Zwei Fliegen mit einer Klappe

Als ich letzten August im Impfzentrum meine zweite Dosis Comirnaty bekam, dachte ich mir zwar schon, dass ich noch mal wiederkommen würde, aber dass es so schnell passieren würde habe ich damals nicht erwartet. Und da war ich mit heute sogar schon spät dran – die liebste Freundin im Südwesten hätte ihren Booster schon vor über 3 Wochen haben können. In unserer Gemeinde dürfen die unter 60jährigen (Risikogruppen ausgenommen) erst seit letzter Woche die dritte Impfung bekommen und auch nur dann wenn die Zweite schon mindestens 5 Monate her ist. Das wäre bei mir vorgestern gewesen. Da war ich aber den ganzen Tag damit beschäftigt Fische zu vermessen. Gestern ebenso, aber ob ich bei -25°C zum Impfzentrum spaziert wäre (man darf derzeit einfach immer ohne Termin kommen) weiss ich sowieso nicht. Heute war es 28°C wärmer (!) und die Fische fertig vermessen, da konnte ich gut den Impfspaziergang antreten. Man ist dann beim dritten Mal kein bisschen mehr aufgeregt: reicht routiniert die Krankenkarte an der Plexiglasscheibe vorbei, schreitet in den angewiesenen Warteflur, wartet ein paar Minuten bis man aufgerufen wird, geht ins Behandlungszimmer, zieht den linken Arm aus dem Pullover, hört sich kurz an warum man heute zur Abwechslung mal Moderna bekommt, steckt den Arm wieder in den Pullover, setzt sich 15 Minuten lang zurück in den Flur und verlässt freundlich dankend das Impfzentrum.

Neu war heute, dass ich direkt in die nächste Tür des Gebäudes wieder rein ging. Dort befindet sich ein (Vor-) Wahllokal, denn Finnland wählt mal wieder. Es gab kürzlich eine Gesundheitsreform, deren grösste Änderung beinhaltet, dass die 321 Gemeinden des Landes, die sich bisher um Gesundheit und Soziales gekümmert haben, in 21 Verwaltungseinheiten (Landkreise?) zusammengelegt werden. Der Gedanke dahinter war Bürokratie einzusparen, aber böse Zungen behaupten, dass jetzt alles nur noch komplizierter wird. Wir werden sehen. Jedenfalls sollen die Vertreter jeder Verwaltungseinheit demokratisch gewählt werden. Eigentlich immer gemeinsam mit den Kommunalwahlen, aber da die ja erst letzten Sommer waren, gibt es jetzt einmalig eine extra Wahl. Es wird eine extrem niedrige Wahlbeteiligung erwartet, weil eben gerade erst eine Wahl war und niemand so richtig durchzublicken scheint worum es eigentlich geht. Dabei wird es einem hier so einfach gemacht. Es gibt leicht verständliche Artikel in denen alles erklärt wird, es gibt die tollen Wahl-O-Mate (in sechs Sprachen!) und wie immer kann man bereits im Vorfeld an vielen strategisch günstigen Orten wie Supermarkt, Bibliotheken und Sportplätzen (Pandemie-gerecht draussen) wählen gehen. Und jetzt auch im gleichen Gebäude wie das Impfzentrum, wie genial ist das denn bitte?

Ich für meinen Teil freue mich jedenfalls darüber, dass ich als nicht Finne wählen darf (tatsächlich beinhaltet die Reform auch eine Verordnung, die besagt dass jeder Patient das Recht hat in seiner Muttersprache behandelt zu werden oder zumindest in einer Sprache die er beherrscht) und dass ich der leider auch hier hoch ausschlagenden Omikronwelle nun etwas geschützter entgegen treten kann.

Wintersonnenwende

Die Tage fegen vorbei wie Schnee im Sturm. Wie immer gegen Ende des Jahres gibt es unglaublich viel zu tun und wie immer möchte ich eigentlich einfach nur schlafen. Da fällt das Tagebuchschreiben als Erstes hinten runter. Dabei gäbe es soviel zu erzählen. Von Corona und dass der frühe Zeitpunkt unserer Weihnachtsfeier, über den ich mich im letzten Eintrag noch lustig gemacht habe, sehr schlau gewählt war. Längst sind wir alle zurück im Homeoffice. Oder von meinem neuen Job, in dem ich weder Fische, noch Mäuse oder Schmetterlinge jongliere, sondern Zahlen. Von Pauline, die sich spontan entschlossen hat die Gymnastikmannschaft zu wechseln und jetzt noch mehr trainiert und sehr glücklich damit ist. Vom Filmkonzert „Der Schneemann“, in dem ich in diesem Jahr mit meinem jüngsten Patenkind war und an dem wir beide sehr viel Freude hatten. Der Kinobesuch im November an dessen Ende die Mundschutzmasken aller Besucher mit Tränen getränkt waren. Von dem unglaublich schönen Dezember, der abgesehen von ein paar wenigen Tagen sehr winterlich und überraschend sonnig war.

Was ich mir nämlich konsequent bewahrt habe – viel zu tun hin oder her – sind die Homeoffice-Spaziergänge. Fast immer in der Mittagspause um so viel Licht wie möglich abzubekommen (siehe oben, müde). Gestern zur Wintersonnenwende verteidigte meine Bürokollegin ihre Doktorarbeit (selbstverständlich online) und da das traditionell zur Mittagszeit beginnt, drehte ich meine Runde schon etwas eher. Zum Sonnenaufgang 10 Uhr. Schon lange habe ich nicht mehr so etwas Schönes gesehen. Ich lief langsam und mutterseelenallein über den zugefrorenen See, während langsam ein oranger Ball über den Horizont kroch. Es war bitterkalt aber windstill und ich blieb immer wieder stehen, guckte und atmete.

