Madeira, Teil III

Der höchste Berg Madeiras, der Pico Ruivo, ist 1862 m hoch und war an diesem Tag unser Ziel. Weit vor dem ersten Hahnenschrei klingelte der Wecker. Durch die Dunkelheit fuhren wieder die Tunnelkette nach Funchal, hinauf in den Stadtteil Monte, den wir ja schon mit der Seilbahn besucht hatten, und immer höher in die Berge. Wenige Minuten vor Sonnenaufgang, der Himmel färbte sich schon orange, kamen wir auf dem Gipfel eines benachbarten Berges, dem Pico do Ariero (1818 m) an. Und staunten nicht schlecht über die vielen Menschen, die zu solch einer frühen Stunde schon da waren. Vermutlich hatten sie auch alle gelesen, dass ein Sonnenaufgang hier oben ein schönes Erlebnis ist :)

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Es war mit 12°C und dem eisigen Wind, der über die Bergkuppe fegte, ganz schön frisch, aber wir waren schliesslich aus Finnland angereist und entsprechend ausgestattet. Andere hatten ihre Hotelzimmerbettdecken mitgebracht und wieder andere zitterten in kurzer Hose vor sich hin. Der Sonne beim Aufgehen zuzusehen war tatsächlich sehr schön, aber es fühlte sich auch hier gar nicht so hoch an wie es war. Noch schöner war das Licht, mit dem die junge Sonne die Berge beschien.

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Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass die Wanderwege ziemlich voll sein würden, aber der Grossteil der Leute war tatsächlich nur für den Sonnenaufgang gekommen, stieg wieder ins Auto und brauste die steilen, kurvigen Strassen davon. Wir machten uns vorfreudig auf den wirklich spektakulären Weg zum Pico Ruivo.

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Rechts im Bild sieht man eine Aussichtsplattform, auf der wir gerade noch standen. Wir schraubten uns etwa 350 Höhenmeter bergab, wobei schrauben gar nicht das richtige Wort ist. Der Grossteil dieses Wegabschnittes besteht aus in den Fels geschlagenen Stufen. Viele viele steile Stufen. Na, wer kann sie sehen?

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Zwischen dem Start- und Zielgipfel liegt noch der zweithöchste Berg Madeiras, der Pico das Torres, an dessen Hang sich der Weg entlang schlängelt. Oder eben – schliesslich ist das Madeira – mitten durch geht.

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Wandertunnel! Wie toll ist das denn bitte? Die ganze Strecke über gibt es übrigens wenige Stellen, an denen der Weg breiter als 1-2 Menschen ist und wo man sich also setzen und eine Rast machen könnte. Aber überall dort, wo es möglich ist, tummeln sich Rothühner. Sie gucken etwas weniger vorwurfsvoll als die Buchfinken am Wasserfall wenn sie nur fotografiert werden und niemand Pausenbrote auspackt.

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Madeira wird ja eigentlich auch die Blumeninsel genannt, aber davon war jetzt Anfang Januar natürlich nicht so viel zu sehen. Einmal jedoch bemerkte die Familie, dass ich plötzlich nicht mehr hinter ihr war, musste eine Weile warten und begrüsste mich, als ich dann wieder aufschloss, mit „Na, haste wieder Blümchen fotografiert?“. Hatte ich.

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Nach der einen oder anderen Felsstufe sowie diversen in den Berg geklebten Metalltreppen näherten wir uns dem Gipfel, unterhalb dessen selbstverständlich eine Berghütte steht, bei der man sich mit Erfrischungsgetränken sowie Kaffee und Kuchen stärken kann, was wir selbstverständlich taten. Danach waren die letzten Meter nur noch ein Klacks und wir waren oben.

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Man kann sich dort einmal um die eigene Achse drehen und sieht die ganze Zeit das Meer. Und die ganze Insel von Süd nach Nord und von Ost nach West. Superschön! Oft steht man hier auch über den Wolken, was ich mir auch ziemlich reizvoll vorstelle. (Ich möchte mich aber keinesfalls über unser Wetter beschweren!) Die grauen Gewächse oben im Bild übrigens, die aussehen wie Flechten, das sind Bäume, die seit einem Waldbrand vor einigen Jahren abgestorben sind.

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Man neigt immer dazu vor einer Wanderung, die den gleichen Hin- und Rückweg hat zu denken, es könnte irgendwie etwas langweilig werden. Was natürlich völliger Blödsinn ist, denn auf dem Rückweg guckt man ja immer in die andere Richtung, der Tag ist weiter fortgeschritten und das Licht ganz anders und überhaupt könnte ich diese Wanderung noch zehn mal machen und sie würde mir nicht langweilig werden.

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Das war natürlich der allerschönste, von all den grossartigen Tagen auf Madeira!

