Wie ich mal nach Hause kam und lachen musste

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Ehrenabzeichen am Bande

Die Drittklässler behandeln in Heimatkunde gerade Fische. Nicht das schlechteste Thema. Vor zwei Wochen sind sie mit den Fahrrädern an den See gefahren und haben geangelt. Die Beute haben sie in der Schule zunächst eingefroren und letzte Woche dann seziert. Dabei musste Pauline plötzlich an ihre Mama denken (Romantik können wir) und sagte: Übrigens ist meine Mama Fischforscherin, die macht das ständig. Aber das ist ja toll, rief die Heimatkundelehrerin, da kann deine Mama doch mal zu uns in die Stunde kommen und uns was über Fische erzählen. Äääh, erwiderte Pauline, ahnend was sie angerichtet hatte, eigentlich kann meine Mama nicht so gut Finnisch. Aber das macht doch nichts, erwiderte die Lehrerin. Oder, Kinder, das stört uns doch nicht? Also, ich fände es auch richtig toll wenn du kommst, Mama, schloss Pauline ihre Erzählung am Abendbrotstisch.

Watt willste da noch sagen?

Eigentlich hatte ich sogar richtig grosse Lust darauf. Den Plan wie man so eine Schulstunde füllen könnte hatte ich schon seit einem Jahr im Kopf. Der Vater eines Klassenkameraden hatte gerade die Klasse besucht. Er ist Künstler und brachte riesige Leinwände mit. Er erzählte wie er zu seinem Beruf gekommen war, von seinem Arbeitsalltag und die Geschichten zu seinen Bildern. Am Abend sass ich mit einer vor Begeisterung übersprudelnden Pauline vor dem Computer, schaute mir ebenfalls seine Bilder an und liess mir von ihr erzählen wie sie entstanden sind. Später kam er noch einmal in die Schule um mit den Kindern zu malen und ihnen verschiedene Techniken zu zeigen. Sie redet bis heute davon. Dieser Mann hat sie inspiriert vielleicht selbst Künstlerin zu werden. Gibt es was Tolleres?

Direkt im Anschluss rief Paulines damalige Klassenlehrerin alle Eltern dazu auf ebenfalls in die Schule zu kommen und von ihren Berufen zu erzählen. Ich hatte zwar ziemlich grossen Spass daran meinen Besuch zu planen, wusste aber von Anfang an, dass ich ihn niemals in die Realität umsetzen würden. Denn mal ganz ehrlich: auf Finnisch?

Im Grunde genommen ist es super peinlich. Ich weiss noch ganz genau wie ich das erste Mal für meine Diplomarbeit nach Finnland gekommen war und mich innerlich darüber empörte, dass meine Betreuerin (ebenfalls Deutsche) auch nach zwei Jahren im Land die Sprache nicht sprach. Haha, zwei Jahre. Bei mir sind es inzwischen 16. Sechzehn! Man kann das vermutlich nur verstehen wenn man selber hier wohnt. Finnisch ist nicht die einfachste Sprache. Das wissen die Finnen und weil sie sind wie sie sind, würden nie im Traum verlangen, dass man das lernt. Und man kommt wunderbar ohne zurecht.  Es gibt quasi alles auf Englisch. Nun ist es nicht so, dass ich gar kein Finnisch könnte. Ich verstehe es ziemlich gut, ich lese inzwischen sogar finnische Bücher. Ich führe Telefonate und schreibe Emails, ich gehe zum Arzt, ich führe Elterngespräche in Kindergarten und Schule, ich habe ein Haus gekauft. Auf Finnisch. Aber es ist jedes Mal ein zähes Ringen. Und es funktioniert nur wenn ich mich akribisch vorbereite, Vokabeln raussuche und Sätze fertig aufschreibe. Kein Witz. Ein bisschen spielt vielleicht auch mein Hang zum Perfektionismus mit rein, aber locker plaudern ist einfach nicht drin. Im Grunde meines Herzens weiss ich, dass ich einfach nur Übung brauche. Aber wo und mit wem? Zu Hause sprechen wir deutsch, logisch. Auf Arbeit bin ich bei weitem nicht die einzige Ausländerin und überhaupt ist es wichtig, dass es nicht zu Missverständnissen kommt. Also Englisch. Meine Freunde sind entweder ebenfalls Ausländer oder ich kenne sie seit mindestens 15 Jahren und habe immer Englisch mit ihnen geredet. Tatsächlich haben wir mal versucht umzustellen, aber das funktioniert nach so einer langen Zeit nicht. Es ist seltsam, aber diese Freundschaften sind festmaschig mit Englisch verwoben. Bleibt also nur noch Arzt, Schule und Hausangelegenheiten. Viel zu wenig. Mal abgesehen davon, dass ich smalltalk nicht mal in meiner Muttersprache kann.

