Finnlandtag Nummer 20

Letzten Samstag jährte sich der Tag, an dem wir „für vier Jahre“ nach Finnland zogen zum zwanzigsten Mal. Zwanzig!!! Einerseits ist es unvorstellbar wie die Zeit so schnell vergehen konnte, andererseits fühlt es sich schon ziemlich lange her an. Dieser Tag, an dem wir mit einem Auto voller Umzugskisten von der Fähre rollten, grosse Augen über den vielen Schnee machten und unsicher mit unseren Ganzjahresreifen weiter Richtung Norden rutschten.

Ich kann gar nicht sagen wann uns klar wurde, dass es nicht nur bei den geplanten vier Jahren bleiben wird, aber ich glaube es war ziemlich schnell. Weil wir uns so wohl fühlten, angekommen und zu Hause. Das hat sich in all den Jahren nicht geändert, auch wenn irgendwann die Faszination des Neuen nachlässt und der Alltag einzieht (und man jeden Wanderweg gegangen ist). Deshalb ist der 26. Februar immer noch ein innerfamiliärer Feiertag, der Finnlandtag.

Wir begingen ihn würdig. Wir schnallten uns die Skier, die wir damals gekauft hatten und mit denen wir überhaupt erstmal Skier fahren gelernt hatten, unter und fuhren 15 km über einen winzigen Teilausschnitt von Finnlands zweitgrösstem See. Genauer gesagt einmal um eine seiner vielen Inseln herum. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, die Sonne schien wie verrückt von einem knallblauen Himmel und es war fast nicht kalt :)

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Wir glitten vorbei an Alvar Aaltos Sommerhaus (Experimentalhaus), das an einer wunderschönen Stelle liegt. An riesigen Findlingen mit Schneehaube. An anderen Inseln und Inselchen. Auf einer machten wir eine ausgedehnte Pause und hielten die Nasen in die Sonne. Den Stein, auf dem wir sassen, hatte sie für uns angewärmt.

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Wir kamen an Stellen vorbei, an die wir im Sommer niemals kommen würden, da dort keine Strassen und Wege hinführen und wir so eingefinnischt immer noch nicht sind, dass wir ein Boot besitzen würden. Manchmal quatschten wir und manchmal fuhren wir schweigend hintereinander her. Dann dachte ich dankbar und glücklich über die letzten zwanzig Jahre nach.

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Wir haben nie gesagt, dass wir für immer bleiben. Denn wer weiss das schon. Aber noch immer kann ich mir keinen besseren Wohnort vorstellen.

Madeira, Teil III

Der höchste Berg Madeiras, der Pico Ruivo, ist 1862 m hoch und war an diesem Tag unser Ziel. Weit vor dem ersten Hahnenschrei klingelte der Wecker. Durch die Dunkelheit fuhren wieder die Tunnelkette nach Funchal, hinauf in den Stadtteil Monte, den wir ja schon mit der Seilbahn besucht hatten, und immer höher in die Berge. Wenige Minuten vor Sonnenaufgang, der Himmel färbte sich schon orange, kamen wir auf dem Gipfel eines benachbarten Berges, dem Pico do Ariero (1818 m) an. Und staunten nicht schlecht über die vielen Menschen, die zu solch einer frühen Stunde schon da waren. Vermutlich hatten sie auch alle gelesen, dass ein Sonnenaufgang hier oben ein schönes Erlebnis ist :)

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Es war mit 12°C und dem eisigen Wind, der über die Bergkuppe fegte, ganz schön frisch, aber wir waren schliesslich aus Finnland angereist und entsprechend ausgestattet. Andere hatten ihre Hotelzimmerbettdecken mitgebracht und wieder andere zitterten in kurzer Hose vor sich hin. Der Sonne beim Aufgehen zuzusehen war tatsächlich sehr schön, aber es fühlte sich auch hier gar nicht so hoch an wie es war. Noch schöner war das Licht, mit dem die junge Sonne die Berge beschien.

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Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass die Wanderwege ziemlich voll sein würden, aber der Grossteil der Leute war tatsächlich nur für den Sonnenaufgang gekommen, stieg wieder ins Auto und brauste die steilen, kurvigen Strassen davon. Wir machten uns vorfreudig auf den wirklich spektakulären Weg zum Pico Ruivo.

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Rechts im Bild sieht man eine Aussichtsplattform, auf der wir gerade noch standen. Wir schraubten uns etwa 350 Höhenmeter bergab, wobei schrauben gar nicht das richtige Wort ist. Der Grossteil dieses Wegabschnittes besteht aus in den Fels geschlagenen Stufen. Viele viele steile Stufen. Na, wer kann sie sehen?

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Zwischen dem Start- und Zielgipfel liegt noch der zweithöchste Berg Madeiras, der Pico das Torres, an dessen Hang sich der Weg entlang schlängelt. Oder eben – schliesslich ist das Madeira – mitten durch geht.

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Wandertunnel! Wie toll ist das denn bitte? Die ganze Strecke über gibt es übrigens wenige Stellen, an denen der Weg breiter als 1-2 Menschen ist und wo man sich also setzen und eine Rast machen könnte. Aber überall dort, wo es möglich ist, tummeln sich Rothühner. Sie gucken etwas weniger vorwurfsvoll als die Buchfinken am Wasserfall wenn sie nur fotografiert werden und niemand Pausenbrote auspackt.

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Madeira wird ja eigentlich auch die Blumeninsel genannt, aber davon war jetzt Anfang Januar natürlich nicht so viel zu sehen. Einmal jedoch bemerkte die Familie, dass ich plötzlich nicht mehr hinter ihr war, musste eine Weile warten und begrüsste mich, als ich dann wieder aufschloss, mit „Na, haste wieder Blümchen fotografiert?“. Hatte ich.

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Nach der einen oder anderen Felsstufe sowie diversen in den Berg geklebten Metalltreppen näherten wir uns dem Gipfel, unterhalb dessen selbstverständlich eine Berghütte steht, bei der man sich mit Erfrischungsgetränken sowie Kaffee und Kuchen stärken kann, was wir selbstverständlich taten. Danach waren die letzten Meter nur noch ein Klacks und wir waren oben.

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Man kann sich dort einmal um die eigene Achse drehen und sieht die ganze Zeit das Meer. Und die ganze Insel von Süd nach Nord und von Ost nach West. Superschön! Oft steht man hier auch über den Wolken, was ich mir auch ziemlich reizvoll vorstelle. (Ich möchte mich aber keinesfalls über unser Wetter beschweren!) Die grauen Gewächse oben im Bild übrigens, die aussehen wie Flechten, das sind Bäume, die seit einem Waldbrand vor einigen Jahren abgestorben sind.

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Man neigt immer dazu vor einer Wanderung, die den gleichen Hin- und Rückweg hat zu denken, es könnte irgendwie etwas langweilig werden. Was natürlich völliger Blödsinn ist, denn auf dem Rückweg guckt man ja immer in die andere Richtung, der Tag ist weiter fortgeschritten und das Licht ganz anders und überhaupt könnte ich diese Wanderung noch zehn mal machen und sie würde mir nicht langweilig werden.

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Das war natürlich der allerschönste, von all den grossartigen Tagen auf Madeira!

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Am nächsten Morgen hatten wir alle (1400 Höhenmeter in Form von Treppen!) einen veritablen Muskelkater. Das heisst, der Rest der Familie behauptete keinen zu haben, aber das habe ich denen nicht abgenommen. Jedenfalls gab es, nachdem ich es irgendwie von der oberen Etage des Ferienhauses bis zur Mittleren geschafft hatte, wieder ein Terrassenfrühstück. Ich versuchte die ganze Zeit nicht daran zu denken, dass dies schon unser letzter Urlaubstag war. Zur Schonung der Gliedmassen (und Nerven von Teenagern die nicht gern wandern) hatten wir uns für diesen Tag eine kleine Rundfahrt überlegt. Einmal quer durch die Insel (auf der einzig möglichen Strasse) von der Süd- zur Nordküste und dann über die Westküste zurück. Dafür ist Madeira klein genug. Zwischendurch immer mal anhalten und gucken. Erstes Ziel war der erste Ort am Ende der Süd-Nord-Verbindung, Sao Vincente, um (na wer ahnt es schon?) uns erstmal zu stärken. Wir suchten ein Restaurant direkt am Meer aus, der Mann und das Kind wählten nichts ahnend jeweils einen gegrillten Fleischspiess, ich ging kurz zur Toilette und als ich wiederkam war auf unserem Tisch ein riesiges Gestell installiert worden. Kurz darauf kamen die etwa 1 Meter langen Fleischspiesse und wurden am Gestell aufgegangen, so dass man nur seinen Teller darunter schieben und – flupp – einen Brocken drauf fallen lassen konnte. Was es nicht alles gibt! Im Anschluss schauten wir uns noch im Ort um und wollten dann eigentlich gern die alte Küstenstrasse entlang tuckern. Aber die wird wohl, seit es auch hier eine Tunnelalternative gibt, nicht mehr so recht instand gehalten. Was vielleicht verständlich ist wenn es so viele Steinschläge gibt.

