Ehrenabzeichen am Bande

Die Drittklässler behandeln in Heimatkunde gerade Fische. Nicht das schlechteste Thema. Vor zwei Wochen sind sie mit den Fahrrädern an den See gefahren und haben geangelt. Die Beute haben sie in der Schule zunächst eingefroren und letzte Woche dann seziert. Dabei musste Pauline plötzlich an ihre Mama denken (Romantik können wir) und sagte: Übrigens ist meine Mama Fischforscherin, die macht das ständig. Aber das ist ja toll, rief die Heimatkundelehrerin, da kann deine Mama doch mal zu uns in die Stunde kommen und uns was über Fische erzählen. Äääh, erwiderte Pauline, ahnend was sie angerichtet hatte, eigentlich kann meine Mama nicht so gut Finnisch. Aber das macht doch nichts, erwiderte die Lehrerin. Oder, Kinder, das stört uns doch nicht? Also, ich fände es auch richtig toll wenn du kommst, Mama, schloss Pauline ihre Erzählung am Abendbrotstisch.

Watt willste da noch sagen?

Eigentlich hatte ich sogar richtig grosse Lust darauf. Den Plan wie man so eine Schulstunde füllen könnte hatte ich schon seit einem Jahr im Kopf. Der Vater eines Klassenkameraden hatte gerade die Klasse besucht. Er ist Künstler und brachte riesige Leinwände mit. Er erzählte wie er zu seinem Beruf gekommen war, von seinem Arbeitsalltag und die Geschichten zu seinen Bildern. Am Abend sass ich mit einer vor Begeisterung übersprudelnden Pauline vor dem Computer, schaute mir ebenfalls seine Bilder an und liess mir von ihr erzählen wie sie entstanden sind. Später kam er noch einmal in die Schule um mit den Kindern zu malen und ihnen verschiedene Techniken zu zeigen. Sie redet bis heute davon. Dieser Mann hat sie inspiriert vielleicht selbst Künstlerin zu werden. Gibt es was Tolleres?

Direkt im Anschluss rief Paulines damalige Klassenlehrerin alle Eltern dazu auf ebenfalls in die Schule zu kommen und von ihren Berufen zu erzählen. Ich hatte zwar ziemlich grossen Spass daran meinen Besuch zu planen, wusste aber von Anfang an, dass ich ihn niemals in die Realität umsetzen würden. Denn mal ganz ehrlich: auf Finnisch?

Im Grunde genommen ist es super peinlich. Ich weiss noch ganz genau wie ich das erste Mal für meine Diplomarbeit nach Finnland gekommen war und mich innerlich darüber empörte, dass meine Betreuerin (ebenfalls Deutsche) auch nach zwei Jahren im Land die Sprache nicht sprach. Haha, zwei Jahre. Bei mir sind es inzwischen 16. Sechzehn! Man kann das vermutlich nur verstehen wenn man selber hier wohnt. Finnisch ist nicht die einfachste Sprache. Das wissen die Finnen und weil sie sind wie sie sind, würden nie im Traum verlangen, dass man das lernt. Und man kommt wunderbar ohne zurecht.  Es gibt quasi alles auf Englisch. Nun ist es nicht so, dass ich gar kein Finnisch könnte. Ich verstehe es ziemlich gut, ich lese inzwischen sogar finnische Bücher. Ich führe Telefonate und schreibe Emails, ich gehe zum Arzt, ich führe Elterngespräche in Kindergarten und Schule, ich habe ein Haus gekauft. Auf Finnisch. Aber es ist jedes Mal ein zähes Ringen. Und es funktioniert nur wenn ich mich akribisch vorbereite, Vokabeln raussuche und Sätze fertig aufschreibe. Kein Witz. Ein bisschen spielt vielleicht auch mein Hang zum Perfektionismus mit rein, aber locker plaudern ist einfach nicht drin. Im Grunde meines Herzens weiss ich, dass ich einfach nur Übung brauche. Aber wo und mit wem? Zu Hause sprechen wir deutsch, logisch. Auf Arbeit bin ich bei weitem nicht die einzige Ausländerin und überhaupt ist es wichtig, dass es nicht zu Missverständnissen kommt. Also Englisch. Meine Freunde sind entweder ebenfalls Ausländer oder ich kenne sie seit mindestens 15 Jahren und habe immer Englisch mit ihnen geredet. Tatsächlich haben wir mal versucht umzustellen, aber das funktioniert nach so einer langen Zeit nicht. Es ist seltsam, aber diese Freundschaften sind festmaschig mit Englisch verwoben. Bleibt also nur noch Arzt, Schule und Hausangelegenheiten. Viel zu wenig. Mal abgesehen davon, dass ich smalltalk nicht mal in meiner Muttersprache kann.

In dieser Situation habe ich also zugesagt in die Schule zu kommen um etwas über Fische zu erzählen. Das verdient doch ein Ehrenabzeichen am Bande, oder nicht?