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Fünf Stunden später, die Kollegin war gerade Frau Doktor geworden, ging die Sonne wieder unter. Dafür hat sie wirklich alles gegeben bei ihrem kürzesten Auftritt des Jahres.

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Wäre das auch gleich erledigt

Letzte Woche war ich auf einer Weihnachtsfeier. Der praktisch veranlagte Finne hat sich gedacht: Legen wir doch gleich den allherbstlichen Erholungsnachmittag (oder wie auch immer man das übersetzen könnte) und die Weihnachtsfeier zusammen. Da der Erholungsnachmittag traditionell mit Aktivitäten draussen einhergeht und es Richtung Weihnachten eher nicht heller oder wärmer wird, machen wir eben die Weihnachtsfeier am 12. November. Schließlich stehen auch schon seit zwei Monaten die Weihnachtspralinen in den Läden.

Dafür war es so viel schöner als sonst (sonst = Karaoke und Besäufnis). Wir fuhren mit drei Reisebussen (ALLE hatten sich angemeldet, endlich war mal wieder was los) in einen Zoo, der seit kurzer Zeit von meinem ehemaligen Mäusekollegen geleitet wird. Ankunft war 16 Uhr, das Novemberschummerlicht hatte sich gerade in tiefschwarze Nacht verwandelt. Und wir fragten uns ob wir wohl überhaupt ein einziges Tier sehen würden. Aber wir sind schliesslich Biologen, hatten selbstverständlich alle eine Stirnlampe auf dem Kopf und sahen natürlich alle vorhandenen Tiere. Bis auf die Bären, die Glückspilze hatten sich eine Woche zuvor in die Winterruhe begeben. Im Dunkeln im Zoo war es sogar ziemlich schön und spannend. Weil man die Zäune gar nicht richtig sah, fühlte es sich ein bisschen an wie in freier Natur. Und wie schön die Wolfsaugen leuchten, wenn man sie mit einer Stirnlampe anleuchtet. Die Tiere störten sich nicht gross an uns, die sind sicher einiges gewöhnt. Ausserdem hörten sie die ihnen wohlbekannten Stimmen unserer zwei Begleiter, der ehemalige Kollege und eine ehemalige Studentin unserer Uni, die uns viele interessante Details erzählten. Wie sie das Wisent mit der Fähre und einem Pferdeanhänger aus einem Zoo in Schweden abgeholt hatten. Wie die zwei Schneeeulen fast verhungert auf einem Frachtschiff im Ärmelkanal gelandet sind und von den Matrosen aufgepäppelt und an Land gebracht wurden. Die Namen jedes einzelnen Tieres, die die Pfleger vergeben dürfen (es gab zwei Eulen namens Dienstag und Donnerstag). Als wir bei den Elchen ankamen (es ist ein nordischer Zoo mit Tieren die sich im kühlen Klima wohl fühlen) brannte ein behagliches Lagerfeuer und es stand Glögi bereit. Und wie wir dort so standen, da fingen die Elche sehr lustig an zu brummen und zu knurren. Später wurden extra für uns noch die Schneeleoparden und die Vielfrasse gefüttert und ich lernte warum die Vielfrasse so lustig tänzelnd laufen: sie haben nämlich überdimensional grosse Pfoten damit sie gut und schnell über Schnee laufen können um Rentiere zu erlegen. Und nun laufe mal ohne Schnee mit Schneeschuhen an den Füssen!

Nach zwei Stunden liessen wir die Tiere schliesslich in Ruhe und spazierten zum Restaurant im gegenüber gelegenem Hotel. Dort entglitten mir kurzzeitig die Gesichtszüge, denn das es finnisches Weihnachtsessen geben würde hätte ich mir zwar eigentlich denken können, aber ich hatte tatsächlich mit etwas Leckerem gerechnet :) Dafür hatte ich sehr nette Tischgesellschaft, es gab lustige Spiele und die unverzichtbaren Reden. Eine war für eine Sekretärin, die nach 43 Jahren bei uns Biologen in Rente gegangen war und sich stets mit unfassbarer Geduld und Freundlichkeit um unsere durchaus bizarren Belange und sagen wir mal ungewöhnlichen Characktere gekümmert hatte. Wir dankten ihr und sie hielt ebenfalls eine kurze Rede, die sie mit „Passt gut aufeinander auf!“ schloss.

Als ich sehr spät wieder zu Hause war, konnte ich noch lange nicht einschlafen, weil es so aufregend gewesen war unter so vielen Leuten zu sein und so viel zu reden und zu lachen.

Lichterstadt

Unsere Stadt hat vor zwanzig Jahren ein Lichtprojekt ins Leben gerufen. Besondere Stadtbeleuchtung – aus Sicherheitsgründen in den dunklen Monaten, aber vor allem um es den Einwohnern schön zu machen. Etliche Häuserfassaden, Brücken, Wege und Bäume wurden über die Jahre dauerhaft ins Licht gesetzt. Und dann gibt jeden September ein Lichterfest (ausser im letzten Jahr…). Es fing 2003 ganz klein mit einigen wenigen Lichtkunstwerken an, da wohnten wir sogar schon hier. Und mit jedem Jahr wurde es grösser und spektakulärer und 2021 haben sie sich selbst übertroffen.

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Am Freitag Abend stiegen der Iso und ich (Pauline war nach einem langen Schultag und anstrengendem Training zu müde) auf’s Fahrrad und fuhren zum naturwissenschaftlichen Campus. Meine Arbeit! Und dort stand uns gleich mal der Mund weit offen. Nicht nur, dass die Gebäude so toll und so bunt aussahen, nein die Bilder bewegten sich auch. Drehten und rollten sich und über die Unterwasserfrau (weiter unten) schwappten Wellen. 