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Trotzdem konnte man hier und da zwischen den Tunneln halten um die Aussicht zu geniessen.

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Einmal erspähten wir Felsen im Meer, die wir uns unbedingt aus der Nähe ansehen wollten. Später lasen wir dann, dass sich der Markanteste von ihnen Nadelspitze nennt, aber wir fanden, dass er wie ein herzhaft ausgestreckter Mittelfinger aussieht.

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Was auch noch dringend auf unserem Plan stand war ein Bad im Meer. In Porto Moniz, im Nordwesten von Madeira, gibt es natürlich entstandene Badebecken im Vulkangestein, in denen man vor der Brandung geschützt ist.

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Die Sonne war gerade hinter den Bergen verschwunden, es wehte ein Lüftchen und soo warm war das Meer dann auch nicht. Ich war mir sicher nie wieder warm zu werden wenn ich da jetzt rein stiege. Aber auch wenn mir die noch sehr lange blaulippige und bibbernde Familie hinterher recht gab, ärgere ich mich bis heute ziemlich, dass ich es nicht einfach trotzdem gemacht habe. Denn wie cool ist das denn bitte da umher zu schwimmen? Naja, man soll sich immer einen Grund suchen um nochmal wieder zu kommen.

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Die Autotemperatur auf 25°C gestellt (…) fuhren wir weiter. An der Westküste sah es nochmal ganz anders aus. Irgendwie noch grüner und viel ruhiger. Am westlichsten Punkt der Insel gibt es einen kleinen Leuchtturm, von dem aus der Sonnenuntergang ganz schön anzusehen sei, hatten wir gelesen. Falls das zeitlich passen sollte (so auf und untergehende Sonne wird halt auch nicht langweilig), könnten wir da ja noch halten, hatten wir gedacht. Und wie das passte, als wir ankamen machte sich die Sonne gerade bereit für ihr Bad :)

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Dieses Licht schon wieder!

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Der noch immer schlotternden Familie und mir wurde sehr sentimental zu Mute. Der letzte Tag vorbei. Einen Sonnenuntergang auf Madeira würden wir so schnell nicht wieder sehen. Zum Glück ging unser Rückflug erst am nächsten Nachmittag, so dass wir vorher noch den botanischen Garten in Funchal besuchen konnten. Nochmal so richtig Sonne tanken (obwohl Regen angesagt war), Ausblicke geniessen und Blümchen fotografieren.

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Sowie selbstverständlich noch einmal auf der Terrasse eines Café’s sitzen, den Bauch mit Köstlichkeiten vollschlagen und die Katzen anhimmeln. Die Landsleute am Nebentisch, die laut darüber sprachen, dass zwei Wochen Urlaub auf Madeira einfach viel zu lang sind, die hätten wir gern ein bisschen geschüttelt.

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Auf dem Weg zum Flughafen fing es dann tatsächlich an zu regnen. Wir dachten, die Insel wolle uns den Abschied leicht machen, aber tatsächlich hat sie ein Abschiedsgeschenk vorbereitet.

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Madeira, Teil II

Grundsätzlich hatten wir uns für den Urlaub vorgenommen morgens nicht allzu spät aufzustehen um so viel Tageslicht wie möglich mitzunehmen. Aber am Silvestermorgen schliefen wir natürlich aus. Bis dahin war auch die Sonne über den Berg gestiegen und wir konnten draussen frühstücken. Hach! Dann zogen wir aber endlich die Wanderschuhe an, fuhren wieder den Berg hinterm Ferienhaus hinauf, vorbei am Restaurant mit Katzen und Bananenfisch und noch höher bis wir auf etwa 1400 m auf einer Hochebene parkten. Von dort stiegen wir in ein Tal ab, zunächst auf einer asphaltierten Forststrasse die an sich ein wenig langweilig war, aber wunderschöne Aussichten bot.

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Die Laubbäume links und rechts der Strasse hatten zwar keine Blätter, waren aber trotzdem grün.

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Die Strasse führte schliesslich zu einer Hütte, einem allerliebsten Naturcafé, in dem wir uns erstmal stärkten. Das Frühstück war ja schon mindestens zwei Stunden her und es gab solch leckere Dinge :) Unter den Gästen im Café schwirrten lauter unterschiedliche Sprachen herum, sogar finnisch. Dann schulterten wir wieder die Rucksäcke mit den umsonst mitgeschleppten Bananen und nun wurde der Weg wesentlich spannender.

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Man hat es auch nicht leicht. So als Baum auf Madeira. Noch schöner wurde es als wir auf unsere erste Levada stiessen. Das sind die für Madeira typischen Bewässerungskanäle, die sich über die ganze Insel schlängeln und von denen die ersten schon im 15. Jahrhundert angelegt wurden. Sie leiten Wasser aus niederschlagsreicheren Gebieten in landwirtschaftliche Anbaugebiete und da sie zu Wartungszwecken alle begehbar sein müssen, kann man prima an ihnen entlang wandern.

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Dieser hier nennt sich Levada do Risco (Risiko), war aber ganz ungefährlich und führte zum gleichnamigen Wasserfall. Vielleicht weil das Wasser so verrückt ist und sich 100 m den Berg hinabstürzt.

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Dort am Wasserfall ist wohl auch ein beliebter Picknickpunkt. Jedenfalls kamen mehrere Buchfinken erstaunlich nah an uns heran gehüpft und sahen uns fragend an.

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Man hätte man den Berg noch weiter hinab steigen können, zu weiteren Wasserfällen und Quellen, oder an anderer Stelle wieder hinauf zum Kopf des Wasserfalls, wo es eine Lagune gibt. Aber wir hatten für den Tag noch weitere Pläne und liefen deshalb gemütlich zurück zum Ausgangspunkt.

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Im Ferienhaus wurden die letzten Sonnenstrahlen selbstverständlich für eine Runde im Pool genutzt und als es dunkel wurde machten wir, was wir an Silvester immer tun: Gesellschaftsspiele spielen und Chips essen. Ich hatte sogar drei Luftschlangen mitgebracht. Gegen 22 Uhr aber setzten wir uns nochmal ins Auto und fuhren nach Funchal.

Als wir den Urlaub geplant und gebucht hatten, wussten wir gar nicht, dass Funchal für sein Silvesterfeuerwerk berühmt ist. Wie uns der Ferienhausverwalter stolz aufklärte, ist es eine Feuerwerkssinfonie von über 50 Stationen kreuz und quer über die ganze Stadt abgeschossen, die 2006 vom Guinessbuch der Rekorde zum grössten Feuerwerk der Welt gekürt wurde. Von wo aus sieht man es denn am Besten, wollten wir von ihm wissen. Von überall.

Wir überlegten trotzdem lange hin und her ob wir es uns vom Berghang aus ansehen sollten oder uns unten am Meer in das grosse (angesagte) Getümmel stürzen sollten. Die Mehrheit, zu der ich nicht zählte, entschied für letzteres. Wegen der Stimmung. Nun bin ich ja auch ohne Pandemie keine grosse Freundin von Menschenmassen, schon gar nicht an Silvester. Da kenne ich es aus Deutschland so, dass die Mehrheit der Leute schon weit vor Mitternacht betrunken ist und grösste Freude daran hat Böller zwischen die Menschen zu werfen. Und dann kamen wir nach Funchal und es war so nett und fröhlich und friedlich. Das Ganze war eher ein Familiending, es wuselten viele Kinder umher, niemand war betrunken und trotzdem wurde überall gelacht. Und ganz selbstverständlich Maske getragen und sich aus dem Weg gegangen. Sehr schön konnte man anhand der Kleidung die Einheimischen von den Touristen unterscheiden. Die Madeirer hatten sich unglaublich schick gemacht, ich sah an diesem Abend bestimmt 200 verschiedene Glitzerkleider und Krawatten. Die Touristen sahen so aus wie … wir. Turnschuhe und Regenjacken. Wir liefen etwas an der „Strand“promenade entlang und hatten kurz vor Mitternacht den idealen Ausguck gefunden. Die letzte Minute des Jahres zählten alle (in jeweiliger Sprache) gemeinsam laut runter und dann erlebten wir ein achtminütiges Spektakel, das wir so schnell nicht wieder vergessen werden. (Die Fotos können das gar nicht wiedergeben.)