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Am nächsten Morgen hatten wir alle (1400 Höhenmeter in Form von Treppen!) einen veritablen Muskelkater. Das heisst, der Rest der Familie behauptete keinen zu haben, aber das habe ich denen nicht abgenommen. Jedenfalls gab es, nachdem ich es irgendwie von der oberen Etage des Ferienhauses bis zur Mittleren geschafft hatte, wieder ein Terrassenfrühstück. Ich versuchte die ganze Zeit nicht daran zu denken, dass dies schon unser letzter Urlaubstag war. Zur Schonung der Gliedmassen (und Nerven von Teenagern die nicht gern wandern) hatten wir uns für diesen Tag eine kleine Rundfahrt überlegt. Einmal quer durch die Insel (auf der einzig möglichen Strasse) von der Süd- zur Nordküste und dann über die Westküste zurück. Dafür ist Madeira klein genug. Zwischendurch immer mal anhalten und gucken. Erstes Ziel war der erste Ort am Ende der Süd-Nord-Verbindung, Sao Vincente, um (na wer ahnt es schon?) uns erstmal zu stärken. Wir suchten ein Restaurant direkt am Meer aus, der Mann und das Kind wählten nichts ahnend jeweils einen gegrillten Fleischspiess, ich ging kurz zur Toilette und als ich wiederkam war auf unserem Tisch ein riesiges Gestell installiert worden. Kurz darauf kamen die etwa 1 Meter langen Fleischspiesse und wurden am Gestell aufgegangen, so dass man nur seinen Teller darunter schieben und – flupp – einen Brocken drauf fallen lassen konnte. Was es nicht alles gibt! Im Anschluss schauten wir uns noch im Ort um und wollten dann eigentlich gern die alte Küstenstrasse entlang tuckern. Aber die wird wohl, seit es auch hier eine Tunnelalternative gibt, nicht mehr so recht instand gehalten. Was vielleicht verständlich ist wenn es so viele Steinschläge gibt.

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Trotzdem konnte man hier und da zwischen den Tunneln halten um die Aussicht zu geniessen.

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Einmal erspähten wir Felsen im Meer, die wir uns unbedingt aus der Nähe ansehen wollten. Später lasen wir dann, dass sich der Markanteste von ihnen Nadelspitze nennt, aber wir fanden, dass er wie ein herzhaft ausgestreckter Mittelfinger aussieht.

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Was auch noch dringend auf unserem Plan stand war ein Bad im Meer. In Porto Moniz, im Nordwesten von Madeira, gibt es natürlich entstandene Badebecken im Vulkangestein, in denen man vor der Brandung geschützt ist.

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Die Sonne war gerade hinter den Bergen verschwunden, es wehte ein Lüftchen und soo warm war das Meer dann auch nicht. Ich war mir sicher nie wieder warm zu werden wenn ich da jetzt rein stiege. Aber auch wenn mir die noch sehr lange blaulippige und bibbernde Familie hinterher recht gab, ärgere ich mich bis heute ziemlich, dass ich es nicht einfach trotzdem gemacht habe. Denn wie cool ist das denn bitte da umher zu schwimmen? Naja, man soll sich immer einen Grund suchen um nochmal wieder zu kommen.

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Die Autotemperatur auf 25°C gestellt (…) fuhren wir weiter. An der Westküste sah es nochmal ganz anders aus. Irgendwie noch grüner und viel ruhiger. Am westlichsten Punkt der Insel gibt es einen kleinen Leuchtturm, von dem aus der Sonnenuntergang ganz schön anzusehen sei, hatten wir gelesen. Falls das zeitlich passen sollte (so auf und untergehende Sonne wird halt auch nicht langweilig), könnten wir da ja noch halten, hatten wir gedacht. Und wie das passte, als wir ankamen machte sich die Sonne gerade bereit für ihr Bad :)

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Dieses Licht schon wieder!

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Der noch immer schlotternden Familie und mir wurde sehr sentimental zu Mute. Der letzte Tag vorbei. Einen Sonnenuntergang auf Madeira würden wir so schnell nicht wieder sehen. Zum Glück ging unser Rückflug erst am nächsten Nachmittag, so dass wir vorher noch den botanischen Garten in Funchal besuchen konnten. Nochmal so richtig Sonne tanken (obwohl Regen angesagt war), Ausblicke geniessen und Blümchen fotografieren.

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Sowie selbstverständlich noch einmal auf der Terrasse eines Café’s sitzen, den Bauch mit Köstlichkeiten vollschlagen und die Katzen anhimmeln. Die Landsleute am Nebentisch, die laut darüber sprachen, dass zwei Wochen Urlaub auf Madeira einfach viel zu lang sind, die hätten wir gern ein bisschen geschüttelt.

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Auf dem Weg zum Flughafen fing es dann tatsächlich an zu regnen. Wir dachten, die Insel wolle uns den Abschied leicht machen, aber tatsächlich hat sie ein Abschiedsgeschenk vorbereitet.

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2 Kommentare zu „Madeira, Teil III

  1. Ich hatte schon gehofft, dass es noch einen Teil III gibt, und freue mich gerade total darüber. :-) Was für ein Traumurlaub! Mit solchen Bildern in der Erinnerung kann man den finnischen Winter sicher gut aushalten. ;-) Hochachtung für 1400 Höhenmeter in Treppen, also da könnte ich am nächsten Tag vermutlich auch nicht eine einzige Stufe mehr normal gehen… Vielen Dank fürs Teilhabenlassen, und Madeira als Reiseziel steht für mich jetzt offiziell fest.

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