessanten Einblick.
    Mit fallen nur gerade die Parallelen zu meinen Eltern und dem Freundeskreis auf, wenn ähnliche Fragen kommen. Damals bei den Forschungsprojekten im Obst- und Gemüsebau war durchaus noch ein gewisses Verständnis vorhanden. Jetzt beim Aufbau der Gendatenbank für Hortensien eher weniger!? ;D

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