Weihnachten 2021

Es ist gleichzeitig traurig und schön, dass seit diesem Jahr der Nussknacker meiner Grosseltern mit uns Weihnachten feiert.

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Traurig, weil sie nun beide nicht mehr da sind, ihn am ersten Advent nicht aus einer Kiste holen und aufstellen können. Schön, weil ich ihn seit meiner Kindheit liebe. Nicht ganz so sehr wie seinen Zwilling, der genau gleich aussieht ausser dass seine Haare weiss und viel weicher sind und mit dem ich aufgewachsen bin. Aber da meine Grosseltern beide am 25. Dezember Geburtstag hatten, sind wir oft am ersten Weihnachtsfeiertag zu ihnen gefahren und da stand er jedes Jahr, in der guten Stube an der gleichen Stelle. Mit diesem hier durfte man freilich nicht spielen (der Nussknacker aus meinem Elternhaus ging durch alle Kinder-, Enkel-, und Urenkelhände – ich habe stundenlang seinen Bart gestreichelt (vermutlich Kaninchenfell) und als ich einmal un_be_dingt Nüsse damit knacken wollte, bekam ich ein paar Erdnüsse gereicht), aber ich habe ihn gern auch einfach angesehen.

Jetzt steht er in Finnland und hat sich vermutlich ein bisschen gewundert über das unkonventionelle Weihnachtsfest, dass sich da vor seinen Augen abspielte. Es fing schon mit dem Weihnachtsbaum an, der nicht erst an Heiligabend sondern bereits am 4. Advent aufgestellt und geputzt wurde und ausserdem ziemlich klein ist. Ich habe dem Nussknacker aber erklärt, dass es nur eine Ausnahme oder besser gesagt ein Kompromiss ist, weil wir kurz nach Weihnachten in den Urlaub fahren aber nicht auf den Baum verzichten wollen. Dann gab es an Heiligabend zur besten Kaffeezeit das Weihnachtsessen, was weder Kartoffelsalat mit Würstchen noch Gänsebraten war, denn wir haben ja seit letztem Jahr an Weihnachten ein Themenessen.

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In diesem Jahr wurde mein Vorschlag ausgelost, was mich tatsächlich erstmal ein wenig ärgerte, denn ooooh ein Mumin-Weihnachtsessen! Es hätte Pfannkuchen geben können! Aber die russischen Eier, die Wareniki mit Schaschlik und russischem Möhrensalat und schliesslich der russische Zupfkuchen (jaja, ist gar nicht russisch, hat’s aber im Namen) die da auf den Tisch kamen waren auch sehr lecker. Auf das Thema bin ich übrigens gekommen, weil ich in Tallinn so angetan von den Wareniki war (obwohl sie dort Pelmeni hiessen). Später konnte sich der Nussknacker „Stille Nacht“ als Kanon anhören, der sich (unabsichtlich) ergab als wir in einer Video-Konferenz mit Familie in Deutschland und Estland sangen. Immerhin die Bescherung fand ordnungsgemäß unter dem Baum statt, wo sich zeigte, dass ich in diesem Jahr besonders brav gewesen sein muss.

Am ersten Weihnachtsfeiertag wischte sich der Nussknacker erneut die Augen, denn es gab einfach nur Reste vom Vortag zu essen, wieder am Nachmittag, im Bademantel (Saunapause) und AUF DEM SOFA. Auch sonst waren die Feiertage ausnehmend gemütlich. Wir fuhren Schlittschuh auf dem Stadtsee, spielten Federball in der Turnhalle und viele Brettspiele zu Hause, tranken dabei literweise Tee und assen ähnlich viel Schokolade.

Wintersonnenwende

Die Tage fegen vorbei wie Schnee im Sturm. Wie immer gegen Ende des Jahres gibt es unglaublich viel zu tun und wie immer möchte ich eigentlich einfach nur schlafen. Da fällt das Tagebuchschreiben als Erstes hinten runter. Dabei gäbe es soviel zu erzählen. Von Corona und dass der frühe Zeitpunkt unserer Weihnachtsfeier, über den ich mich im letzten Eintrag noch lustig gemacht habe, sehr schlau gewählt war. Längst sind wir alle zurück im Homeoffice. Oder von meinem neuen Job, in dem ich weder Fische, noch Mäuse oder Schmetterlinge jongliere, sondern Zahlen. Von Pauline, die sich spontan entschlossen hat die Gymnastikmannschaft zu wechseln und jetzt noch mehr trainiert und sehr glücklich damit ist. Vom Filmkonzert „Der Schneemann“, in dem ich in diesem Jahr mit meinem jüngsten Patenkind war und an dem wir beide sehr viel Freude hatten. Der Kinobesuch im November an dessen Ende die Mundschutzmasken aller Besucher mit Tränen getränkt waren. Von dem unglaublich schönen Dezember, der abgesehen von ein paar wenigen Tagen sehr winterlich und überraschend sonnig war.

Was ich mir nämlich konsequent bewahrt habe – viel zu tun hin oder her – sind die Homeoffice-Spaziergänge. Fast immer in der Mittagspause um so viel Licht wie möglich abzubekommen (siehe oben, müde). Gestern zur Wintersonnenwende verteidigte meine Bürokollegin ihre Doktorarbeit (selbstverständlich online) und da das traditionell zur Mittagszeit beginnt, drehte ich meine Runde schon etwas eher. Zum Sonnenaufgang 10 Uhr. Schon lange habe ich nicht mehr so etwas Schönes gesehen. Ich lief langsam und mutterseelenallein über den zugefrorenen See, während langsam ein oranger Ball über den Horizont kroch. Es war bitterkalt aber windstill und ich blieb immer wieder stehen, guckte und atmete.

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Fünf Stunden später, die Kollegin war gerade Frau Doktor geworden, ging die Sonne wieder unter. Dafür hat sie wirklich alles gegeben bei ihrem kürzesten Auftritt des Jahres.

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