Mir war von Anfang an klar, dass es nur funktionieren würde, wenn ich mir vorher den gesamten zu erzählenden Text ausarbeiten würde. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Wenn ich einen Vortrag vorbereite, schreibe ich mir immer Text zu jeder Folie, damit ich den roten Faden nicht aus den Augen verliere. Mir war jedoch nicht klar, wie lange das auf Finnisch dauern würde. Vier Tage werkelte ich daran. Ich kannte dann doch etliche Vokabeln nicht. Ich wusste nicht wie man das alles ausdrückt, welchen Fall wohl ‚fortpflanzen‘ verlangt. Und diese ganze steinalten Wörter – Fluss, Meer, Lachs, Steine – die sich allesamt so komisch beugen. Schon mal versucht ’schlüpfen‘ auf Finnisch auszusprechen? KUORIUTUA? Das Ganze am Ende auch noch auswendig zu lernen gab ich am Abend vorher auf. Schier unmöglich. Dann eben mit Zettel in der Hand.

Und so kam Dienstag 10 Uhr und ich stand vor der dritten Klasse. Und mir ging – Pardon – der Arsch auf Grundeis. Was, wenn mich keiner versteht? Oft genug gucken mich Paulines Freundinnen ungläubig mit grossen Augen an, wenn ich wiedermal kompletten Unsinn von mir gegeben habe. Was, wenn keiner mitmacht? Was, wenn es totsterbenslangweilig ist? Was, wenn ich meiner Tochter die peinlichste Schulstunde ihres Lebens bescheren würde?

Dreiundzwanzig Acht- und Neunjährige standen auf und wünschten mir höflich einen guten Morgen. Ich begann mit einer Frage. Ob sie eigentlich wüssten, was ein Forscher so den ganzen Tag über macht. Dreiundzwanzig Hände schnellten nach oben. Ich atmete auf. Sie verstanden mich. Während ich sprach, sassen sie mucksmäuschenstill an ihren Pulten und hörten aufmerksam zu. Wenn ich was fragte, beteiligten sie sich rege und konnten einfach alles beantworten. Dazu standen sie jedes Mal umständlich auf und stellten sich neben ihr Pult. Ich hörte eine astreine Definition von Parasiten. Von einem Drittklässler! Ich erklärte wie man Forschung eigentlich macht, ich erzählte vom aussergewöhnlichen Leben der Lachse und ich erzählte was das alles mit meiner Arbeit zu tun hat. Am Ende holte ich ein paar Fische und meine Arbeitswerkzeuge aus der Tasche und zeigte wie das alles in Echt geht. Als ich fertig war und die Lehrerin sagte, dass sie nun gehen könnten, fragten sie ob sie erst noch die Fische fertig sezieren dürften. Ich weiss nicht wessen Augen mehr geleuchtet haben, meine oder ihre. (Etwas irritiert war ich, zugegeben, über das Mädchen, dass zunächst immer wieder mit der Pinzette in die Fischaugen stach und anschliessend den Fisch in winzig kleine Schnipsel zerschnitt. Aber gut.)

Dann bedankte sich Paulines Lehrerin überschwänglich, meinte es wäre sogar für sie total spannend gewesen und lud mich zum Schulessen ein. Der Zufall wollte es, dass mir Pauline noch vor der Stunde empört erzählt hatte, dass es Leberauflauf geben würde. Nun ist es so, dass ich mir wirklich nichts ekelhafteres vorstellen kann als Leberauflauf. Obgleich man noch dankbar sein muss, dass die Schulvariante ohne Rosinen ist. Uaaaaaaah! Ich murmelte also was von viel zu tun, die Forschung, sie wissen ja, lief nach Hause und sank erschöpft auf’s Sofa.

Dort verharrte ich mehrere Minuten tief ein- und ausatmend und wollte mir gerade das imaginäre Ehrenabzeichen anstecken, als mir aufging, dass es eigentlich den Lehrern gebührt. Und zwar in jeglicher Hinsicht.

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4 Antworten zu Ehrenabzeichen am Bande

  1. Idgie schreibt:

    Und dir auch. Eine nicht Muttersprache ist immer schwer. Und ich kann mit Englisch. Da drin einen Vortrag zu halten gerade vor Kindern. Respekt!
    Das würde ich mich nicht trauen.

  2. lotelta schreibt:

    Danke für diesen interessanten Beitrag!
    Erstens finde ich es wirklich toll, dass Du Dich dieser Herausforderung gestellt hast. Und gleich eine ganze Stunde! Und eben kein Smalltalk sondern mit der Absicht was Bestimmtes rüber zu bringen … Ich selbst lerne seit mehr als 12 Jahren Finnisch. Das kann man zwar nicht vergleichen, weil ich es – von gelegentlichen Reisen abgesehen – zuhause mache. Und ich bin schon stolz und glücklich, wenn ich es hinkriege, in Finnland mit den Leuten über einfache Dinge zu plaudern.
    Zweitens hab ich nach Deiner Schilderung dieser Schulstunde endlich ein Gefühl, was das Tolle am finnischen Schulwesen ist, das alle immer so loben.

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