Schritt für Schritt

In Finnland haben inzwischen 45% der Bevölkerung die erste Corona-Impfung erhalten und seit heute gehöre ich auch dazu. Es geht voran. Langsamer als erhofft, aber voran. Als ich gestern im Impfzentrum sass und darauf wartete aufgerufen zu werden, wurde mir erst mal richtig bewusst was für eine Meisterleistung da vollbracht wurde. Anderthalb Jahre nach den ersten Krankheitsfällen sind wir schon SO WEIT!

Wie die liebste Freundin berichtete, impft Finnland schlicht in absteigender Altersreihenfolge. Es gibt zwar geringfügige Unterschiede zwischen den Provinzen und Gemeinden wann nun genau welche Altersgruppe dran ist. Und die Terminvereinbarung wird auch unterschiedlich gehandhabt. Aber eins ist es überall: unkompliziert.

Bei uns erklickt man sich den Termin auf einer Webseite der Stadt oder (je nach Arbeitgeber) auf der Webseite des Betriebsarztes. Anfangs brachen die Seiten wohl regelmässig zusammen. Immer dann wenn eine neue Altersgruppe dran war. Also stellte man von 5-Jahrgangs-Gruppen (z.B. alle 65-70jährigen) auf 2-3 Jahrgänge um und nun klappt es ganz gut. Seit gestern durften sich alle 43-44jährigen einen Termin holen (sowie natürlich nach wie vor alle die älter sind oder zu Priorisierungsgruppen gehören). An und für sich wäre es mir auf ein paar Tage eher oder später nicht angekommen, aber da ich (das wird jetzt gleich sehr merkwürdig klingen) am Sonntag voraussichtlich verreise, wollte ich das schon ganz gern vorher erledigt haben. Ich blieb also am Vortag bis Mitternacht auf und probierte es zuerst beim Betriebsarzt. Da waren aber wohl um 0.01 Uhr doch einige unterwegs und nach mehreren erfolglosen Einloggversuchen (wie immer und überall über die Bank-App) wechselte ich zur Stadtseite. Dort lief es flüssig und ich nahm einfach den ersten freien Termin, heute 9:05 Uhr. Passt sowieso besser, denn das Impfzentrum liegt in unserem Stadtteil. (Mit – es ist auch nicht alles gut in Finnland – trauriger Vorgeschichte: nämlich in der seit Anfang des Jahres geschlossenen Ortsteil-Poliklinik.) Das lange Aufbleiben wäre allerdings gar nicht nötig gewesen. Eine Freundin holte sich ihren Termin erst am Morgen und ist nur 24 Stunden nach mir dran.

Ich radelte heute also durch strahlenden Sonnenschein und – wie praktisch für einen Impftermin – nur im T-Shirt zum Impfzentrum. Dort war ganz schön was los, zwei Parkplatzanweiser dirigierten die Autos hin und her. Drinnen brauchte ich nur meine Krankenkarte vorzeigen und durfte mich dann in einen der vier Gänge setzen. Erst dachte, dass die vielen anderen Leute, die dort sassen, alle noch vor mir dran wären (was mich wunderte, denn es war 9:04 Uhr). Aber als eine freundliche Krankenschwester vorbei kam und fragte ob es allen gut geht, wurde mir klar, dass man hier auch seine 15 Minuten danach wartet. Dann dachte ich, wie gesagt, über menschliche Meisterleistungen nach und anschliessend darüber, wie mehrere Leute im Internet beschrieben haben, dass die erste Impfung eine ziemlich emotionale Angelegenheit war. Und horchte in mich rein. Aber nein. Vielleicht liegt es ja daran, dass die ganze Impferei hier von Anfang an ziemlich unaufgeregt und fair zuging.