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Und es waren so viele Menschen da. Die ganze Stadt schien auf den Beinen. (Wer sich wundert, die Bilder sind von einem anderen Tag.) Ich habe schon lange lange nicht mehr so viele Menschen auf einmal gesehen und ich musste kurz mal tief Luft holen, damit ich vor lauter Erleichterung nicht anfange zu heulen. (Jajaja! Ich weiss, dass die Pandemie noch nicht vorbei ist.) 

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Im Kirchpark ist immer die Hauptattraktion. Einmal gab es dort zum Beispiel Riesenglühhäschen. Und in diesem Jahr eine Lichtinstallation mit Musik und Nebel untermalt. Boah, was für eine Show! Durchaus auch ein bisschen gruslig, aber das Ziel war wohl den kleinen Park komplett zu verwandeln und das ist auch gelungen. 

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Was besonders toll ist: das Lichterfest dauert in diesem Jahr über eine Woche. Einige Kunstwerke gab es nur letztes Wochenende zu sehen, aber die Highlights leuchten immer noch. Ich weiss nicht genau warum, vielleicht damit sich Pandemie-bedingt die Besucherströme etwas verteilen (hahaa). Jedenfalls konnte ich gestern noch einmal mit Pauline los ziehen und ihr alles zeigen. Da unten läuft sie, die (Trommelwirbel!) frisch zweifach Geimpfte, über die blaue Brücke.

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Ein Sonntag im August

Wecker 6:30 Uhr. Herrlich. Nicht. Aber ich bin in der Fischforschungsstation und habe also nicht frei. Zum Frühstück esse ich die letzten zwei Pfirsiche (unter anderem). Die Packung habe ich letzten Montag auf dem Weg hier hin gekauft und dabei gar nicht erwartet, dass sie sich bis heute halten. Meine Hände sind jedenfalls seither vom vielen Wasser schrumpeliger geworden. Während des Essens versuche ich mich ein wenig zu motivieren. Eigentlich mache ich gerne und mit Herzblut Wissenschaft. Am allerliebsten erforsche ich das Verhalten von Tieren, wofür ich gerade hier bin. Aber es ist Sonntag, ich bin mutterseelenallein auf der großen weiten Forschungsstation, habe das letzte Mal vorgestern mit einer Person gesprochen (am Telefon…) und mein drölfzigster Arbeitsvertrag geht mal wieder aufs Ende zu. Wenn ich die Veröffentlichung, für die ich gerade Daten sammle, schreiben will, dann muss ich das ohne Finanzierung machen. Aber ich versuche mich wie gesagt zu motivieren und gucke daher aus dem Fenster in die Natur. Es beginnt zu regnen.

Pünktlich 7:30 Uhr stehe ich in der Fischhalle, wünsche allen Wassertieren einen guten Morgen und tätige ein paar vorbereitende Handgriffe. Dieser Tage bin ich Fischcoach. Es geht mal wieder um den Fischbesatz und wie man ihn fitter für das Leben in der freien Wildbahn machen kann. Zur Zeit trainiere ich junge Lachse einen ihrer ärgsten Feinde, den Hecht, besser zu erkennen und zu vermeiden. Meine schlechte Laune löst sich in Luft auf als ich den ersten Hecht im Netz habe. Die Fische, mit denen ich in den letzten sieben Jahren gearbeitet habe, haben irgendwas zwischen einem und vierzig Gramm gewogen. Jetzt trage ich einen zwei-Kilo-Hecht zum Training und muss grinsen. Zuerst hatte ich ein wenig Angst vor den Monsterchen, aber die sind echt toll! Und so hübsch!

Ich setze den Hecht also in einen Käfig der wiederum in einem Aufzuchtsbecken mit Lachsen steht. Also mit Süsswasser-Lachsen, Atlantischen Lachsen und ihren Hybriden. Dass insbesondere die Süsswasserform stark vom Aussterben bedroht ist hatte ich schon mal erzählt. Diese Population hier war mal auf einige wenige Tiere zusammengeschrumpft und entsprechend gering ist ihre genetische Vielfalt. Das ist schlecht, denn es führt zu Inzucht, also ungünstigen Genkombinationen und häufig nicht lebensfähigen Nachkommen. Ein letzter Versuch die Population zu retten, ist sie mit dem eng verwandten Altantischen Lachs zu kreuzen und damit der Inzucht entgegen zu wirken. Dieser Ansatz ist nicht ganz unproblematisch, weil man den ursprünglichen Genpool verändert, aber manchmal ist es eben die letzte Option. Wir wollen hier jedenfalls gucken ob die Kreuzungen die Lebensfähigkeit verbessert. Und ob ein Hechttraining vor Freilassung ihre Überlebenschancen noch mehr erhöht. Übrigens, ein Hecht allein reicht für das Training noch nicht. Zusätzlich braucht es auch noch Schreckstoff, also Pheromone die Fische abgeben wenn ihre Haut verletzt wird, zum Beispiel wenn ein Hecht rein beißt. Riecht nun ein Fisch gleichzeitig Schreckstoff und Hecht, dann lernt er dass Hechtgeruch = gefährlich. Ziemlich clever.

Drei Stunden später habe ich 640 Fische in 8 Aufzuchtbecken fertig trainiert. Warum ich dann so früh angefangen habe? Weil gleich der Techniker kommt, der sich um die Trillionen anderen Fische kümmert und dabei Radau macht. Und wie vermutlich jeder schon mal festgestellt hat, wirkt sich Radau schlecht aufs Lernen aus.