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Den Neujahrstag verbrachten wir auf Wunsch zweier Damen mit Nichtstun. Mein Tag bestand hauptsächlich daraus auf dem Liegestuhl in der Sonne liegen und umher zugucken. Das tolle an einem Ferienhaus in einem normalen Wohngebiet ist, dass man genau mitten drin sitzt im Leben. Jedenfalls wenn es zu einem Grossteil draussen stattfindet, so wie auf Madeira. Man hört die ausgelassene Kommunikationsfreude aus allen Richtungen. Man bemerkt, dass eigentlich alle Familien einen Hund haben, der aber niemals ausgeführt wird sondern selbstständig Gassi geht wenn ihm gerade danach ist. Deshalb kann man auch einen Hund dabei beobachten wie er eine Avocado frisst. Man sieht den alten Leutchen gegenüber zu, die ihren Tag damit verbringen in ihrem ausgedehnten und prallvollen Garten zu werkeln, das Trinkwasser im Tank zu überprüfen, die Wäsche auf der Dachterrasse aufzuhängen und dabei mit der Nachbarin auf dem Balkon gegenüber zu schnacken. Man sieht wie überall ständig jemand kurz vorbeikommt, vielleicht um ein schönes neues Jahr zu wünschen. Man versteht kein Wort ausser immer und immer wieder: Christiano Ronaldo. Es muss schon etwas besonderes sein wenn eine so (relativ) kleine Insel eine so berühmte Persönlichkeit hervorbringt. Er hat ein eigenes Museum, es gibt diverse nach ihm benannte Gebäude und tatsächlich rief am Vorabend nach dem Feuerwerk jemand mehrmals sehr laut und enthusiastisch: ANO NOVO! CHRISTIANO RONALDO!!!

Wenn es mir zu warm wurde, liess ich mich einfach in den Pool fallen. Oder ass ein Eis und kühlte nur die Füsse, je nachdem.

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Was ich auch lange anguckte waren die Avocados im Baum vor der Terrasse und wie sie im Wind hin und her schaukelten. Ich dachte dabei an meine Freundin, die vor einem Jahr knapp an einem Burnout vorbei geschrammt war und glücklicherweise die Notbremse zog und (unter anderem) spontan mit ihrem Mann für eine Woche nach Lappland fuhr. Es war November, man konnte kaum etwas draussen machen und so sass sie viele Stunden im angemieteten Blockhaus und tat nichts weiter als sich die Maserung des Holzes anzuschauen. Und das hat sie, wie sie meinte, wieder auf die Füsse gebracht. Ich will nicht sagen, dass ich kurz vor einem Burnout war, das zum Glück nicht, aber ich war sehr urlaubsreif. Überreif.

Nach dem Sonnenuntergang präsentierte sich mein Ausblick in den unglaublichsten Farben.

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Madeira, Teil I

Es gab ziemlich gute Gründe gegen diese Reise. Eine Pandemie zum Beispiel. Aber es gab auch wirklich Gute dafür. Und so kam es, dass wir nach wochenlangem hin und her, sollen wir oder nicht, lass mal noch eine Woche abwarten, lieber noch eine, noch eine Nacht drüber schlafen schliesslich eines morgens kurz nach Weihnachten den ersten Bus Richtung Bahnhof nahmen, den ersten Zug zur Hauptstadt und dann ein Flugzeug. Nach Madeira.

Als wir aus ausstiegen guckten wir leicht entrüstet. Es war zwar 40°C wärmer als zu Hause, das ja, aber es regnete. Und so hatte das nicht im Wetterbericht gestanden. (Da wussten wir noch nicht, dass man auf Madeira gar nicht gross in die Wettervorhersage schauen braucht, weil das Wetter nämlich gern mal alle 500 Meter – horizontal oder vertikal – anders ist.) Die Entrüstung war aber von kurzer Dauer, auch wenn es vorerst weiter regnete, denn kaum erspähten wir vom Mietauto aus die ersten Ecken der Insel, siegten Vorfreude und Aufregung. Schon vom Flugzeug aus hatten wir gesehen, dass Madeira ein einziger Felsbrocken im Meer ist, ein Gebirge dessen höchste Gipfel aus den Wolken ragten, mit sehr steil abfallenden Küste. Entlang dieser Küste fuhren wir und staunten über die spektakuläre, terrassenförmige Bebauung. (Schon der Flughafen war spannend gewesen mit seiner einzigen, recht kurzen Rollbahn. Wie hatte der Pilot gesagt? Nicht wundern, ich muss direkt nach der Landung sehr scharf bremsen.) Als nächstes fielen mir die vielen Bananenstauden überall auf. Das erklärte dann auch die zwei Bananen, die jeder von uns bei Ankunft am Flughafen geschenkt bekommen hatte (nach Kontrolle des Impfstatus). Sehr leckere Bananen übrigens, mit robuster Schale, die auch nach mehreren Tagen im Rucksack umhertragen – weil man immer dachte man bräuchte unterwegs einen Snack und es dann aber überall, selbst in den entlegensten Winkeln leckerstes Essen zu kaufen gab – nicht matschig wurden. Aber ich greife vor.

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Wir fuhren also die Küste Richtung Westen entlang und schon bald gab es gar nichts mehr zu sehen, weil sich die Strasse in eine Kette von endlosen Tunneln verwandelte. Wikipedia informiert, dass Madeiras Strassennetz vor etwa 25 Jahren modernisiert wurde und in diesem Zuge etwa 140 Tunnelanlange entstanden. Kein Wunder also. Nach dem drölfzigsten Tunnel bogen wir in einen Ort ab, fuhren in das kleinste und engste Parkhaus das wir je gesehen hatten (kein Platz, wie gesagt) um im Supermarkt einzukaufen. Es gab viel Spannendes zu sehen, aber da unser Tag inzwischen doch einige Stunden zählte und wir alle sehr müde waren, beschlossen wir nur das Nötigste mitzunehmen und am nächsten Tag wiederzukommen. Die Müsliauswahl wurde noch kurz sehr schwierig, nicht weil sie so gross gewesen wäre, sondern weil direkt neben dem Müsliregal unzählige Stapel Stockfisch standen und mich (die einiges an Fischmief gewohnt ist) der Geruch fast in die Ohnmacht trieb. Wir operierten das Auto wieder aus dem Parkhaus raus und fuhren die letzten Kilometer zum Ferienhaus. Es lag etwas weiter oben am Berg und die Fahrt dorthin war vermutlich das grösste Abenteuer des Tages. Strassen an der Steilküste sind… steil. Und eng und kurvig. Als wir ein Strassenschild passierten, dass auf ein Gefälle von 32 % hinwies, entfuhr uns ein „Moment, wieviel bitte?“ und dann dachte ich das Auto würde jetzt gleich einen Rückwärtssalto machen.

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An einer ähnlich steilen Strasse wies uns das Navi an im rechten Winkel abzubiegen, was nur mit Schwung möglich ist und durchaus Mut erfordert wenn die nächste Strasse gerade mal so breit wie das Auto ist. Nach ein paar Metern standen wir schliesslich vorm Ferienhaus und mussten nur noch einmal im rechten Winkel in die Garage einbiegen. Huff. Aber dann waren wir schliesslich da. Kind und Mann sprangen augenblicklich in den Pool und ich stand auf dem Balkon und guckte auf das dunkle Meer hinaus.

Am nächsten Morgen lachte ich schon bevor ich auch nur die Augen aufmachte. Überall um uns herum krähten sehr ernsthaft sehr viele Hähne. Sekunden nach dem Augen öffnen stand ich wieder auf dem Balkon und konnte mir unsere atemberaubende Aussicht endlich bei Tageslicht ansehen. Der Iso war schon auf, stand eine Etage unter mir auf der Terrasse und wies mich auf den Avocadobaum der Nachbarn hin. Wir grinsten vom einem Ohr zum anderen.

Der Vormittag verging gemütlich mit Auspacken, Lesen und Umhergucken. Als wir Hunger bekamen fuhren wir den Berg noch etwas weiter hinauf in ein kleines Restaurant. Dort waren wir die einzigen Gäste, von den obligatorischen (wussten wir da aber noch nicht) Katzen mal abgesehen. Man platzierte uns im Wintergarten, drinnen knackte laut ein riesiges Feuer über dem unser Essen gegrillt wurde. Ich bestellte mir direkt DIE madeirische Spezialität, von der ich schon gelesen hatte und die mich neugierig gemacht hatte: Degenfisch mit Banane überbacken und Maracujasosse. Alles war super lecker, Pauline und ich himmelten nebenher die Katzen an (Kellner: Wollt ihr eine mitnehmen? Ihr würdet mir ECHT einen Gefallen tun.) und dann kam zum ersten Mal die Sonne raus und es wurde augenblicklich richtig warm. T-Shirt warm! Wir konnten also nicht wie geplant unseren Einkauf fortsetzen und uns die Umgebung ansehen, sondern mussten dringend zurück auf die Terrasse des Ferienhauses eilen. Zum Schwimmen und in der Sonne aalen. Unfassbar, dieses Gefühl wenn nach langer langer Zeit die Sonne wieder warm auf die nackte Haut scheint… Schliesslich juckte es uns aber doch noch in den Füssen (typisch erster Urlaubstag, man will am liebsten alles gleichzeitig machen) und wir gingen ein wenig auf Erkundungstour.

