Winterfest

Es muss im Februar gewesen sein, da rutschte mein Fahrrad mal wieder auf dem vereisten Radweg davon und begrub mich unter sich. Ich begann unflätig zu fluchen, stand auf (und sah mich hektisch um – so finnisch ist man dann schon nach all den Jahren), rieb mir das schmerzenden Knie, trat gegen das blöde Fahrrad, dann gegen das blöde Eis und humpelte, das Fahrrad schiebend und weiter schimpfend wie ein Rohrspatz, die letzten 2 km nach Hause. Denn in dem Moment hatte ich mir geschworen erst wieder Fahrrad zu fahren wenn die letzten Schneeflocke geschmolzen wäre. Und noch etwas schwor ich mir, denn mir war klar, dass ich womöglich nicht mehr lange mit nur einem Riesenschreck und einem Riesen-blauem Fleck davon kommen würde: Bevor ich das nächste Mal im Winter Fahrrad fahre, schaffe ich mir Winterreifen mit Spikes an.

Nun habe mir auch im Jahre 2003, als ich mit Influenza darniederlag und es mir wirklich, wirklich, richtig schlecht ging, also da habe ich mir auch geschworen mich von nun an jedes Jahr impfen zu lassen. Und wie oft habe ich das seither gemacht? Genau. Nie.

Denn wenn ich etwas richtig gut kann, dann ist das prokrastinieren. Abend für Abend auf dem Sofa liegen und missmutig daran zu denken was alles zu tun wäre. Zu überlegen, dass ich doch endlich mal mit den Fotobüchern anfangen sollte, mit denen ich 3 Jahre im Rückstand bin oder, dass ich endlich mal das tolle Futterhäuschen aufhängen sollte, das ich vor 2 Jahren geschenkt bekam. Am nächsten Abend fällt einem außerdem noch ein, das man schon wieder ewig nichts mehr ins Blog geschrieben hat und am übernächsten, dass bald Winter ist und man Spikereifen braucht und dann, dass im Winter immer Grippewelle ist. Und dann wird einem vor lauter zu erledigenden Dingen ganz schwindelig.

Der Iso predigt mir seit 23 Jahren To-do-Listen. Das mag ein schönes Konzept sein, ich habe auch schon mehrmals welche geschrieben. Die nehme ich dann mit auf’s Sofa und lese sie mir immer wieder durch.

Weil ich mir aber langsam selbst auf den Geist gehe, habe ich mir nun das 3-Punkte-System ausgedacht. To-do-Listen, ja. Aber zusätzlich muss ich, und zwar bevor ich mich auf’s Sofa fallen lasse, täglich 3 Dinge davon erledigen. Also, nicht etwa ein ganzes Fotobuch erstellen, Winterreifen aufziehen und dann einen Blogeintrag darüber schreiben, klar. In realistischem Maße. Eine Seite im Fotobuch erstellen, im Internet recherchieren wie man ein Vogelhaus aufhängen könnte, wenn man keinen Ast zur Verfügung hat (die Bäume sind alle zu groß) und mal raus gehen und gucken welche Größe die Fahrradreifen haben. Zum Beispiel. Dann hat man vielleicht 30 Minuten aufgewendet, ist überall einen Schritt weiter gekommen und kann danach auf dem Sofa – weil man nun nicht mehr über den Berg zu erledigender Dinge nachdenken muss – ein Buch lesen. Und Montags hat man frei.

Ich mach das jetzt seit September. Vorsichtshalber habe ich niemandem davon erzählt, falls ich nämlich – und das hätte mich auch nicht überrascht – nicht länger als eine Woche durchhalte. Aber es klappt. Manchmal ist es vielleicht schon Schlafenszeit, bevor ich überhaupt Zeit hätte mit irgendeinem Listenpunkt anzufangen. Dann versuche ich mich an 3 Dinge zu erinnern, die ich an dem Tag schon gemacht habe, und die vielleicht auch zählen könnten. Zum Beispiel fällt mir ein, dass ich eine Maschine Wäsche gewaschen, mit dem Kind Heimatkunde gelernt und für die Familie Abendbrot gemacht habe und gehe dann schlafen. Vielleicht veralbere ich mich so selbst, indem ich Dinge an den Haaren herbei ziehe, aber theoretisch könnten die ja auf der Liste stehen. Außerdem lag ich nicht jammernd auf dem Sofa.