In dieser Situation habe ich also zugesagt in die Schule zu kommen um etwas über Fische zu erzählen. Das verdient doch ein Ehrenabzeichen am Bande, oder nicht?

Mir war von Anfang an klar, dass es nur funktionieren würde, wenn ich mir vorher den gesamten zu erzählenden Text ausarbeiten würde. Eigentlich nichts Ungewöhnliches. Wenn ich einen Vortrag vorbereite, schreibe ich mir immer Text zu jeder Folie, damit ich den roten Faden nicht aus den Augen verliere. Mir war jedoch nicht klar, wie lange das auf Finnisch dauern würde. Vier Tage werkelte ich daran. Ich kannte dann doch etliche Vokabeln nicht. Ich wusste nicht wie man das alles ausdrückt, welchen Fall wohl ‚fortpflanzen‘ verlangt. Und diese ganze steinalten Wörter – Fluss, Meer, Lachs, Steine – die sich allesamt so komisch beugen. Schon mal versucht ’schlüpfen‘ auf Finnisch auszusprechen? KUORIUTUA? Das Ganze am Ende auch noch auswendig zu lernen gab ich am Abend vorher auf. Schier unmöglich. Dann eben mit Zettel in der Hand.

Und so kam Dienstag 10 Uhr und ich stand vor der dritten Klasse. Und mir ging – Pardon – der Arsch auf Grundeis. Was, wenn mich keiner versteht? Oft genug gucken mich Paulines Freundinnen ungläubig mit grossen Augen an, wenn ich wiedermal kompletten Unsinn von mir gegeben habe. Was, wenn keiner mitmacht? Was, wenn es totsterbenslangweilig ist? Was, wenn ich meiner Tochter die peinlichste Schulstunde ihres Lebens bescheren würde?

Dreiundzwanzig Acht- und Neunjährige standen auf und wünschten mir höflich einen guten Morgen. Ich begann mit einer Frage. Ob sie eigentlich wüssten, was ein Forscher so den ganzen Tag über macht. Dreiundzwanzig Hände schnellten nach oben. Ich atmete auf. Sie verstanden mich. Während ich sprach, sassen sie mucksmäuschenstill an ihren Pulten und hörten aufmerksam zu. Wenn ich was fragte, beteiligten sie sich rege und konnten einfach alles beantworten. Dazu standen sie jedes Mal umständlich auf und stellten sich neben ihr Pult. Ich hörte eine astreine Definition von Parasiten. Von einem Drittklässler! Ich erklärte wie man Forschung eigentlich macht, ich erzählte vom aussergewöhnlichen Leben der Lachse und ich erzählte was das alles mit meiner Arbeit zu tun hat. Am Ende holte ich ein paar Fische und meine Arbeitswerkzeuge aus der Tasche und zeigte wie das alles in Echt geht. Als ich fertig war und die Lehrerin sagte, dass sie nun gehen könnten, fragten sie ob sie erst noch die Fische fertig sezieren dürften. Ich weiss nicht wessen Augen mehr geleuchtet haben, meine oder ihre. (Etwas irritiert war ich, zugegeben, über das Mädchen, dass zunächst immer wieder mit der Pinzette in die Fischaugen stach und anschliessend den Fisch in winzig kleine Schnipsel zerschnitt. Aber gut.)

Dann bedankte sich Paulines Lehrerin überschwänglich, meinte es wäre sogar für sie total spannend gewesen und lud mich zum Schulessen ein. Der Zufall wollte es, dass mir Pauline noch vor der Stunde empört erzählt hatte, dass es Leberauflauf geben würde. Nun ist es so, dass ich mir wirklich nichts ekelhafteres vorstellen kann als Leberauflauf. Obgleich man noch dankbar sein muss, dass die Schulvariante ohne Rosinen ist. Uaaaaaaah! Ich murmelte also was von viel zu tun, die Forschung, sie wissen ja, lief nach Hause und sank erschöpft auf’s Sofa.

Dort verharrte ich mehrere Minuten tief ein- und ausatmend und wollte mir gerade das imaginäre Ehrenabzeichen anstecken, als mir aufging, dass es eigentlich den Lehrern gebührt. Und zwar in jeglicher Hinsicht.

