Madeira, Teil I

Es gab ziemlich gute Gründe gegen diese Reise. Eine Pandemie zum Beispiel. Aber es gab auch wirklich Gute dafür. Und so kam es, dass wir nach wochenlangem hin und her, sollen wir oder nicht, lass mal noch eine Woche abwarten, lieber noch eine, noch eine Nacht drüber schlafen schliesslich eines morgens kurz nach Weihnachten den ersten Bus Richtung Bahnhof nahmen, den ersten Zug zur Hauptstadt und dann ein Flugzeug. Nach Madeira.

Als wir aus ausstiegen guckten wir leicht entrüstet. Es war zwar 40°C wärmer als zu Hause, das ja, aber es regnete. Und so hatte das nicht im Wetterbericht gestanden. (Da wussten wir noch nicht, dass man auf Madeira gar nicht gross in die Wettervorhersage schauen braucht, weil das Wetter nämlich gern mal alle 500 Meter – horizontal oder vertikal – anders ist.) Die Entrüstung war aber von kurzer Dauer, auch wenn es vorerst weiter regnete, denn kaum erspähten wir vom Mietauto aus die ersten Ecken der Insel, siegten Vorfreude und Aufregung. Schon vom Flugzeug aus hatten wir gesehen, dass Madeira ein einziger Felsbrocken im Meer ist, ein Gebirge dessen höchste Gipfel aus den Wolken ragten, mit sehr steil abfallenden Küste. Entlang dieser Küste fuhren wir und staunten über die spektakuläre, terrassenförmige Bebauung. (Schon der Flughafen war spannend gewesen mit seiner einzigen, recht kurzen Rollbahn. Wie hatte der Pilot gesagt? Nicht wundern, ich muss direkt nach der Landung sehr scharf bremsen.) Als nächstes fielen mir die vielen Bananenstauden überall auf. Das erklärte dann auch die zwei Bananen, die jeder von uns bei Ankunft am Flughafen geschenkt bekommen hatte (nach Kontrolle des Impfstatus). Sehr leckere Bananen übrigens, mit robuster Schale, die auch nach mehreren Tagen im Rucksack umhertragen – weil man immer dachte man bräuchte unterwegs einen Snack und es dann aber überall, selbst in den entlegensten Winkeln leckerstes Essen zu kaufen gab – nicht matschig wurden. Aber ich greife vor.

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Wir fuhren also die Küste Richtung Westen entlang und schon bald gab es gar nichts mehr zu sehen, weil sich die Strasse in eine Kette von endlosen Tunneln verwandelte. Wikipedia informiert, dass Madeiras Strassennetz vor etwa 25 Jahren modernisiert wurde und in diesem Zuge etwa 140 Tunnelanlange entstanden. Kein Wunder also. Nach dem drölfzigsten Tunnel bogen wir in einen Ort ab, fuhren in das kleinste und engste Parkhaus das wir je gesehen hatten (kein Platz, wie gesagt) um im Supermarkt einzukaufen. Es gab viel Spannendes zu sehen, aber da unser Tag inzwischen doch einige Stunden zählte und wir alle sehr müde waren, beschlossen wir nur das Nötigste mitzunehmen und am nächsten Tag wiederzukommen. Die Müsliauswahl wurde noch kurz sehr schwierig, nicht weil sie so gross gewesen wäre, sondern weil direkt neben dem Müsliregal unzählige Stapel Stockfisch standen und mich (die einiges an Fischmief gewohnt ist) der Geruch fast in die Ohnmacht trieb. Wir operierten das Auto wieder aus dem Parkhaus raus und fuhren die letzten Kilometer zum Ferienhaus. Es lag etwas weiter oben am Berg und die Fahrt dorthin war vermutlich das grösste Abenteuer des Tages. Strassen an der Steilküste sind… steil. Und eng und kurvig. Als wir ein Strassenschild passierten, dass auf ein Gefälle von 32 % hinwies, entfuhr uns ein „Moment, wieviel bitte?“ und dann dachte ich das Auto würde jetzt gleich einen Rückwärtssalto machen.

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An einer ähnlich steilen Strasse wies uns das Navi an im rechten Winkel abzubiegen, was nur mit Schwung möglich ist und durchaus Mut erfordert wenn die nächste Strasse gerade mal so breit wie das Auto ist. Nach ein paar Metern standen wir schliesslich vorm Ferienhaus und mussten nur noch einmal im rechten Winkel in die Garage einbiegen. Huff. Aber dann waren wir schliesslich da. Kind und Mann sprangen augenblicklich in den Pool und ich stand auf dem Balkon und guckte auf das dunkle Meer hinaus.

Am nächsten Morgen lachte ich schon bevor ich auch nur die Augen aufmachte. Überall um uns herum krähten sehr ernsthaft sehr viele Hähne. Sekunden nach dem Augen öffnen stand ich wieder auf dem Balkon und konnte mir unsere atemberaubende Aussicht endlich bei Tageslicht ansehen. Der Iso war schon auf, stand eine Etage unter mir auf der Terrasse und wies mich auf den Avocadobaum der Nachbarn hin. Wir grinsten vom einem Ohr zum anderen.