Ich spaziere zur Unterkunft, vervollständige meine Notizen und mache mir dann ein Mikrowellenessen warm, welches noch schlechter schmeckt als es aussieht. Man könnte hier auch kochen. Theoretisch. Praktisch ist dafür nie Zeit (außer vielleicht heute), die Küchenausstattung ist unterirdisch und man müsste viel mehr Zeug einkaufen. Ich muss auch sagen, dass die Suppen die es da so gibt eigentlich ganz passabel schmecken. Weil ich aber nicht neun Tage hintereinander Suppe essen wollte, habe ich mal was anderes probiert. Nun. Gemüsebällchen mit Kartoffelbrei wird es nicht wieder geben. Weil es draußen immer noch regnet, setze ich mich heute nicht an den See oder den Fluss sondern ins Bett! Auch sehr schön. Ich lese Nachrichten und muss lachen als ich einen Bericht über den Stöckelschuhblumenkleidmoorskiwettbewerb lese. Einer dieser Wettbewerbe. Die Fotos dazu sind großartig.

Als ich mich fertig amüsiert habe, ziehe ich mir Gummistiefel und Regenjacke an und spaziere zu den künstlichen Flüssen. Hier werden morgen die trainierten Fische freigelassen. Ein paar Hechte warten schon auf sie, die Ärmsten. (Übrigens darf man solche Experimente nur dann durchführen wenn es für die Beute einen Rückzugsort gibt, zu dem die Räuber keinen Zugang haben. Sie sind den Hechten also nicht bedingungslos ausgeliefert.) Vorher gibt es aber noch ein paar Dinge zu erledigen. Ich putze und schraube pfeifend vor mich hin. Dann überprüfe ich die Antennen, die die Bewegungen der Fische aufzeichnen sollen. Dann besuche ich noch mal die Fischhalle um das Trainingszubehör aufzuräumen. Dort habe ich enorm viel Spaß mit einem Hochdruckreiniger, was für coole Teile. Wenn ich demnächst vielleicht nicht mehr als Biologin arbeiten kann, dann kann ich ja Autos waschen.

Zurück in der Unterkunft überlege ich ob ich den Abend mit der zu schreibenden Bewerbung verbringe. Oder soll ich Daten analysieren? Ein Manuskript überarbeiten? Mir fällt wieder ein, dass Sonntag ist und ich nehme mein Buch und lege mich aufs Sofa. Und dort geht dieser Sonntag im August zu Ende.

Mittsommer 2021

Wenn mich in diesem Jahr jemand fragen würde was ich an Mittsommer mache, dann wäre meine Antwort: Kommt drauf an. Aber mich fragt keiner, denn ich sitze seit Tagen mutterseelenallein zu Hause. Zu Hause, weil ich seit meiner Rückkehr aus dem Deutschlandurlaub in Quarantäne bin. Mutterseelenallein, weil die Familie noch dort geblieben ist. Und ‚kommt drauf an‘, weil es davon abhängt wann das Ergebnis meines Coronatests da ist.

Frühestens 72 Stunden nach Einreise darf man sich aus der Quarantäne frei testen lassen. Also schwang ich mich heute auf mein Fahrrad und fuhr zur Teststation. Die Leute, die ich unterwegs traf, zogen entweder Koffer Richtung Bahnhof, packten Dinge wie Angeln und Schwimmwesten in Autos oder schleppten bergeweise Lebensmittel nach Hause. Überall summte und brummte es vorfreudig. Nur die Krankenschwester war grantig. Vielleicht weil sie eben heute arbeiten musste um Leute zu testen, die in diesen Zeiten ins Ausland reisen. Nachdem ich eingetreten war und sie mich einfach nur anstarrte, riet ich richtig, dass ich meinen Namen nennen soll. Und als sie mit dem Teststäbchen vor mir stand, dachte ich nun ist wohl Zeit die Maske abzunehmen und den Kopf nach hinten zu legen. Im Juni 2021 braucht man vermutlich keine Anweisungen mehr. Wann denn mit dem Ergebnis zu rechnen sei, wagte ich zu fragen, denn etwa im gleichen Augenblick startete die Arbeitsgruppe das erste Experiment des Jahres und ich weiss, dass ich dringendst gebraucht und erwartet werde. Guck doch ins Merkblatt, knurrte sie zurück. Bis zu 48 Stunden steht da.

Wenn das Ergebnis bis morgen Mittag da ist, kann ich in den Zug zur Fischforschungsstation steigen. Und werde Mittsommer zur Abwechslung mal wieder arbeitend verbringen. Für ein Festmahl wird eher keine Zeit sein, aber wir werden traditionell die ganze Nacht aufbleiben und uns von Mücken auffressen lassen. Wenn das Ergebnis nicht rechtzeitig da ist, muss ich 24 Stunden bis zur nächsten Zugverbindung warten. Dann kann ich mir überlegen ob ich Mittsommer einfach ausfallen lasse oder alleine feiern möchte. Es bleibt spannend.

Schönes Mittsommer jedenfalls!

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Alltagsfotos 5/5 2021

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10:23 Uhr – Immer wenn ich beim Arbeiten scharf nachdenken muss wandert mein Blick zum Futterhäuschen. Heute ist dort überhaupt nichts los und ich gehe mal gucken ob vielleicht das Futter alle ist. Ist es nicht, aber bei der Gelegenheit kann man auch gleich gucken wie weit die Tulpen denn so sind. Für die angenagten Blattspitzen sind übrigens Hasen verantwortlich – das war das Erste was noch im März rausgeguckt hat.

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11:15 Uhr – Ah, da sind sie ja!