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Koli

Der Iso ist ja das Familienmitglied, das sich immer einen Wochenendausflug zum Geburtstag wünscht. Im Grunde genommen ist das dann immer ein Geschenk für uns alle. Trotzdem hatte ich vorletzten Freitag, als es draussen ziemlich grau und ziemlich nass war erstmal keine Lust loszufahren. Das Wochenende eingerollt unter meiner Bettdecke zu verbringen kam mir irgendwie verlockender vor als im Wald. Aber natürlich fuhren wir pünktlich 14 Uhr zum Schulschluss los und tatsächlich hörte es nach einer Stunde Fahrt zu regnen auf und kurz vorm Koli Nationalpark kam die Sonne raus.

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Wir nahmen den Schrägaufzug auf den nur 347 m und trotzdem hohen Koli Berg, hatten aber nur ganz kurz Zeit einen Blick auf DIE finnische Nationallandschaft zu werfen, sondern nahmen unseren Schlüssel, fuhren wieder hinab, eine halbe Stunde auf staubigen Strassen am Ufer des Pielinen See entlang – eine Stelle war schöner als die Andere, aber wir hatten gar keine Zeit zu gucken, denn gleich würde die Sonne untergehen und wir waren ja immer noch lange nicht da. Das Auto endlich abgestellt, die Kraxen  geschultert und als allererstes mussten wir durch eine Pferdekoppel stapfen (auf dem liebevoll handgeschriebenen Erklärzettel hiess es Schafsweide). Mitten im Wald!?! Nach weiteren 1,5 km waren wir dann da, an einer sogenannten Wildnishütte für Wanderer, die für dieses Wochenende uns gehören würde.

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Kein Strom, kein fliessend Wasser, aber wie man sieht eine Sonnenpanele und deshalb (wir sind schliesslich in Finnland) auch ein, nein zwei, USB Steckdosen zum Handyaufladen. Und Ausblick.

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Wir schafften es gerade noch so im Hellen die Betten Schlafsäcke zu richten und dann blieb uns nur noch mit der geballten Kraft von Kerzen und Taschenlampen etwa zu malen oder am Gasherd Tütensuppen zu kochen. So schön und kuschelig!

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Jedoch, wer am Abend Tütensuppen schlabbert und ausserdem viel Tee trinkt, der hat des Nachts seine Freude zunächst in der Finsternis nach der Stirnlampe zu tasten, die steile Leiter vom Schlaflager abzusteigen, Schuhe anzuziehen um dann durch den dunklen Wald zum Plumpsklo zu stapfen und zurück. Zwei Mal!

Am Morgen regnete es nicht, wie angesagt, sondern war warm und sonnig, sowie ein bisschen morgennebelig.

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Selten haben wir so schön Zähne geputzt.

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Danach machten wir, was man eben in der Wanderhütte macht: Stiefel schnüren und los. Nicht so weit wie geplant, denn (anders können wir Urlaub ja nicht) ein Familienmitglied war krank, aber einige Kilometer kamen schon zusammen. Mit Würstchenpause am Feuer.

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Der Wald war voller Pilze. (Und voller Elchfliegen…)

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Ein paar Ameisen sahen wir auch.

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Und Aussicht, schon wieder. (Es war weder kalt, noch hat es geregnet. Aber wie gesagt, Elchfliegen…)

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Zurück in der Hütte heizten wir die wunderbare Sauna an (aaaah!) und spielten Karten. Und dann ging schon wieder die Sonne unter.

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Am Sonntagmorgen schliefen wir versehentlich etwas zu lang und so blieb nur noch Zeit zu Frühstücken, packen und für die Nächsten Gäste Holz zu hacken und Wasser zu holen. Dafür konnten wir zurück auf dem Koli in aller Seelenruhe gucken.

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Pauline ist ja nicht so der Wander- und Naturfreund und fand das Wochenende eher nicht so. Behauptet sie jedenfalls.

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Ich war allerdings sehr sehr froh es nicht unter der Bettdecke verbracht zu haben. Das war toll!

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Immer noch Sommer

Letzten Freitag war schon wieder der allerletzte Sommertag und ich beschloss ihn so zu verbringen, wie alles im Mai begonnen hatte: im Terrassenbüro.

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Stilecht mit Fischen auf der Tischdecke. Natürlich.

Im Vergleich zum Mai waren Vögel weder zu sehen noch zu hören, aber einige Schmetterlinge flatterten vorbei. Dann setzte sich eine Libelle auf mein Bein und eine Hummel graste die letzten Kleeblüten ab. Im Juni war die ganze Wiese voll davon ich habe einmal (hochgerechnet) 140 Bienen und Hummeln gezählt.