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Madeira ist eher nicht die Insel für Strandurlaub. Steile, steinige Küsten an die der Nordatlantik mit beachtlicher Brandung schwappt. Ein paar wenige künstliche Strände gibt es aber doch. In Calheta hat man dafür Sand aus Marokko herbei geschleppt und ihn hinter Wellenbrechern ausgebreitet. Hm naja. Die Strände waren übrigens wegen Corona geschlossen, aber an der Promenade konnte man entlang spazieren (übrigens trugen fast ausnahmslos alle – Einheimische wie Touristen – auch draussen Maske) und der Sonne beim Untergehen zuschauen.

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Als wir aus dem Supermarkt wieder rauskamen war es „schon“ dunkel (Anführungsstrichel, weil der Tag mit 10 Stunden Tageslicht doppelt so lang war wie zu Hause) und wir bekamen noch eine Überraschung. Die Madeirer, beziehungsweise Portugiesen scheinen ausschweifende Weihnachtsbeleuchtung zu mögen. Am Wegesrand leuchteten Eisbären und Pinguine, die zwischen den Palmen reichlich bizarr aussahen, und überall strahlten Lichterketten. Ich hatte ehrlich gesagt schon ganz vergessen, dass gerade erst Weihnachten gewesen war.

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Da die innerfamiliären Interessen teilweise weit auseinander driften, versuchen wir Urlaube so zu gestalten, dass jeder Mal auf seine Kosten kommt. Der Iso und ich scharrten schon mit den Wanderschuhen, aber zunächst erfüllten wir Pauline am nächsten Tag den Wunsch in die Hauptstadt Funchal zu fahren. Auf dem Weg hielten wir noch an einem Aussichtspunkt auf einer über 500 m hohen Steilklippe, Cabo Girão. Es gibt dort eine Glasbodenplattform, aber obwohl nochmal 100 m höher, fühlte es sich nicht annähernd so hoch an wie damals auf dem Fernsehturm in Kuala Lumpur. In der Natur verschwimmen eher die Dimensionen als in der Stadt. Trotzdem war die Aussicht natürlich spektakulär.

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Am Fuss der Klippe gibt es Felder, die bis vor etwa 20 Jahren nur mit Booten erreichbar waren. Inzwischen gibt es eine Seilbahn.

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Pauline hatte aber eine andere Seilbahn in Funchal ausgesucht und das war nach einem Zwischenstopp zur Magenbefüllung unser nächstes Ziel. Sie geht einmal quer über die ganze Stadt und wir genossen schon wieder wunderschöne Aussichten und lunsten den Leuten in die Häuser und Gärten.

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Die Bergstation liegt im Stadtteil Monte, wo wir ein wenig umher spazierten und uns eine Besonderheit anschauten. Man kann nämlich einen Teil des Weges zurück nach unten mit einem Korbschlitten fahren. Ganz ohne Schnee :) Diese Schlitten fungierten im 19. Jahrhundert tatsächlich als öffentliche Verkehrsmittel, heute sind sie eine Touristenattraktion. Sie werden jeweils von zwei Herren gelenkt, die Schuhe mit speziellen Bremssohlen tragen. Es geht also diese steilen, engen und kurvigen Strassen hinab, dazwischen fahren Autos und es sieht alles ziemlich halsbrecherisch, aber zugegeben auch lustig aus.

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Wir nahmen aber wieder die Seilbahn, schauten uns noch in der Altstadt um und liessen den Tag mit einem überdimensionalen und sagenhaft leckerem Eis ausklingen.

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Urlaub ey, so grossartig!

Wäre das auch gleich erledigt

Letzte Woche war ich auf einer Weihnachtsfeier. Der praktisch veranlagte Finne hat sich gedacht: Legen wir doch gleich den allherbstlichen Erholungsnachmittag (oder wie auch immer man das übersetzen könnte) und die Weihnachtsfeier zusammen. Da der Erholungsnachmittag traditionell mit Aktivitäten draussen einhergeht und es Richtung Weihnachten eher nicht heller oder wärmer wird, machen wir eben die Weihnachtsfeier am 12. November. Schließlich stehen auch schon seit zwei Monaten die Weihnachtspralinen in den Läden.

Dafür war es so viel schöner als sonst (sonst = Karaoke und Besäufnis). Wir fuhren mit drei Reisebussen (ALLE hatten sich angemeldet, endlich war mal wieder was los) in einen Zoo, der seit kurzer Zeit von meinem ehemaligen Mäusekollegen geleitet wird. Ankunft war 16 Uhr, das Novemberschummerlicht hatte sich gerade in tiefschwarze Nacht verwandelt. Und wir fragten uns ob wir wohl überhaupt ein einziges Tier sehen würden. Aber wir sind schliesslich Biologen, hatten selbstverständlich alle eine Stirnlampe auf dem Kopf und sahen natürlich alle vorhandenen Tiere. Bis auf die Bären, die Glückspilze hatten sich eine Woche zuvor in die Winterruhe begeben. Im Dunkeln im Zoo war es sogar ziemlich schön und spannend. Weil man die Zäune gar nicht richtig sah, fühlte es sich ein bisschen an wie in freier Natur. Und wie schön die Wolfsaugen leuchten, wenn man sie mit einer Stirnlampe anleuchtet. Die Tiere störten sich nicht gross an uns, die sind sicher einiges gewöhnt. Ausserdem hörten sie die ihnen wohlbekannten Stimmen unserer zwei Begleiter, der ehemalige Kollege und eine ehemalige Studentin unserer Uni, die uns viele interessante Details erzählten. Wie sie das Wisent mit der Fähre und einem Pferdeanhänger aus einem Zoo in Schweden abgeholt hatten. Wie die zwei Schneeeulen fast verhungert auf einem Frachtschiff im Ärmelkanal gelandet sind und von den Matrosen aufgepäppelt und an Land gebracht wurden. Die Namen jedes einzelnen Tieres, die die Pfleger vergeben dürfen (es gab zwei Eulen namens Dienstag und Donnerstag). Als wir bei den Elchen ankamen (es ist ein nordischer Zoo mit Tieren die sich im kühlen Klima wohl fühlen) brannte ein behagliches Lagerfeuer und es stand Glögi bereit. Und wie wir dort so standen, da fingen die Elche sehr lustig an zu brummen und zu knurren. Später wurden extra für uns noch die Schneeleoparden und die Vielfrasse gefüttert und ich lernte warum die Vielfrasse so lustig tänzelnd laufen: sie haben nämlich überdimensional grosse Pfoten damit sie gut und schnell über Schnee laufen können um Rentiere zu erlegen. Und nun laufe mal ohne Schnee mit Schneeschuhen an den Füssen!

Nach zwei Stunden liessen wir die Tiere schliesslich in Ruhe und spazierten zum Restaurant im gegenüber gelegenem Hotel. Dort entglitten mir kurzzeitig die Gesichtszüge, denn das es finnisches Weihnachtsessen geben würde hätte ich mir zwar eigentlich denken können, aber ich hatte tatsächlich mit etwas Leckerem gerechnet :) Dafür hatte ich sehr nette Tischgesellschaft, es gab lustige Spiele und die unverzichtbaren Reden. Eine war für eine Sekretärin, die nach 43 Jahren bei uns Biologen in Rente gegangen war und sich stets mit unfassbarer Geduld und Freundlichkeit um unsere durchaus bizarren Belange und sagen wir mal ungewöhnlichen Characktere gekümmert hatte. Wir dankten ihr und sie hielt ebenfalls eine kurze Rede, die sie mit „Passt gut aufeinander auf!“ schloss.

Als ich sehr spät wieder zu Hause war, konnte ich noch lange nicht einschlafen, weil es so aufregend gewesen war unter so vielen Leuten zu sein und so viel zu reden und zu lachen.

Herbsturlaub

Vorletzte Woche waren in Mittelfinnland Herbstferien. Unsere ursprünglichen Pläne für etwas länger etwas weiter weg zu fahren, jetzt wo es wieder einigermassen möglich ist, wurden vom Hobby des Kindes vereitelt. Wer legt Wettkämpfe und Trainingslager in die Ferien? Aber für ein paar Tage stand sogar die Gymnastik still und so konnten wir immerhin über eine Ländergrenze fahren. In Estland waren wir zuletzt vor vier Jahren und auch da nur für einen verregneten Nachmittag in Tallinn. Dabei ist es gar nicht weit. Ein paar Stunden über Land zur Hauptstadt, noch mal zweieinhalb über’s Meer, da.

(Finnland wäre nicht Finnland wenn man nicht auf dem Schiff erstmal zufällig ein paar Bekannte treffen würde.)