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13:02 Uhr – Der Iso hat Feierabend und ich ziehe mein Homeoffice in Paulines Zimmer um. Fühle mich hier immer beobachtet und arbeite extra fleissig.

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13:41 Uhr – Jetzt ist auch Pauline da, Umzug Nummer 2. Eindeutig der gefährlichste Arbeitsplatz, was die Arbeitsmoral angeht.

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16:36 Uhr – Frischluftrunde. Ich habe auch schon das Wochenende eingeläutet. Die Arbeitswoche war zäh und frustrierend. Dabei weiss ich genau, dass es (mir) mit dem Schreiben immer so geht. Tagelang kommen keine neuen Worte auf’s Papier und man denkt man käme überhaupt nicht voran. Dabei sortiert der Kopf nur in Ruhe die Gedanken und dann am Freitag Mittag setzt man plötzlich die Finger auf die Tastatur und schreibt 1500 Wörter am Stück. Und kann entspannt ins Wochenende gehen.

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Alltagsfotos 3/5 2021

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7:14 Uhr – Wir haben gefrühstückt, Pauline ist im Bad und ich sitze hier noch so. Ich giesse mir eine zweite Tasse Tee ein und sehe nach dem Wetter. Beim Blick auf nächste Woche fange ich an zu quieken. Hoffentlich klappt das.

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10:41 Uhr – Departmental meeting. Da muss man nur zuhören und kann nebenbei noch andere Dinge machen. Eichhörnchen beobachten, zum Beispiel.

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16:32 Uhr – Fertig gearbeitet. Ich bin auf dem Weg zum Patenkind und habe die landschaftliche schöne Strecke gewählt. Herrlich, dieses Frühlingslicht.

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17:09 – Geschenk überreicht und auf dem Rückweg wollte ich eigentlich in die Stadtteilbücherei. Die hat jetzt nämlich auch wieder unbemannt nach 16 Uhr auf, dachte ich jedenfalls gelesen zu haben. Dann bekommt man mit seiner Büchereikarte Einlass, wie ich hier schön demonstriere. Beziehungsweise nicht. Es steht nämlich deutlich auf dem Display, dass sie gar nicht aufhat und alles piepsen mit der Karte öffnet den Sesam auch nicht.

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19:32 Uhr – Wo ich jetzt gern wäre: auf dem Sofa. Aber dem lernenden Kind – das derzeit einen Test nach dem anderen schreibt, weil bald Notenschluss ist – raucht der Kopf. Es möchte an die frische Luft, aber nicht allein. Es möchte Fussball spielen.

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Alltagsfotos 2/5 2021

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9:18 Uhr – Der Dienstag ist mein Lieblingswochentag. Es ist der einzige Tag, an dem die Schule nicht um 8 beginnt, sondern wir dann erstmal frühstücken. 

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12:10 Uhr – Mittagspause. Spannend, was?

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13:40 Uhr – Das erste Familiemitglied ist nach Hause gekommen, das Zweite folgt gleich und bringt eine Freundin mit. Ich bin unterwegs zur *Trommelwirbel* Uni. Ich muss den nächsten Schwung Laborjournale abholen und wenn ich sowieso da bin, werde ich die Gelegenheit nutzen mal ein paar Stunden ungestört auf einem bequemen Bürostuhl und mit grossem Bildschirm vor der Nase zu arbeiten. Die 14-Tage-Inzidenz  von Mittelfinnland liegt bei 5,9 (EINSTELLIG!), in unserer Stadt gab es jetzt mehrere Tage in Folge null Fälle und die Uni ist gähnend leer. Draussen ist die dominierende Farbe immer noch grau, aber die Sonne scheint.

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20:31 Uhr – Ich bin zurück zu Hause und habe schon 1,5 Stunden mit meiner Mama geskypt. Jetzt beobachte ich eine Wacholderdrossel, die minutenlang auf unserer Wiese steht und umher schaut als stünde sie mitten auf einem Jahrmarkt. Ab und zu düngt sie den Rasen.

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20:49 Uhr – Mir ist wieder eingefallen was ich eigentlich machen wollte. Mein jüngstes Patenkind hatte letzten Samstag Geburtstag und morgen bringe ich ihr endlich das versprochene Geschenk vorbei.

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Alltagsfotos 1/5 2021

Siebte Runde 5×5 Alltagsfotos im Mai. Ich bin immer noch im Homeoffice, minus Schulkind. Es passiert nichts

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8:43 Uhr – Der erste von täglich drei verschiedenen Homeoffice-Plätzen – je nachdem wo es gerade am Stillsten ist – ist in Betrieb genommen. Ich habe schon ein wenig am Manuskript gearbeitet als mir wieder einfällt, dass ich ja diese Woche dokumentieren wollte. Links im Bild die ersten acht von zwanzig Laborjournalen, die ich lesen und benoten muss. Die meisten Studenten haben eine gut lesbare Handschrift, puh.

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12:06 Uhr – Die Sonne guckt endlich mal wieder vorbei. Dann kann ich meinen Nachtisch-Tee draussen trinken. Mit dicker Strickjacke geht’s gerade so. Ich beobachte eine Ameise, die eine tote Stubenfliege gen Ameisenhaufen schleppt. Die Ameise torkelt hin und her, alle paar Millimeter verliert sie die Fliege, sie muss Hindernisse überwinden und kommt überhaupt nicht voran. Genau so fühlt sich mein Arbeitstag heute auch an.

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16:36 Uhr – Pauline hat heute Wettkampf. Beziehungsweise erst nächsten Samstag, aber heute wird der Beitrag ihrer Mannschaft aufgezeichnet. Sind ja alles Fern-Wettkämpfe. Aus diesem Pinselchen muss ich jetzt jedenfalls einen Dutt formen. Und dann alles drum herum so aussehen lassen als würde es auch in dem Zopf stecken. Joah, mit der entsprechenden Menge Haarspray und Haarnadeln geht alles.