Und: ein Fotobuch steht im Regal, das Zweite ist fast fertig. Das Vogelhäuschen hängt (an einem Laternenpfahl für Gräber), macht Blau-, Kohl- und Weidenmeisen satt und mich glücklich. Das Fahrrad fährt sich mit insgesamt 722 Spikes sehr gut auf 3 mm Schnee (ausserdem ist es geputzt und generalüberholt – nicht durch mich, aber ich habe die Werkstatt ausfindig gemacht und das Fahrrad hingebracht) und der Termin für die Grippeschutzimpfung ist in zwei Wochen. Unter anderem.

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8 Antworten zu Winterfest

  1. Idgie schreibt:

    Das ist eine tolle Methode. Ich glaube die klaue ich mir.
    Dann muss ich nur noch an meinen anderen Problem arbeiten. Mich an die Sachen auch zu erinnern.

    • Pinni schreibt:

      Da hilft die To-do-Liste :) (Ich habe meine im Handy, was man ja meistens in der Nähe hat, und wenn mir was einfällt schreibe ich es augenblicklich auf)

  2. Silvan schreibt:

    Irgendwie fühle ich mich gerade ertappt. Oder besser gesagt mein schlechtes Gewissen fühlt sich gerade beim Lesen dieser Zeilen ertappt.
    Irgendwie kenne ich das von mir selbst nur zu gut…diese 1000 Dinge, die man schon seit Ewigkeiten erledigt haben wollte und trotzdem immer wieder (gekonnt) vor sich herschiebt.

    Immerhin hab ich schon längst das „Vogelhaus“ (es ist aber eigentlich eine funktionale Futtersäule, an der sich eine Gang von Kohlmeisen erfreut) aufgehängt und das Rad ist, da es oft damit auch ins Gelände über Stock und Stein geht, in gutem Zustand.
    Aber meine Baustellen hab ich dennoch zur Genüge (endlich wieder beginnen konsequent Finnisch zu sprechen/lernen, längst überfällige Emails beantworten und es nicht immer nur versprechen, den Schreibtisch aufräumen…ein Dauerthema leider usw.).

    Vielleicht sollte ich es ja auch mal mit deinem 3-Punkte-System versuchen, anstatt gleich immer alles machen zu wollen, um dann am Ende doch mit leeren Händen da zustehen.
    Es klingt nämlich für mich schon so, als hättest du Erfolg damit.

    • Pinni schreibt:

      Ja geht prima. Ich gehe nicht davon aus, dass ich dass jetzt für immer so durchhalte, aber im Moment, wo sich einfach SO viel angestaut hat (die Liste geht weit über Winterreifen und Vogelhäuser hinaus, da stehen auch zu schreibenden Mails ;-) ), ist das ein guter Weg.

  3. Karen schreibt:

    Sehr schön! Sobald ich nicht mehr in jeder freien Minute irgendwelche HENSUs schreiben muss, mache ich das auch so!

    (Ganz oben stände zum Beispiel: ein gewisses ständig ausgebuchtes Hostel buchen für ein Wochenende im Januar. Oder überhaupt erstmal rausfinden, wann da noch ein Zimmer zu haben wäre. Aber… siehe oben. *seufz*)

  4. Ich bekenne mich auch schuldig. Wenn ich, wie so oft, keine Energie habe, stapeln sich die Wäscheberge, ich denke mir tagsüber „Oh, ich müsste ja mal“, und dann sitze ich doch nur wieder for Netflix/YouTube/anderen zeitraubenden Dingen. Letzten Mittwoch aber, da machte ich gleich drei Ladungen Wäsche, staubsaugte, usw. und seitdem ist meine Motivation irgendwie wieder da. Hoffentlich bleibt das so, oder ich muss mir auch so eine Liste wie du anlegen. :D

  5. Pingback: 2018 | Pinni

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