Die ersten 1,5 Tage verbrachten wir in Tallinn, was ja immer einen Besuch Wert ist. Zur Zeit aber ganz besonders, denn erstens sind „aufgrund der aktuellen Situation“ nur wenige Touristen da und zweitens können wir dort momentan Familie besuchen. Meine Nichte verbringt dieses Schuljahr im Rahmen eines Austauschprogrammes in Estland. Dort waren allerdings keine Ferien, deshalb vertrödelten wir die Zeit bis Schulschluss erstmal mit ein wenig Umherspazieren.

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Als wir eine Weile an der Stadtmauer entlang liefen, zeigte sogar unser nicht ganz so gern umher laufendes Kind Begeisterung, denn im Geschichtsunterricht wurde gerade das Mittelalter durchgenommen und erst wenige Tage vorher war von mittelalterlichen Städten und Stadtmauern die Rede gewesen. Ach so sah das also damals aus.

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Ausserdem verbrachten wir die Zeit mit über die Sprache freuen. Unglaublich wie ähnlich sich Finnisch und Estnisch sind. Bei manchen Wörtern muss man zwar zweimal hinsehen oder -hören, aber wir haben überraschend viel verstanden. Und dann erst die niedlichen eingeestnischten (dieses Wort gibt es vermutlich nicht?) Wörter wie Reisibüro oder Smuuti oder Gurmee!

In Tallinn waren wir zwar schon einige Male gewesen, haben aber bisher hauptsächlich nur die Altstadt gesehen. Das sollte sich bei diesem Besuch ändern. Zunächst trafen wir meine Nichte am Hauptbahnhof, neben dem gleich eine grosse Markthalle steht, in der wir erstmal alle leeren Mägen füllen konnten. Ich ass dort direkt das leckerste Essen der ganzen Reise: frische Pelmeni gefüllt mit Kartoffeln und Zwiebeln, die haben unheimlich gut geschmeckt. Unweit von dort liegt der kreative/alternative Stadtteil Telliskivi mit viel Kunst an und zwischen den Wänden und dahin wurden wir als nächstes geführt.

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Wir schauten uns ein wenig um und besuchten auch einen kleinen feinen Buchladen mit sehr gelungener Titelauswahl. Von Telliskivi ging es weiter nach Linnahall, dem ehemaligen Lenin Palast für Kultur und Sport. Ein beeindruckendes Bauwerk, das 1980 anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Moskau gebaut wurde. Heute verfällt es so vor sich hin – sein Erhalt ist unter den Esten umstritten – aber man kann immer noch oben drauf steigen und über’s Meer schauen.

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Danach waren wir alle ordentlich durchgefroren und beinmüde und liessen den Tag mit weiteren kulinarischen Highlights ausklingen. Ich habe mich sehr gefreut zu sehen wie wohl sich meine Nichte offensichtlich in Tallinn fühlt und wie souverän sie uns nach nicht mal zwei Monaten dort durch die Stadt navigiert und dabei viele interessante Details erzählt hat. Danke für die tolle Reiseleitung :)

Da die Gymnastik noch ein paar weitere Tage ruhte, fuhren wir am nächsten Morgen weiter nach Pärnu. Es goss wie aus Kübeln, also liessen wir bedauernd den geplanten Umweg über Haapsalu aus und rollten auf direktem Weg zwischen hundert LKWs (Via Baltica…) gen Süden.  Pärnu ist ein Kur- und Badeort mit unzähligen Spas und Schwimmbädern und war damit die ideale Wahl für die folgenden Tage, in denen ein Herbststurm über’s Land zog. Den Rest des Tages verbrachten wir einfach schwimmend und saunierend im Hotel. Nachts trommelte der Regen ans Fenster und in der Ferne rauschte aufgebracht das Meer.

Freundlicherweise machte der Regen am nächsten Vormittag eine kurze Pause, so dass wir uns ein wenig am wirklich schönen Stadtstrand durchpusten lassen konnten.

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Nachmittags fielen wieder fette Tropfen, aber nachdem wir ja erst zwei Wochenenden vorher die liebste Freundin besucht hatten und uns die Mäusekinder das Spassbad in Pärnu in den schillerndsten Farben beschrieben hatten, war sowieso klar, dass wir dort hinmussten. Und so rutschten, sprangen, schwammen und saunierten wir wieder den ganzen Nachmittag. Gibt Schlimmeres.

Am letzten Urlaubstag schien immerhin ab und zu mal die Sonne. Ursprünglich hatten wir vor den Tag in einem nahegelegenen Nationalpark zu verbringen, beschlossen dann aber, dass wir Wald und Moor auch ausreichend zu Hause haben und suchten lieber einen kleinen Wanderweg direkt am Meer südlich von Pärnu aus. Dort gab es allerliebste Infotafeln, Wald bis direkt vorn an die Wasserkante, ein wildes Meer, einen Aussichtsturm, eine Vogelwarte und Wetter, das gab es auch.

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Weil der Weg nicht so lang war, blieb am Nachmittag noch Zeit für einen Besuch der Innenstadt, wo genau gar nichts los war, aber es immerhin schöne alte Holzhäuser zu sehen gab. Und für einen Spaziergang zur etwa 2 km langen Mole. Dort wiess uns ein Schild darauf hin, dass Liebespaare die ewige Liebe erhalten wenn sie Hand in Hand die Mole abschreiten und sich am Ende küssen, aber ach! Der Sturm hatte den steinigen Teil der Mole komplett überspült. Konnten wir nur den romantischen Sonnenuntergang ansehen.

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Das war dann auch das letzte Mal, dass wir seither die Sonne sahen. Auf der Heimfahrt am nächsten Tag fiel wieder Regen, der sich auf finnischer Seite in Schnee verwandelte. Leider blieb der nicht liegen und deshalb ist es jetzt die finsterste Zeit des Jahres und ich muss immerzu schlafen und essen und brauche ewig um Blogeinträge fertig zu stellen.

Herbstrunde

Es gab familienintern kürzlich Beschwerden, weil wir jeden Wanderweg im Umkreis von 100 km schon mehrfach abgeschritten sind. Mit dem Fazit man müsse umziehen. Ganz weit weg. Da ich darauf aber keine Lust habe, strengte ich meinen Kopf ein bisschen an und dann fiel es mir wieder ein. Dieses Strassenschild mit den zwei Wanderern drauf, an dem ich schon ein paar mal vorbei gefahren war. Da an der Brücke. Und immer gedacht habe, dass man hier auch mal herkommen könnte.

Als es am Samstag mal nicht schüttete, sondern nur leicht tröpfelte, fuhren wir also hin. Es handelte sich eher um eine Art Naherholungsgebiet, eine kleine Halbinsel zum Angeln, Wildwasserbootfahren und Lagerfeuer machen und richtig wandern konnte man nicht. Aber nachdem wir einmal rund um die Halbinsel gelaufen waren und dabei auch jeden kleinen Stichweg mitgenommen hatten, waren immerhin auch 4,5 km vergangen. Und hübsch war es dort auf jeden Fall, gerade jetzt in der dunkelgelben Herbstphase.

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Umzug noch mal abgewendet ;-)

In allen Farben, Formen und Grössen

Als es im Sommer für lange Zeit so heiss und trocken war, da prognostizierte man einen ausserordentlich schlechten Pilzherbst. Ohne Pfifferlingsuppe, Steinpilzpfanne und Trompetenpfifferlinggebäck. Keine Pilzvergiftungen. Dann kam der August und mit ihm der Regen, der nicht wieder aufhören wollte. Und da pfiffen sie auf die Vorhersage und kamen allesamt raus gekrochen. In so grosser Zahl, dass die Wälder nach Pilz rochen und dass man nirgendwo hintreten konnte ohne auf einen Pilz zu treten. Einer schöner als der Andere. In allen Farben, Formen und Grössen.

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Wochenende im Norden

Die Idee zum diesjährigen Geburtstags-Wochenendausflug des Isos entstand im Sommer am Strand. An einem ganz besonders heissen Tag und ganz besonders schönen Strand trafen wir zufällig eine befreundete Familie. Und die erzählte, dass sie am nächsten Tag zum Iso-Syöte fahren würde, dem südlichsten der für Lappland typischen Inselberge. Eigentlich ein Ski-Gebiet, aber wohl auch im Sommer ganz schön. Und genau richtig wenn man Sehnsucht nach Lappland hat, aber so wie der Familienvater, der erst kürzlich eine neue Arbeitsstelle bekommen hatte, nur zwei Tage Sommerurlaub. Oder eben ein Wochenende. Recht weit weg, aber nicht so weit wie das richtige Lappland. 

Wegen der langen An- und Abreise hatten wir eigentlich nur einen Tag Zeit dort. Aber den haben wir gut genutzt und die Reise hat sich definitiv gelohnt. Das habe ich direkt schon am Freitag Abend gedacht, als wir im letzten Sonnenlicht auf einsamen Strassen an endlosen Mooren vorbei fuhren, auf die unser Auto lange Schatten warf. Und schliesslich am Fusse des 432 m (!) hohen Berges, über dem gerade der Vollmond aufging, unser Hotelzimmer bezogen.