IMG_173919:22 Uhr – Der Iso hat Pauline zum Training gebracht, danach haben wir gemeinsam Abendbrot gegessen, ich bin zurück zur Turnhalle gefahren und gehe die restliche Trainingszeit frische Luft schnappen. Alle Wege rund um unser Haus bin ich hundertfach abgelaufen, da ist es nett mal durch einen anderen Stadtteil zu gehen. Dieser hier ist etwas seltsam, weil rundherum von grossen Strassen eingeschlossen. Dafür gibt es viele alte Einfamilienhäuser mit alten Gärten dran und ich laufe einfach Runden und Schleifen und bewundere die Frühblüher. Ich entdecke Teppiche von Krokussen, Blausternen, Buschwindröschen, Narzissen gross und klein und eine einzelne übermütige Tulpe. Aber über die Schneeglöcken habe ich mich am Meisten gefreut, die sieht man hier nicht so oft.

IMG_174320:23 Uhr – Wir sind wieder zu Hause und Pauline zeigt mir den Auftritt. Hups, vor der Aufzeichnung vergessen den Nagellack abzumachen. Das ist eigentlich nicht erlaubt, aber aus der Ferne wird’s schon keine der Schiedsrichterinnen bemerken.

 

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Volle Wochen

Viel los hier. Ist ja auch mal ganz schön zur Abwechslung. 

Wichtigstes Ereignis zuerst: Unser Baby hatte letzte Woche Geburtstag und ist zwölf Jahre alt geworden. Wenige Tage nach meinem zwölften Geburtstag fiel die Berliner Mauer, ich kann mich also noch sehr gut an mein gleichaltriges Ich erinnern. Schon ziemlich gross und doch noch bisschen klein. Auch Pauline wird sich später vermutlich gut erinnern können. Es war ihr zweiter Pandemiegeburtstag und folglich wieder ohne grosse Feier. Immerhin konnte sie dieses Mal ihre beste Schulfreundin einladen. Eine nahm eine Tasche voll ungesunder Lebensmittel, die andere klemmte sich die Picknickdecke unter den Arm und so liefen sie an den See und hatten einen vergnüglichen Nachmittag bei sagenhaften 15°C und strahlend blauen Himmel.  

Ich gehöre seit Anfang April wieder zur arbeitenden Bevölkerung und muss mit Erstaunen und Bedauern feststellen, wie wenig Freizeit man so als Vollzeitarbeitende hat. Und dass man die Freizeit erschöpft auf dem Sofa liegend verbringen muss. Letzte Woche war besonders anstrengend und aufregend. Und zwar habe ich ein Praktikum betreut und bin jeden! Tag! zur Uni gefahren und habe dort täglich viele! Stunden! mit anderen! Menschen! verbracht. Jeglicher Unterricht, der nur irgendwie aus der Ferne möglich ist, wird auch so gestaltet, aber ein Laborpraktikum… Es gibt natürlich Auflagen. Beispielsweise dürfen sich nur maximal zehn Personen pro Labor aufhalten. Wir mussten die 20 Studenten also auf drei Räume aufteilen (kein Rechenfehler, Lehrpersonal braucht es ja auch). Die Uni stellt FFP2 Masken in Hülle und Fülle. Ich hatte vorher noch nie eine auf und war gespannt. Tatsächlich habe ich sie aber nach der ersten halben Stunde gar nicht mehr bemerkt. Abstand sollten wir natürlich auch halten, aber das war in einem Molekularbiologie-Praktikum, in dem man die ganze Zeit mit kleinen Dingen und winzigen Mengen hantiert und zeigen muss wie das geht, schlicht nicht möglich. Es war gleichzeitig super schön und super anstrengend so viele soziale Kontakte zu haben und so viel zu reden. Manchmal habe ich mich ehrlich gesagt wieder auf mein Homeoffice gefreut, aber am letzten Tag war ich doch ganz schön traurig. Es war ein bisschen wie früher und es fehlt halt doch.

Und dann war da noch dieses herrliche Frühlingswetter und man musste immerzu auf der Terrasse in der Sonne sitzen und lesen oder Inlineskates fahren oder den Vögeln lauschen oder Huflattich anhimmeln (meine Krokusse wurden natürlich wie jedes Jahr von den Hasen gefressen). Seit genau vier Tagen sehe oder höre ich jeden Tag mindestens drei (für dieses Jahr) neue Vogelarten. Im Grunde kann man sich gar nicht auf’s Arbeiten konzentrieren. Heute mitten in einem Zoom-Meeting landete ein prächtiger Schwarzspecht direkt vor meinem Fenster und pickte in aller Seelenruhe Ameisen vom Baum. Den Buntspecht einen Baum weiter kannte ich bereits von vorgestern. Die Kehrseite der Medaille sind natürlich die Quindezilliarde Pollen in der Luft. Letztes Jahr habe ich ja noch Erlenpollen (sowie Gräser) in mein Repertoire aufgenommen und an den meisten Tagen derzeit frage ich mich ob die unendliche Müdigkeit, ausgelöst durch die Medikamente, tatsächlich besser ist als die doch beeindruckend starken Beschwerden. Egal, das schöne Wetter ist jetzt sowieso erstmal vorbei.

Auch sonst wird es wieder ruhig und vermutlich gibt es dann wieder nichts zu erzählen. Man hat’s nicht leicht.