Nach ein paar Minuten wurde ich in eins der Behandlungszimmer gerufen. Dort waren zwei weitere super nette Krankenschwestern. Eine sass am Computer, bat mich ihr meine Sozialversicherungsnummer anzusagen und tippte dann alles nötige ein. Die andere erzählte mir, dass ich gleich Comirnaty bekommen würde, zählte mögliche Nebenwirkungen auf und bat mich dann meinen Arm kurz zu entspannen. Pieks, Pflaster und dann bekam ich nur noch einen Zettel mit dem Zweittermin (12 Wochen später –  das Ziel ist erstmal so viele Leute wie möglich) und ein paar Informationen in die Hand und einen schönen Tag gewünscht. Im Gang war es inzwischen zu voll, also setzte ich mich neben die Anmeldung. Weise Entscheidung, denn langweilig wurde es da nicht.

Zuerst studierte ich mal den Zettel. Die ersten zwei Sätze lauten: ‚Nach der Impfung kannst du dein Leben ganz normal weiterleben. Also zum Beispiel in die Sauna gehen oder Sport treiben.‘ Ich grinste in mich rein, da waren die zwei wichtigsten finnischen Beschäftigungen aufgeführt. Dann sah ich eine Turnmitmutter aus einem der Behandlungszimmer treten und wir jubelten uns augenblicklich mit unseren Zetteln zu. Sie suchte sich einen Platz zum Warten und ein Herr kam herein und sagte: „Ich hätte gerne eine Impfung.“ „Wann ist denn dein Termin?“ „Termin???“ Es ist erstaunlich wie manche Leute durch’s Leben gehen. Ich bewunderte die Dame am Empfang dafür, wie sie mit unglaublicher Freundlichkeit und Engelsgeduld erklärte warum man einen Termin braucht und wie man den bekommt. Und für „Und wenn du dann deinen Termin hast und wiederkommst, sei doch bitte so nett und nimm dir am Eingang eine Maske, setze sie auf und halte Abstand.“ Eine Krankenschwester kam vorbei und fragte wie es mir geht. Ein alter Mann trat ein und sagte er hätte gleich einen Termin. Nach ein bisschen herumsuchen im Computer stellte sich heraus, dass er einen Tag zu früh gekommen war. „Kommen Sie doch bitte morgen wieder!“ „Morgen?“ fragte der Mann leicht verzweifelt und dann bemerkte wohl auch die Schwester, dass er ziemlich fertig aussah, so als ob es ihn viel Kraft gekostet hätte überhaupt hier her zu kommen. „Oooooder wäre es Ihnen lieber gleich heute dran zu kommen?“.

Nach 15 Minuten stand ich auf, bedankte mich bei den Damen am Empfang, ging raus und schloss mein Fahrrad ab. Als jemand hinter mir „Ach Hallo!“ sagte. Also auf Deutsch. Es war eine Bekannte, die ich länger nicht gesehen hatte und die schon zum zweiten Impftermin kam. Wir tauschten uns noch kurz über die momentanen Einreisebestimmungen in Deutschland aus, wo auch sie diese Woche noch hinfährt, und dann fuhr ich nach Hause. Und war geimpft und schon doch ziemlich froh.

In den Nachrichten war gestern zu lesen, dass Finnland die angestrebte Impfquote von 70% voraussichtlich noch diesen Monat erreichen wird, aber dass die Quote vermutlich doch nicht für eine Herdenimmunität ausreicht. Zum einen weil man mit nur einer Impfung immer noch erkranken und das Virus übertragen kann. Zum anderen weil andere Teile der Welt noch nicht so weit sind und so das Virus immer wieder neu ins Land gebracht werden kann. Und übrigens auch mutieren und dabei die Impfwirkung umgehen. Deshalb: wer es vielleicht nicht aus Solidarität tun möchte der kann ja einfach für sich selbst spenden :)

2 Kommentare zu „Schritt für Schritt

  1. Eine schöne Geschichte unserer Zeit. Der Zeit bis zum Impfen. So oder so ähnlich geht es wohl überalle zu. Auch hier. Aber immer wieder schön zu lesen, das etwas passiert.

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