Direkt am Iso-Syöte liegt der Syöte-Nationalpark und dort hatte das Geburtstagskind für den nächsten Tag als erstes eine Wanderung ausgesucht. Das Thermometer zeigte 5°C, aber wir waren vorbereitet und zogen Unterhosen, warme Jacken, Mützen und Handschuhe aus dem Koffer. Und dann liefen wir los, mitten in den Herbst hinein.

 

Die Wanderung führte über zwei Berge (dann war uns auch nicht mehr kalt) und nachdem wir den Iso-Syöte gebührend von dort aus bewundert hatten, wollten wir natürlich auch noch da hinauf. Oben gibt es einen Rundweg, von dem aus man nach allen Seiten ins Land schauen kann. 

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Ausserdem gibt es ein Hotel und dort im Restaurant, hinter den riesigen Panoramafenstern nahmen wir das Geburtstagsmenü ein. Dabei wurden wir zufällig Zeugen eines Heiratsantrages und das war gleichzeitig rührend und unangenehm, denn das ist solch ein besonderer, aber doch privater Moment. Die anderen Restaurantgäste hatten aber keine Scheu begeistert zu applaudieren nachdem der Antrag angenommen war. Als sich die Aufregung gelegt hatte, sahen wir schmatzend weiter aus den Fenstern, wo die Abendsonne die Landschaft in wunderschönes Licht tauchte.

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Weil wir am Sonntagmorgen ziemlich geknickt waren, dass wir schon wieder nach Hause fahren müssen, liefen extra nochmal ein paar Rentiere über die Strasse und wackelten zum Abschied mit ihren Geweihen. 

 

 

 

 

Ein Sonntag im August

Wecker 6:30 Uhr. Herrlich. Nicht. Aber ich bin in der Fischforschungsstation und habe also nicht frei. Zum Frühstück esse ich die letzten zwei Pfirsiche (unter anderem). Die Packung habe ich letzten Montag auf dem Weg hier hin gekauft und dabei gar nicht erwartet, dass sie sich bis heute halten. Meine Hände sind jedenfalls seither vom vielen Wasser schrumpeliger geworden. Während des Essens versuche ich mich ein wenig zu motivieren. Eigentlich mache ich gerne und mit Herzblut Wissenschaft. Am allerliebsten erforsche ich das Verhalten von Tieren, wofür ich gerade hier bin. Aber es ist Sonntag, ich bin mutterseelenallein auf der großen weiten Forschungsstation, habe das letzte Mal vorgestern mit einer Person gesprochen (am Telefon…) und mein drölfzigster Arbeitsvertrag geht mal wieder aufs Ende zu. Wenn ich die Veröffentlichung, für die ich gerade Daten sammle, schreiben will, dann muss ich das ohne Finanzierung machen. Aber ich versuche mich wie gesagt zu motivieren und gucke daher aus dem Fenster in die Natur. Es beginnt zu regnen.

Pünktlich 7:30 Uhr stehe ich in der Fischhalle, wünsche allen Wassertieren einen guten Morgen und tätige ein paar vorbereitende Handgriffe. Dieser Tage bin ich Fischcoach. Es geht mal wieder um den Fischbesatz und wie man ihn fitter für das Leben in der freien Wildbahn machen kann. Zur Zeit trainiere ich junge Lachse einen ihrer ärgsten Feinde, den Hecht, besser zu erkennen und zu vermeiden. Meine schlechte Laune löst sich in Luft auf als ich den ersten Hecht im Netz habe. Die Fische, mit denen ich in den letzten sieben Jahren gearbeitet habe, haben irgendwas zwischen einem und vierzig Gramm gewogen. Jetzt trage ich einen zwei-Kilo-Hecht zum Training und muss grinsen. Zuerst hatte ich ein wenig Angst vor den Monsterchen, aber die sind echt toll! Und so hübsch!

Ich setze den Hecht also in einen Käfig der wiederum in einem Aufzuchtsbecken mit Lachsen steht. Also mit Süsswasser-Lachsen, Atlantischen Lachsen und ihren Hybriden. Dass insbesondere die Süsswasserform stark vom Aussterben bedroht ist hatte ich schon mal erzählt. Diese Population hier war mal auf einige wenige Tiere zusammengeschrumpft und entsprechend gering ist ihre genetische Vielfalt. Das ist schlecht, denn es führt zu Inzucht, also ungünstigen Genkombinationen und häufig nicht lebensfähigen Nachkommen. Ein letzter Versuch die Population zu retten, ist sie mit dem eng verwandten Altantischen Lachs zu kreuzen und damit der Inzucht entgegen zu wirken. Dieser Ansatz ist nicht ganz unproblematisch, weil man den ursprünglichen Genpool verändert, aber manchmal ist es eben die letzte Option. Wir wollen hier jedenfalls gucken ob die Kreuzungen die Lebensfähigkeit verbessert. Und ob ein Hechttraining vor Freilassung ihre Überlebenschancen noch mehr erhöht. Übrigens, ein Hecht allein reicht für das Training noch nicht. Zusätzlich braucht es auch noch Schreckstoff, also Pheromone die Fische abgeben wenn ihre Haut verletzt wird, zum Beispiel wenn ein Hecht rein beißt. Riecht nun ein Fisch gleichzeitig Schreckstoff und Hecht, dann lernt er dass Hechtgeruch = gefährlich. Ziemlich clever.

Drei Stunden später habe ich 640 Fische in 8 Aufzuchtbecken fertig trainiert. Warum ich dann so früh angefangen habe? Weil gleich der Techniker kommt, der sich um die Trillionen anderen Fische kümmert und dabei Radau macht. Und wie vermutlich jeder schon mal festgestellt hat, wirkt sich Radau schlecht aufs Lernen aus.

Ich spaziere zur Unterkunft, vervollständige meine Notizen und mache mir dann ein Mikrowellenessen warm, welches noch schlechter schmeckt als es aussieht. Man könnte hier auch kochen. Theoretisch. Praktisch ist dafür nie Zeit (außer vielleicht heute), die Küchenausstattung ist unterirdisch und man müsste viel mehr Zeug einkaufen. Ich muss auch sagen, dass die Suppen die es da so gibt eigentlich ganz passabel schmecken. Weil ich aber nicht neun Tage hintereinander Suppe essen wollte, habe ich mal was anderes probiert. Nun. Gemüsebällchen mit Kartoffelbrei wird es nicht wieder geben. Weil es draußen immer noch regnet, setze ich mich heute nicht an den See oder den Fluss sondern ins Bett! Auch sehr schön. Ich lese Nachrichten und muss lachen als ich einen Bericht über den Stöckelschuhblumenkleidmoorskiwettbewerb lese. Einer dieser Wettbewerbe. Die Fotos dazu sind großartig.

Als ich mich fertig amüsiert habe, ziehe ich mir Gummistiefel und Regenjacke an und spaziere zu den künstlichen Flüssen. Hier werden morgen die trainierten Fische freigelassen. Ein paar Hechte warten schon auf sie, die Ärmsten. (Übrigens darf man solche Experimente nur dann durchführen wenn es für die Beute einen Rückzugsort gibt, zu dem die Räuber keinen Zugang haben. Sie sind den Hechten also nicht bedingungslos ausgeliefert.) Vorher gibt es aber noch ein paar Dinge zu erledigen. Ich putze und schraube pfeifend vor mich hin. Dann überprüfe ich die Antennen, die die Bewegungen der Fische aufzeichnen sollen. Dann besuche ich noch mal die Fischhalle um das Trainingszubehör aufzuräumen. Dort habe ich enorm viel Spaß mit einem Hochdruckreiniger, was für coole Teile. Wenn ich demnächst vielleicht nicht mehr als Biologin arbeiten kann, dann kann ich ja Autos waschen.

Zurück in der Unterkunft überlege ich ob ich den Abend mit der zu schreibenden Bewerbung verbringe. Oder soll ich Daten analysieren? Ein Manuskript überarbeiten? Mir fällt wieder ein, dass Sonntag ist und ich nehme mein Buch und lege mich aufs Sofa. Und dort geht dieser Sonntag im August zu Ende.

Sommerferiensonntag

Was man nicht alles erleben kann wenn man im Sommer zwar arbeitet, aber eben nicht ununterbrochen Fische jongliert oder in eventuellen kurzen Pausen japsend auf dem Sofa liegt.

Am Sonntag flogen wir wieder aus. Als allererstes brachten wir das angekündigte heftige Sommergewitter hinter uns, komfortabel vom Auto aus.

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So heftig war es aber gar nicht und schon am ersten Ausflugsziel angekommen schien wieder die Sonne. In Petäjävesi steht eine kleine hübsche und über 250 Jahre alte Holzkirche. 