Unverhofft kommt oft

Letztes mailte ich mit einer Freundin hin und her. Einer Biologenfreundin, die mehrjährige Erfahrung mit Arbeitslosigkeit hat. Geniess das jetzt einfach mal, schrieb sie mir, das kann schneller wieder vorbei sein als man denkt. Naja, antwortete ich, ich habe ja noch nicht mal eine Bewerbung geschrieben. Weil es einfach keine passenden Stellenausschreibungen gibt.

Letzte Woche trat ich aus Paulines Schule. Sie hatte nach dem ausführlichen Termin mit der Schulschwester im Januar jetzt noch einen mit dem Schularzt. Zum In-die-Ohren-und-Hals-gucken, Abhören und so weiter. Ich kam also aus der Schule und lief an den gegenüberliegenden zwei Kindergärten vorbei. Dort war gerade draussen-Zeit und es gab ein ziemliches Tohuwabohu. In einer Ecke stritten sich zwei, in einer anderen musste ein Erzieher gerade etwas schimpfen und in der Mitte backte eine Gruppe Knirpse Schneekuchen und schlug die dazugehörige Formel brüllend (Werd kein schlechter Kuchen, WERD EIN GUTER KUUUUCHEEEN!) mit den Schaufeln auf die Förmchen ein. Ich schaute auf die vielen Schneeanzüge, Mützen und Handschuhe, in die die Kinder entweder hinein diskutiert oder gepackt worden waren, zum ersten von zwei Malen täglich, und ich fragte mich kurz ob der einzige alternative Beruf der mir bisher eingefallen war, wirklich was für mich wäre. Da klingelte mein Handy.

Es war der ehemalige Chef vom Fischprojekt. Und erzählte mir, er hätte da jetzt noch ein paar Gelder aufgetan. Genug um mich nochmals für ein halbes Jahr einzustellen. Ob ich Lust hätte, ich könnte gleich im April anfangen. Ich war so überrascht und überrumpelt, dass ich mir einen Tag Bedenkzeit erbat. Ich sah mich nämlich augenblicklich wieder mit dem Homeoffice ringen und eigentlich hatten wir viele schöne Familienpläne für den Sommer! Zwar könnte ich so neue Experimente durchführen, hätte dann aber wieder keine Finanzierung um die Veröffentlichungen dann zu schreiben. Und würde es mein Problem mit der Zukunft nicht einfach nur aufschieben? Aber im Grunde war mir natürlich klar, dass ich das weder absagen konnte noch wollte. Insbesondere nachdem ein paar Stunden später mein Handy piepste und in einer Nachricht stand, dass die Fischforschungsstation nochmal 2 Monate Finanzierung oben drauf legen würde. Nur falls mir das bei der Entscheidungsfindung helfen würde.

Gestern habe ich also den Arbeitsvertrag unterschrieben. Am Gründonnerstag geht’s los und bis zum Advent werde ich erst mal wieder Fische jonglieren. Schon auch schön.

Januar ´21

Das erste Zwölftel des Jahres ist um. Erstaunlich wie die Zeit sogar rast wenn gar nicht viel passiert und man mal nicht viel um die Ohren hat. Seit Anfang des Jahres bin ich arbeitslos. Offiziell jedenfalls, in echt arbeite ich noch ein wenig unbezahlt weiter. Wie das in der Wissenschaft so geht. Ich mache das für mich, weil ich es gut finde angefangene Dinge zu Ende zu bringen. Und weil jede weitere Publikation im Lebenslauf hilfreich ist. Aber es gibt keinen Druck. Ich kann jederzeit ‚heute keine Lust‘ sagen oder ’nein, danke‘ wenn man mir neue Aufgaben geben will. Ich kann mich in der Mittagspause in einem Buch festlesen und danach stundenlang spazieren gehen. Ich muss mich auch nicht mehr mit dem nicht vorhandenem Arbeitszimmer im Homeoffice arrangieren – sobald die Familie nach Hause kommt klappe ich einfach den Laptop zu. Mir gefällt’s, für den Augenblick.

Ich habe auch Zeit zu überlegen wie es weiter gehen soll. In der Wissenschaft ist es so, dass die Luft nach oben immer dünner wird. Es gibt Doktorandenstellen wie Sand am Meer, Postdocs schon ein paar weniger und immer so weiter. Ist ja irgendwie auch logisch, wer sollte die ganzen Professoren bezahlen. Ich weiss schon länger, dass ich zwar vielleicht ganz gut bin, aber eher nicht gut genug. Oder dass mir gewisse extra Fähigkeiten fehlen, wie mich vermarkten zu können und vernetzen oder flexibel zu sein. Das passt alles nicht mit meiner Persönlichkeit zusammen und ich habe für mich beschlossen mich nicht zu verbiegen. Wenn es bedeutet, dass ich einen anderen Weg einschlagen muss, dann ist das eben so. Nur die Richtung muss sich noch finden.

Wir haben, was sie in der Presse einen Winter nach alter Art nennen. Den ganzen Januar über waren die Temperaturen weitestgehend da wo sie hingehören und es hat es immer wieder geschneit. Ich weiss gar nicht wieviel Kubikmeter Schnee ich vorm Haus weggeschoben habe. Die aktuelle Schneehöhe beträgt jedenfalls einen halben Meter und es ist wunderbar. Einziger Nachteil: weil soviel Schnee auf den Seen liegt, wird das Eis nicht dicker und es ist immer noch nicht so richtig sicher drauf zu gehen. Dafür wurde aber an jeder Schule Wasser auf den Schulhof gegossen. Und man kann rodeln und Trillionen Kilometer Ski fahren. Und sagte ich schon, dass es schön ist einmal Zeit zu haben?