Am Abend fuhren wir noch mit den Fahrrädern zum Stadtteil-Apfelbaumgarten, in dem im Herbst jeder pflücken darf so viel er möchte. Jahr für Jahr verpassen wir den richtigen Zeitpunkt, aber eine Handvoll haben wir noch gefunden.

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Und dieser Baum hier wollte freundlich für Nachschub sorgen:

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Am Samstag bettelte Pauline, wie auch schon an allen 8 Tagen zuvor, mit Hundeblick nach einem Schwimmbadbesuch. Ich antwortete, wie an allen 8 Tagen zuvor: Aber doch nicht bei dem schönen Wetter! Es folgte ein finsterer Blick nach draussen und: Aber es ist doch IMMER schönes Wetter. Da ist was dran. Dieser nicht enden wollende Sommer war und ist so grossartig. Vielleicht kann man tatsächlich mal ein paar Stunden im Schwimmbad vergeuden.

Heute dann haben wir schon zum zehnten allerletzten Mal auf der Terrasse Abendbrot gegessen.

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Und wozu soll das gut sein?

Meine Eltern verbringen, wie gesagt, Jahr für Jahr Zeit mit mir auf oder bei finnischen Forschungsstationen. Und natürlich interessiert es sie was ich da eigentlich tue. Wenn ich dann ansetze und Hände wedelnd merkwürdige Dinge erzähle (“und dann gucke ich mit wie vielen Männchen sich so ein Mäuseweibchen an einem Tag verpaart” / “in diesem Sommer haben wir 50390 Schmetterlingseier gezählt” / “heute werde ich die Persönlichkeit von Meerforellen bestimmen”), dann kommt sie immer unweigerlich, die Frage: Und wozu soll das gut sein?

Jahrelang habe ich mich bei dieser Frage etwas unbehaglich gewunden. Dabei ist es natürlich eine mehr als berechtigte Frage von jemandem,  der meine Arbeit unterstützt indem er so lange auf mein Kind aufpasst und meine Arbeit finanziert indem er Steuern zahlt. Aber was ich da meistens gemacht habe war: Grundlagenforschung. Und bei Grundlagenforschung sieht man nicht immer direkt einen tieferen Sinn oder Nutzen. Ich vergleiche das gern mit einem Puzzle, für das ich versuche ein Teil zu malen. Wenn alle Grundlagenforscher ihre Teile zusammenlegen, dann ergibt sich irgendwann ein Bild, das grosse Ganze.

Beim Fischprojekt ist es etwas einfacher. Da geht es allgemein um die Gesundheit von Aquakulturen. Seit kurzer Zeit auch speziell um Naturschutz. Mit den Armen muss ich trotzdem wedeln, weil ich so selten auf Deutsch über meine Arbeit spreche. Da fehlen mir tatsächlich die Vokabeln. Aber ich kann es ja jetzt mal, mithilfe des Wörterbuches, in Ruhe aufschreiben.

Weltweit sind unsere Lachsfischbestände (also Lachse, Forellen usw.) stark gefährdet. Grund dafür sind natürlich wir selbst. Überfischung, Veränderung von Flussläufen und Strukturen… In Finnland und eigentlich ganz Skandinavien sind das Hauptproblem die Wasserkraftwerke. Um 1900 entstanden die Ersten und kurz nach dem zweiten Weltkrieg gab es einen Boom, als die Wirtschaft angekurbelt werden musste und überall Strom gebraucht wurde. Damals wurden 90% aller Energie in Finnland durch Wasserkraft gewonnen. Nun ist Hydroenergie ja eigentlich eine feine Sache. Erneuerbar und nachhaltig. Aber wie alle erneuerbaren Energien ist es eben leider auch ein zweischneidiges Schwert. Und gar nicht mal so nachhaltig wie man denkt.