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Paulines Freundin war auch von der Partie und beide Kinder kannten die Kirche noch nicht, beziehungsweise war Pauline beim letzten Besuch noch so klein, dass sie sich nicht mehr erinnern konnte. Da die Kirche zum Weltkulturerbe gehört und im Ethikunterricht erst kürzlich Welterben besprochen worden waren, passte der Besuch extra gut. Wir Erwachsenen hatten uns die Kirche schon mehrmals von innen angesehen und schenkten uns deshalb für dieses Mal den ziemlich teuren Eintritt (auch innen ist alles aus Holz, von den Nägeln bis zum Kronleuchter), schickten aber die Kinder hinein und sahen uns so lange draussen um.

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Dann fuhren wir weiter nach Mänttä-Vilppula, einen kleinen Ort der sich Kunststadt nennt, denn es gibt dort zwei Kunstmuseen, Kunstsammlungen und eine Kunststiftung. Alles nahm seinen Ursprung mit der Papierindustrie, die sich dort im 19. Jahrhundert etablierte. Mit der Industrie kam der Reichtum und mit dem Reichtum eine Kunstsammlung und die Stiftung, deren erste Aufgabe es war ein Kunstmuseum zu bauen und die bis heute sehr aktiv ist.

Irgendwann im letzten Winter las ich in den Nachrichten, dass eines der Museen im Sommer eine Banksy Ausstellung zeigen würde. Ich wusste gar nicht viel über Banksy, was man eben so in den Medien mitbekommt, aber mag die Werke die man da so sieht und die politischen Aussagen dahinter. Ausserdem finde ich die Person hinter der Kunst sehr spannend. Ich fragte also direkt die Familie ob wir uns das nicht ansehen wollen, sofern Corona und so weiter…

Im April dann war in den Nachrichten zu lesen, dass schon vor der Eröffnung alle Tickets, von denen es aufgrund der Corona-Beschränkungen eben nicht so viele gab, bis zum Ende der Ausstellung im Oktober vergeben waren. Aber man solle die Hoffnung nicht aufgeben und bei eventuellen Lockerungen immer mal auf der Webseite des Museums vorbei schauen. Das fiel mir wieder ein, als ich von der Rückfahrt aus der Fischforschungsstation überlegte was man jetzt mit dem weniger stressigen als gedacht Monat Juli anfangen könnte. Und siehe da, es gab wieder freie Termine.

Aber zunächst fuhren wir auf eine Berghütte im Ort, die ebenfalls etwas mit dem Gründer der Kunststiftung zu tun hat, denn sie wurde anlässlich seines 60. Geburtstags gebaut. Heute nennt sie sich Weinhütte, wird durch Schweizer Hand geführt und es gibt (neben Wein) Flammkuchen, Brezeln und mit Vorbestellung sogar Käsefondue und Raclette. Das mit der Vorbestellung lasen wir leider zu spät, aber auch die Flammkuchen waren sehr lecker.

Gestärkt ging es dann zum Serlachius Museum Gösta, welches in meinen Augen alles richtig gemacht hat. Im Sinne des Künstlers war der Eintritt frei und auch im Museumshop wurde bis auf den Ausstellungskatalog keinerlei Geld mit Banksy Kunst gemacht.

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Um es gleich mal vorweg zu nehmen, ich kam nach einer Stunde (so lang darf man bleiben, aber die Zeit ist ausreichend) sehr beeindruckt wieder raus. Die Ausstellung ist toll gemacht, es gab viele, aber nicht zu viele, interessante Informationen, angefangen bei den Bewegungen die den Künstler inspiriert haben, bis zu den verschieden Themen mit denen sich seine Arbeit beschäftigt und Hintergrundinformationen zu den Werken. 

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Und dann die Werke selbst. Hinterher wollten die Kinder von mir wissen welches mein Lieblingsbild war und ich konnte mich beim besten Willen nicht entscheiden, nannte aber „Love Rat“.

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Love Rat by Banksy

Dass Bilder bei mir Emotionen auslösen ist relativ neu, aber mehrere Werke haben mich sehr berührt. Am stärksten „Napalm“. Es basiert auf einer der bekanntesten Fotografien, aufgenommen 1972 von Nick Út, einem Fotoreporter im Vietnamkrieg. Dieses Foto zeigt Kinder, die nach einem Bombenangriff aus ihrem Dorf fliehen. Banksy hat ein Mädchen, welches nackt ist und schwere Verbrennungen erlitten hat, aus dem Foto reproduziert und ihr zwei der bekanntesten amerikanischen Gesichter an die Hand gegeben. Das Bild hat eine solche Wucht.

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Napalm by Banksy

Beim Verlassen der Ausstellung, als ich noch mal zurück blickte, entfuhr mir „Was für ein cooler Hund!“.

Wir sahen uns noch die Parkanlagen rund ums Museum an und besuchten das Café auf dem Gelände. Und weil die Kinder dann immer noch nicht müde gespielt waren, hielten wir auf dem Heimweg noch an einem Strand mit Sprungturm. 

Von mir aus könnten diese Sommerwochenenden immer so weiter gehen.

Sommerferienwochenende

Fünf von neuneinhalb Ferienwochen sind um, Finnland leidet unter aalt sich in einer Rekordhitzwelle, in der Fischforschungsstation (in die ich am Mittsommersamstag endlich fahren konnte) ist aus Gründen derzeit Pause und so lag nichts näher als ein Wochenendausflug. Uns war ein bisschen nach Stadt zumute, einem Ort an dem man möglichst viele unterschiedliche Dinge tun und es sich kulinarisch gut gehen lassen kann.

Am Freitagnachmittag fuhren wir also nach Helsinki. Nach einem ausgesprochen guten Abendessen liess ich mich beschwatzen den geplanten Weg zum Freizeitpark mit E-Scootern zurückzulegen. Ich bin ja eher von der vorsichtigen Sorte und in letzter Zeit war oft über diverse Verletzungen, die sich Leute beim E-Scooter-Fahren zugezogen hatten, berichtet worden. Helme hatten wir auch nicht dabei. Wir fuhren aber ganz langsam, schon allein weil der Mann das Kind mit auf dem Roller hatte, und neben allen weichen Knien und verkrampften Armen musste ich zugeben, dass es durchaus auch Spass macht. Und sagte glatt zu auch die Rückfahrt zum Hotel zu rollern. Aufregung war das aber für mich genug, deshalb sah ich den Achterbahnfahrten lieber von einer Bank aus zu.

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Und hatte einen unglaublichen Spass an den ausgelassenen Menschen. Wann hat man sowas zuletzt gesehen? Eine laue Sommernacht, Gross und Klein quirlte lachend über Linnanmäki, Kinder quasselten aufgeregt und schleppten mit strahlenden Augen ihre gewonnenen Kuscheltiere im Arm, von den Fahrgeschäften hörte man begeistertes Juchzen. Sicher, die eine oder andere Mundschutzmaske mehr hätte dort nicht geschadet, aber hätte ich damit die glücklichen Gesichter sehen können? Nein, ich wollte einmal nicht an die blöde Pandemie denken und genoss die Stimmung.

Vom nächsten Morgen gibt es nicht allzu viel zu berichten, wir wollten alle gern ein wenig einkaufen und taten genau das. Wir besuchten Helsinkis neusten Shoppingtempel wo wir auch Milchshakes zu 8,50 € das Stück tranken. Aber was soll’s, es ist Sommer und Hitzewelle und überhaupt und sie waren auch wirklich ausgesprochen lecker. Die Innenstadt besuchten wir auch. Ich habe den Dom schon hundert mal gesehen und immer noch wird mir bei seinem Anblick warm ums Herz.

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Für den Nachmittag hatten wir uns einen Strand ausgeguckt. Einmal im Meer baden! Allerdings… So ein richtiges Meer ist das ja nicht. Hätte es nicht salzig geschmeckt und wären nicht mehrfach riesige Pötte vorbei getuckert, hätte man es auch für einen grossen See halten können. Keine einzige Welle, Wassertemperatur 25°C. Aber schön, das war es dort schon. Sehr.

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Am Sonntagmorgen fuhren wir weiter nach Porvoo, einer kleinen Stadt unweit von Helsinki, die für ihre vielen noch erhaltenen alten Holzhäuser bekannt ist. Ich weiss überhaupt nicht warum wir noch nie dort waren, ich mochte es unheimlich gern durch die kleinen Gassen zu laufen und zu gucken. Es war auch überhaupt nicht voll, jedenfalls abseits der zwei Hauptstrassen mit ihren Boutiquen und Cafés.

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Ich hätte ja einfach für den Rest des Tages dort herum laufen können, die Familie… eher nicht so. Aber wir hatten ja auch noch einen letzten Programmpunkt eingeplant. In diesem Artikel hatte ich kürzlich über das Gletschertopfgebiet in Askola gelesen, was wiederum in der Nähe von Porvoo liegt. Gletschertöpfe sind durch Schmelzwasser und Steine geformte Löcher in Felsen, die am Ende der letzten Eiszeit entstanden sind. Bei Askola gibt es ganze zwanzig Stück davon, alle auf einem einzigen (grossen) Felsen.