Nach den Weihnachtsferien haben die Fünftklässler in Handarbeit wieder ein Strickprojekt begonnen und Pauline videotelefoniert jetzt am Nachmittag öfter mit ihrer Schulfreundin um gemeinsam zu stricken und dabei zu schnacken. Weil ich ja jetzt Zeit habe (!) hat sie mir ebenfalls das Stricken beigebracht (es fühlte sich ein bisschen nach verkehrter Welt an) und manchmal sitzen wir auch zu zweit auf dem Sofa und stricken einträchtig vor uns hin. Ich selbst übe bisher nur, aber so langsam sieht das schon ganz passabel aus. Zum Namenstag heute hat das Kind jedenfalls drei Knäuel Wolle bekommen und sich sehr gefreut.

Auch im Januar war die jährliche Untersuchung bei der Schulschwester. In der fünften Klasse geht es nicht nur darum zu schauen wie es dem Kind geht, sondern seiner ganzen Familie. Deshalb wurde darum gebeten, dass ein Elternteil dabei ist, ausserdem sollte vorab online ein seeehr ausführlicher Fragebogen ausgefüllt werden und der Termin dauerte 90 Minuten. Ich hatte mich vorher schon gefragt was da so lange dauern kann. Aber klar, wenn sich jemand wirklich mal die Zeit nimmt diverse Themen (von Mobbing und Freundschaften über Ernährung, Schlaf und Drogen zu Hobbys und Medienkonsum und noch einigem mehr) ausführlich zu besprechen und beispielsweise eben nicht einfach nur Blutdruck misst, sondern erstmal erklärt was Blutdruck eigentlich ist und was die Zahlen bedeuten, dann sind 90 Minuten sehr schnell um. Gemessen und gewogen wurde auch und in 10 Zentimetern hat sie mich eingeholt. Interessant war auch, dass die Kinder in der Schule ebenfalls einen Fragebogen ausfüllen mussten und dass manche der Fragen gleich waren. Puh, Glück gehabt, unsere Antworten stimmten überein.

Nachdem ich mir ja für das neue Jahr gewünscht hatte keine weiteren Katastrophen erleben zu müssen, wurde direkt das nächste Familienmitglied ins Krankenhaus eingewiesen. Ich habe sofort gemerkt wie sehr mir das letzte Jahr in den Knochen steckt und wie frisch aufgebaute Kraft augenblicklich weg knickte. Inzwischen sieht es schon wieder besser aus. Alles wird gut!

Corona ist auch noch. Nachdem es in unserer Stadt längere Zeit ziemlich ruhig war (5-10 Fälle pro Tag) und das Leben vergleichsweise normal, nehmen die Zahlen seit letzter Woche deutlich an Fahrt auf. Vor zwei Wochen trafen sich 150 Austauschstudenten in einer Kneipe. (Ja, so habe ich auch geguckt!) Eine/r brachte das Virus mit und steckte zwei Drittel der Partybesucher an. Über EINHUNDERT neue Fälle! Das hat sehr viele Leute sehr erschreckt und ich glaube auch wachgerüttelt – in den Geschäften stieg die Nachfrage nach Masken stark an. Etwa gleichzeitig gab es noch ein weiteres Superspreader Ereignis, wenn auch nicht in ganz so grossem Masstab, in einem Fitnessstudio. Man konnte die Kontakte aber alle gut verfolgen, steckte 1000 Leute in Quarantäne und hoffte das Beste. Ob es mit den zwei Infektionsketten in Zusammenhang steht weiss ich nicht, aber letztes Wochenende gab es plötzlich wieder über 100 neue Fälle. Die allermeisten davon in Schulen und Sportmannschaften und zwar vielen verschiedenen aus allen Stadtteilen. Über 500 weitere Leute wurden in Quarantäne geschickt. Es überraschte dann nicht sonderlich als am Sonntagabend bekannt gegeben wurde, dass die Klassen 7-9 ab Montag fernbeschult werden (ältere Schüler sind sowieso schon zu Hause) und die Hobbies für alle Altersgruppen eingestellt werden (bisher für unter 18jährige erlaubt). Museen und Bibliotheken wurden ebenfalls geschlossen. Es stand die Befürchtung im Raum, dass aufgrund der hohen Ansteckungsraten eine der Virusmutationen zirkuliert, aber das hat sich zum Glück nicht bestätigt.

Mal schauen wie’s weiter geht.

Statt Weihnachtsfeier

Alle Mitarbeiter durften heute ganz kurz in der Uni vorbei schauen und sich einen Ersatz für die ausgefallene Weihnachtsfeier abholen:

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Also mich macht man damit um ein Vielfaches glücklicher als mit Saufparty pikkujoulu.

Vor zwei Wochen bekamen wir übrigens schon ein ähnlich grossartiges Geschenk als Dankeschön für’s Durchhalten. Ich finde das total nett, schliesslich kann die Uni doch auch nichts für Corona. Man konnte wählen zwischen einer Art Präsentkorb oder den Zutaten für ein Drei-Gänge-Menü der gehobenen Küche. Ich entschied mich für Letzteres und es war so toll! Die Ausgabe der Geschenke war über mehrere Tage gestaffelt und man konnte sich ein Zeitfenster reservieren. Der Chefkoch, der diese ganze Aktion auf die Beine gestellt hatte, überreichte mir persönlich eine grosse Papiertüte mit den Zutaten sowie den auf edlen Papier gedruckten Menüplan und verwies insbesondere auf den QR-Code auf der Rückseite, über den ich zum Anleitungsvideo gelangen würde. Der Iso und ich hatten dann einen sehr vergnüglichen Abend, an dem wir jeden einzelnen Gang zunächst zubereiteten, dann fachmännisch anrichteten und schliesslich genossen. Es war alles saulecker, ich habe sogar die Regenbogenforelle gegessen!