Der Vormittag verging gemütlich mit Auspacken, Lesen und Umhergucken. Als wir Hunger bekamen fuhren wir den Berg noch etwas weiter hinauf in ein kleines Restaurant. Dort waren wir die einzigen Gäste, von den obligatorischen (wussten wir da aber noch nicht) Katzen mal abgesehen. Man platzierte uns im Wintergarten, drinnen knackte laut ein riesiges Feuer über dem unser Essen gegrillt wurde. Ich bestellte mir direkt DIE madeirische Spezialität, von der ich schon gelesen hatte und die mich neugierig gemacht hatte: Degenfisch mit Banane überbacken und Maracujasosse. Alles war super lecker, Pauline und ich himmelten nebenher die Katzen an (Kellner: Wollt ihr eine mitnehmen? Ihr würdet mir ECHT einen Gefallen tun.) und dann kam zum ersten Mal die Sonne raus und es wurde augenblicklich richtig warm. T-Shirt warm! Wir konnten also nicht wie geplant unseren Einkauf fortsetzen und uns die Umgebung ansehen, sondern mussten dringend zurück auf die Terrasse des Ferienhauses eilen. Zum Schwimmen und in der Sonne aalen. Unfassbar, dieses Gefühl wenn nach langer langer Zeit die Sonne wieder warm auf die nackte Haut scheint… Schliesslich juckte es uns aber doch noch in den Füssen (typisch erster Urlaubstag, man will am liebsten alles gleichzeitig machen) und wir gingen ein wenig auf Erkundungstour.

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Madeira ist eher nicht die Insel für Strandurlaub. Steile, steinige Küsten an die der Nordatlantik mit beachtlicher Brandung schwappt. Ein paar wenige künstliche Strände gibt es aber doch. In Calheta hat man dafür Sand aus Marokko herbei geschleppt und ihn hinter Wellenbrechern ausgebreitet. Hm naja. Die Strände waren übrigens wegen Corona geschlossen, aber an der Promenade konnte man entlang spazieren (übrigens trugen fast ausnahmslos alle – Einheimische wie Touristen – auch draussen Maske) und der Sonne beim Untergehen zuschauen.

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Als wir aus dem Supermarkt wieder rauskamen war es „schon“ dunkel (Anführungsstrichel, weil der Tag mit 10 Stunden Tageslicht doppelt so lang war wie zu Hause) und wir bekamen noch eine Überraschung. Die Madeirer, beziehungsweise Portugiesen scheinen ausschweifende Weihnachtsbeleuchtung zu mögen. Am Wegesrand leuchteten Eisbären und Pinguine, die zwischen den Palmen reichlich bizarr aussahen, und überall strahlten Lichterketten. Ich hatte ehrlich gesagt schon ganz vergessen, dass gerade erst Weihnachten gewesen war.

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Da die innerfamiliären Interessen teilweise weit auseinander driften, versuchen wir Urlaube so zu gestalten, dass jeder Mal auf seine Kosten kommt. Der Iso und ich scharrten schon mit den Wanderschuhen, aber zunächst erfüllten wir Pauline am nächsten Tag den Wunsch in die Hauptstadt Funchal zu fahren. Auf dem Weg hielten wir noch an einem Aussichtspunkt auf einer über 500 m hohen Steilklippe, Cabo Girão. Es gibt dort eine Glasbodenplattform, aber obwohl nochmal 100 m höher, fühlte es sich nicht annähernd so hoch an wie damals auf dem Fernsehturm in Kuala Lumpur. In der Natur verschwimmen eher die Dimensionen als in der Stadt. Trotzdem war die Aussicht natürlich spektakulär.

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Am Fuss der Klippe gibt es Felder, die bis vor etwa 20 Jahren nur mit Booten erreichbar waren. Inzwischen gibt es eine Seilbahn.

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Pauline hatte aber eine andere Seilbahn in Funchal ausgesucht und das war nach einem Zwischenstopp zur Magenbefüllung unser nächstes Ziel. Sie geht einmal quer über die ganze Stadt und wir genossen schon wieder wunderschöne Aussichten und lunsten den Leuten in die Häuser und Gärten.

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Die Bergstation liegt im Stadtteil Monte, wo wir ein wenig umher spazierten und uns eine Besonderheit anschauten. Man kann nämlich einen Teil des Weges zurück nach unten mit einem Korbschlitten fahren. Ganz ohne Schnee :) Diese Schlitten fungierten im 19. Jahrhundert tatsächlich als öffentliche Verkehrsmittel, heute sind sie eine Touristenattraktion. Sie werden jeweils von zwei Herren gelenkt, die Schuhe mit speziellen Bremssohlen tragen. Es geht also diese steilen, engen und kurvigen Strassen hinab, dazwischen fahren Autos und es sieht alles ziemlich halsbrecherisch, aber zugegeben auch lustig aus.

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Wir nahmen aber wieder die Seilbahn, schauten uns noch in der Altstadt um und liessen den Tag mit einem überdimensionalen und sagenhaft leckerem Eis ausklingen.

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Urlaub ey, so grossartig!