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Entdeckt wurden sie erst in den 1950er Jahren, weil sie bis oben hin mit Erde gefüllt waren. Sie haben alle verschiedene Formen und Grössen und der Grösste ist über 10 Meter tief und man kann hinein steigen.

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(Alle, die mich persönlich kennen: die Person auf dem Bild bin nicht ich, sondern Pauline. Von oben sind wir wohl momentan Zwillinge. Aber wer weiter oben im Text aufgepasst hat kann sich schon denken, dass ICH nicht da gar nicht runter gestiegen bin :) ).

Super tolles Sommerferienwochenende!

Mittsommer 2021

Wenn mich in diesem Jahr jemand fragen würde was ich an Mittsommer mache, dann wäre meine Antwort: Kommt drauf an. Aber mich fragt keiner, denn ich sitze seit Tagen mutterseelenallein zu Hause. Zu Hause, weil ich seit meiner Rückkehr aus dem Deutschlandurlaub in Quarantäne bin. Mutterseelenallein, weil die Familie noch dort geblieben ist. Und ‚kommt drauf an‘, weil es davon abhängt wann das Ergebnis meines Coronatests da ist.

Frühestens 72 Stunden nach Einreise darf man sich aus der Quarantäne frei testen lassen. Also schwang ich mich heute auf mein Fahrrad und fuhr zur Teststation. Die Leute, die ich unterwegs traf, zogen entweder Koffer Richtung Bahnhof, packten Dinge wie Angeln und Schwimmwesten in Autos oder schleppten bergeweise Lebensmittel nach Hause. Überall summte und brummte es vorfreudig. Nur die Krankenschwester war grantig. Vielleicht weil sie eben heute arbeiten musste um Leute zu testen, die in diesen Zeiten ins Ausland reisen. Nachdem ich eingetreten war und sie mich einfach nur anstarrte, riet ich richtig, dass ich meinen Namen nennen soll. Und als sie mit dem Teststäbchen vor mir stand, dachte ich nun ist wohl Zeit die Maske abzunehmen und den Kopf nach hinten zu legen. Im Juni 2021 braucht man vermutlich keine Anweisungen mehr. Wann denn mit dem Ergebnis zu rechnen sei, wagte ich zu fragen, denn etwa im gleichen Augenblick startete die Arbeitsgruppe das erste Experiment des Jahres und ich weiss, dass ich dringendst gebraucht und erwartet werde. Guck doch ins Merkblatt, knurrte sie zurück. Bis zu 48 Stunden steht da.

Wenn das Ergebnis bis morgen Mittag da ist, kann ich in den Zug zur Fischforschungsstation steigen. Und werde Mittsommer zur Abwechslung mal wieder arbeitend verbringen. Für ein Festmahl wird eher keine Zeit sein, aber wir werden traditionell die ganze Nacht aufbleiben und uns von Mücken auffressen lassen. Wenn das Ergebnis nicht rechtzeitig da ist, muss ich 24 Stunden bis zur nächsten Zugverbindung warten. Dann kann ich mir überlegen ob ich Mittsommer einfach ausfallen lasse oder alleine feiern möchte. Es bleibt spannend.

Schönes Mittsommer jedenfalls!

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Vappu-Wanderung

Eine Grundregel von Vappu ist, so sprachen wir zum Kind, dass man den Tag in Familie verbringt. Und deshalb musst du leider mitkommen auf unsere geplante Wanderung. Eine weitere Grundregel ist, so antwortete es nonchalant, dass man an Vappu seinem Kind einen Ballon kauft und wo genau ist meiner?

Zum Glück kam sie trotzdem mit. Wir fuhren ein Stückchen nordwärts und etwa einen Kilometer vor dem Wanderparkplatz sah die Strasse dann so aus.

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Äh… WAS??? Ist nicht 1. MAI?!? Bei uns liegt doch schon seit mindestens zwei Wochen kein Schnee mehr. Uns dämmerte, dass die Autos am Strassenrand, die wir gerade passiert hatten, nicht dort standen weil der Parkplatz schon voll war (seit Corona eigentlich der Normalzustand), sondern weil man hier vielleicht nicht durchkommt. Schon gar nicht mit Sommerreifen. Wir stellten also auch unser Auto ab und verlängerten die Wanderung noch einmal um zwei Kilometer (sorry, Kind).

Zum Glück hatten wir immerhin mit matschigen Wegen gerechnet und deshalb passendes Schuhwerk an. Wir waren sehr gespannt ob das jetzt die ganze Wanderung so gehen würde. Nun, manchmal mehr.

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Und manchmal auch weniger.

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Wir waren hier übrigens schon mal, vor ziemlich genau drei Jahren. Erstaunlich, damals waren wir im T-Shirt unterwegs. Heute 3°C. Plus immerhin. Was uns in besonderer Erinnerung geblieben war (und deshalb wollten wir, also wir Eltern, auch gerne nochmal herkommen), dass die Wanderung (für Mittelfinnland) ungewöhnlich abwechslungsreich ist.

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Der „Gletscher“ war auch wieder da. Ist bestimmt eine Quelle. Müssen wir irgendwann mal im Hochsommer gucken kommen.

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Weil Vappu war, gab es selbstverständlich auch ein Picknick.

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Nicht im Bild: die beiden anderen Muffins, die Würstchen, Brötchen und die Tüte Gummibärchen. Nur falls jemand denkt wir wären so knausrig, dass es nicht nur keinen Luftballon, sondern auch nur einen popligen Muffin als Picknick gab :) Gestärkt ging es weiter.

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Die Sache mit dem Schnee war anstrengender als gedacht (sorry, Kind) und so fielen wir nach einigen Stunden reichlich erschöpft und auch komplett durchgefroren wieder ins Auto. Trotzdem, das war ein toller Familienausflug.

Im Skifahrhimmel

Als wir vor zwei Jahren mit den Skiern durch’s Moor fuhren und es so so schön war, war klar, dass wir das bald wiederholen würden. Für die Saison war der Winter allerdings quasi vorbei und im folgenden Jahr fiel er gleich ganz aus. Wie das manchmal so geht wenn man dann alle Hoffnungen aufgibt, wird es besonders gut. Seit Weihnachten haben wir durchgängig Schnee und inzwischen haben sich 77 Zentimeter angesammelt. Als vorletztes Wochenende die Minustemperaturen in den einstelligen Bereich stiegen und sogar etwas Sonne vorausgesagt war, war es dann soweit.

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Wir konnten sogar Pauline überreden mitzukommen. Skifahren ist für sie eine der schrecklichsten Freizeitbeschäftigungen. Nur wandern ist schlimmer. Einmal hörte ich ihr und unserer Frisöse minutenlang zu wie sie sich über die unerträgliche Zumutung von Skifahren im Sportunterricht ereiferten. Dahingehend hatte Pauline in diesem Jahr reichlich Glück gehabt, denn eigentlich stand Skifahren für den ganzen Februar auf dem Programm. Aber an fast jedem Mittwoch und Donnerstag lagen die Temperaturen über unter der Frostgrenze. Ab -15°C findet Sportunterricht drinnen statt und es wurde stattdessen Federball gespielt. Vielleicht erklärte sie sich deshalb bereit mitzukommen. Ihre Freundin, die wir seit Geburt kennen und die quasi zur Familie gehört (und die ausserdem noch ausgesprochen gern Ski fährt) luden wir auch ins Auto.

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Es war noch viel schöner als beim letzten Mal. Die Loipe war nämlich tipptopp und es fuhr sich wie geschmiert. Und es sah so wunderschön aus!

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Ich hatte ganz vergessen wie es ist mit unserem Kind Skier zu fahren. Man muss nämlich ca. alle 200 Meter anhalten, weil Handschuhe an/aus, Mütze auf/ab, Jacke auf/zu, Hunger, Durst, Ausruhen und dann wieder von vorn. Aber was soll’s. So hat man Zeit sich umzusehen, das Gesicht in die Sonne zu halten und durchzuatmen. Und es war so nett, die Kinder dabei zu haben. An der Feuerstelle am See gab es selbstverständlich gegrillte Würstchen und Marshmallows und weil am nächsten Tag Freundetag war, stapften die Mädels gemeinsam ein Herz in den Schnee.

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Wie schon beim letzten Mal mussten wir uns nach der Stärkung auf den letzten 3 Kilometern etwas sputen um vor der Dunkelheit wieder am Auto zu sein. Dort angekommen war Paulines Fazit: wäre ich bloss nicht mitgekommen. Aber wir anderen, wir stiegen mit leuchtenden Augen ein.

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Und weil es so schön war, bogen wir (jetzt nur zu zweit) auf unserer letzten wochenendlichen Tour bei erstbester Gelegenheit von der vielbefahrenen Sportloipe ab und ich glaube, ich will jetzt einfach nur noch Waldloipen fahren. Bis Mai und dann kann Sommer sein.

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