Herbsturlaub

Vorletzte Woche waren in Mittelfinnland Herbstferien. Unsere ursprünglichen Pläne für etwas länger etwas weiter weg zu fahren, jetzt wo es wieder einigermassen möglich ist, wurden vom Hobby des Kindes vereitelt. Wer legt Wettkämpfe und Trainingslager in die Ferien? Aber für ein paar Tage stand sogar die Gymnastik still und so konnten wir immerhin über eine Ländergrenze fahren. In Estland waren wir zuletzt vor vier Jahren und auch da nur für einen verregneten Nachmittag in Tallinn. Dabei ist es gar nicht weit. Ein paar Stunden über Land zur Hauptstadt, noch mal zweieinhalb über’s Meer, da.

(Finnland wäre nicht Finnland wenn man nicht auf dem Schiff erstmal zufällig ein paar Bekannte treffen würde.)

Die ersten 1,5 Tage verbrachten wir in Tallinn, was ja immer einen Besuch Wert ist. Zur Zeit aber ganz besonders, denn erstens sind „aufgrund der aktuellen Situation“ nur wenige Touristen da und zweitens können wir dort momentan Familie besuchen. Meine Nichte verbringt dieses Schuljahr im Rahmen eines Austauschprogrammes in Estland. Dort waren allerdings keine Ferien, deshalb vertrödelten wir die Zeit bis Schulschluss erstmal mit ein wenig Umherspazieren.

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Als wir eine Weile an der Stadtmauer entlang liefen, zeigte sogar unser nicht ganz so gern umher laufendes Kind Begeisterung, denn im Geschichtsunterricht wurde gerade das Mittelalter durchgenommen und erst wenige Tage vorher war von mittelalterlichen Städten und Stadtmauern die Rede gewesen. Ach so sah das also damals aus.

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Ausserdem verbrachten wir die Zeit mit über die Sprache freuen. Unglaublich wie ähnlich sich Finnisch und Estnisch sind. Bei manchen Wörtern muss man zwar zweimal hinsehen oder -hören, aber wir haben überraschend viel verstanden. Und dann erst die niedlichen eingeestnischten (dieses Wort gibt es vermutlich nicht?) Wörter wie Reisibüro oder Smuuti oder Gurmee!

In Tallinn waren wir zwar schon einige Male gewesen, haben aber bisher hauptsächlich nur die Altstadt gesehen. Das sollte sich bei diesem Besuch ändern. Zunächst trafen wir meine Nichte am Hauptbahnhof, neben dem gleich eine grosse Markthalle steht, in der wir erstmal alle leeren Mägen füllen konnten. Ich ass dort direkt das leckerste Essen der ganzen Reise: frische Pelmeni gefüllt mit Kartoffeln und Zwiebeln, die haben unheimlich gut geschmeckt. Unweit von dort liegt der kreative/alternative Stadtteil Telliskivi mit viel Kunst an und zwischen den Wänden und dahin wurden wir als nächstes geführt.

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Wir schauten uns ein wenig um und besuchten auch einen kleinen feinen Buchladen mit sehr gelungener Titelauswahl. Von Telliskivi ging es weiter nach Linnahall, dem ehemaligen Lenin Palast für Kultur und Sport. Ein beeindruckendes Bauwerk, das 1980 anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Moskau gebaut wurde. Heute verfällt es so vor sich hin – sein Erhalt ist unter den Esten umstritten – aber man kann immer noch oben drauf steigen und über’s Meer schauen.

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Danach waren wir alle ordentlich durchgefroren und beinmüde und liessen den Tag mit weiteren kulinarischen Highlights ausklingen. Ich habe mich sehr gefreut zu sehen wie wohl sich meine Nichte offensichtlich in Tallinn fühlt und wie souverän sie uns nach nicht mal zwei Monaten dort durch die Stadt navigiert und dabei viele interessante Details erzählt hat. Danke für die tolle Reiseleitung :)

Da die Gymnastik noch ein paar weitere Tage ruhte, fuhren wir am nächsten Morgen weiter nach Pärnu. Es goss wie aus Kübeln, also liessen wir bedauernd den geplanten Umweg über Haapsalu aus und rollten auf direktem Weg zwischen hundert LKWs (Via Baltica…) gen Süden.  Pärnu ist ein Kur- und Badeort mit unzähligen Spas und Schwimmbädern und war damit die ideale Wahl für die folgenden Tage, in denen ein Herbststurm über’s Land zog. Den Rest des Tages verbrachten wir einfach schwimmend und saunierend im Hotel. Nachts trommelte der Regen ans Fenster und in der Ferne rauschte aufgebracht das Meer.

Freundlicherweise machte der Regen am nächsten Vormittag eine kurze Pause, so dass wir uns ein wenig am wirklich schönen Stadtstrand durchpusten lassen konnten.

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Nachmittags fielen wieder fette Tropfen, aber nachdem wir ja erst zwei Wochenenden vorher die liebste Freundin besucht hatten und uns die Mäusekinder das Spassbad in Pärnu in den schillerndsten Farben beschrieben hatten, war sowieso klar, dass wir dort hinmussten. Und so rutschten, sprangen, schwammen und saunierten wir wieder den ganzen Nachmittag. Gibt Schlimmeres.

Am letzten Urlaubstag schien immerhin ab und zu mal die Sonne. Ursprünglich hatten wir vor den Tag in einem nahegelegenen Nationalpark zu verbringen, beschlossen dann aber, dass wir Wald und Moor auch ausreichend zu Hause haben und suchten lieber einen kleinen Wanderweg direkt am Meer südlich von Pärnu aus. Dort gab es allerliebste Infotafeln, Wald bis direkt vorn an die Wasserkante, ein wildes Meer, einen Aussichtsturm, eine Vogelwarte und Wetter, das gab es auch.

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Weil der Weg nicht so lang war, blieb am Nachmittag noch Zeit für einen Besuch der Innenstadt, wo genau gar nichts los war, aber es immerhin schöne alte Holzhäuser zu sehen gab. Und für einen Spaziergang zur etwa 2 km langen Mole. Dort wiess uns ein Schild darauf hin, dass Liebespaare die ewige Liebe erhalten wenn sie Hand in Hand die Mole abschreiten und sich am Ende küssen, aber ach! Der Sturm hatte den steinigen Teil der Mole komplett überspült. Konnten wir nur den romantischen Sonnenuntergang ansehen.

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Das war dann auch das letzte Mal, dass wir seither die Sonne sahen. Auf der Heimfahrt am nächsten Tag fiel wieder Regen, der sich auf finnischer Seite in Schnee verwandelte. Leider blieb der nicht liegen und deshalb ist es jetzt die finsterste Zeit des Jahres und ich muss immerzu schlafen und essen und brauche ewig um Blogeinträge fertig zu stellen.

2 Kommentare zu „Herbsturlaub

  1. Es gibt einen ur-alten Witz zu den Schwierigkeiten der finnischen bzw. estnischen Sprache:

    Der zum Tod Verurteilte wird nach seinem letzten Wunsch vor der Hinrichtung gefragt. Er antwortet:
    Finnisch (estnisch) lernen.

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