Wasserkraftwerke verändern die Fliessgeschwindigkeit und Wassermengen der Flüsse, die Wassertemperatur und deshalb beispielsweise auch die Eisbildung im Winter. Das alles hat Auswirkungen auf die Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen die in den Flüssen leben, das ökogolische Gleichgewicht kommt durcheinander. Für die Lachsfische aber sind die Dämme das grösste Problem. Der atlantische Lachs und die Meerforellen sind sogenannte Wanderfische, die die ersten 1-2 Jahre ihres Lebens in Süssgewässern verbringen, dann ins Meer ziehen um sich dick und rund zu fressen um schliesslich zur Fortpflanzung zurück in den Fluss zu ziehen. Das gestaltet sich ungeheuer schwierig, wenn 2-3 Wasserkraftwerke auf dem Weg liegen. Das Ergebnis: es findet kaum mehr Fortpflanzung statt. Momentan gibt es noch 4 sich selbst erhaltende Lachspopulationen und 5 Seeforellenpopulationen in Finnland, letztere sind jedoch stark gefährdet. Noch trauriger sieht es für die sogenannten ‘landlocked’ Lachspopulationen aus. Die sind seit der letzten Eiszeit in Süsswasser eingeschlossen und deshalb genetisch einzigartig. In Finnland gibt es zwei Populationen. Statt ins Meer ziehen sie in Seen, aber auch hier gibt es reichlich Wasserkraftwerke unterwegs. Status: Eine Population war bereits ausgestorben und wurde wieder aufgestockt, beide sind stark gefährdet. Im Grunde genommen können fast alle Lachsfischpopulationen nur durch regelmässigen Fischbesatz am Leben erhalten werden. Heisst: Jungfische werden in Aquakulturen gezüchtet und dann in den Flüssen ausgesetzt. Wie man sich vielleicht denken kann, ergeht es diesem künstlich befruchteten und in künstlichen Wasserbecken aufwachsenden Fischbeisatz aber nicht besonders gut, wenn sie umziehen. Sie haben nicht von klein auf gelernt Futter zu suchen oder sich vor Feinden zu verstecken. Sie müssen enorm gestresst sein von der plötzlichen Vielfalt ihrer Umwelt und überfordert mit den ganzen unterschiedlichen Strömungen und Wasserhöhen. Kein Wunder, dass nur ein Bruchteil überlebt.

Es gibt verschiedene Ansätze das zu verbessern. Die Fischforschungsstation im Norden versucht es mit bereicherten Aufzuchtsbedingungen (‚enriched rearing‘). Das kennt man von Laufrädern in Mäusekäfigen. Bei uns bekommen die Wasserbecken Strukturen wie Steine und Unterschlüpfe, und die Wassermenge variiert ebenso wie die Strömungsrichtung nach einem Zufallsprinzip. Das ganze ist relativ simpel und auch leicht umzusetzen, sodass man es tatsächlich im grossen Massstab (lies: Fischfarm) anwenden könnte. Eine Menge Wissenschaftler mit unterschiedlichen Spezialgebieten gucken nun gemeinsam ob das irgendetwas bringt. Und hier kommen wir ins Spiel. Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, ob diese Aufzuchtsbedingungen die Fische resistenter gegenüber verschiedener Krankheiten machen.

Dazu ist das alles gut. (Und soviel kann ich übrigens schonmal verraten. Die verbesserten Aufzuchtsbedingungen haben teilweise einen enormen positiven Effekt.)

Man kann nun natürlich noch nachhaken wozu all der Aufwand um ein paar Fischarten zu schützen. Also, da hätten wir zum einen die Biodiversität, die wir ganz einfach für gesunde und stabile Ökosysteme (deren Teil wir ja auch sind) brauchen. Deshalb ist jede einzelne Art schützenswert. Fischfang hat eine lange Tradition in Finnland und nicht nur einen grossen ökonomischen Wert, sondern auch einen Historischen. Da steckt ein ganzes Stück Kulturerbe drin. Und nicht zuletzt geht es hier vielleicht gar nicht nur um Naturschutz. Oben schrieb ich, dass diese Aufzuchtsmethode auch ziemlich leicht in Fischfarmen umzusetzen sind. Tatsächlich finden all unsere Experimente in einer ehemaligen Fischfarm statt. In Zeiten, in denen die Fischpopulationen weltweit völlig überfischt sind und wir mehr und mehr von Fischfarmen abhängig sind, wenn wir Fisch essen wollen, hilft es vielleicht auch generell der Fischaufzucht. Fischfarmen haben nämlich teilweise enorme Probleme mit allerlei Krankheitserregern. Gesündere Aquakulturen, weniger Anitbiotika. Unter anderem.

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Letzte Sommertage

Die muss man, genau wie die ersten im Mai, ganz besonders geniessen. Und eher Feierabend machen. Auch wenn sich die Sonne dann beim Sachen zusammenpacken plötzlich hinter den Wolken verkriecht. Und es so stürmt, dass man nur ein winziges Feuerchen machen kann. Und zwei Drittklässlerinnen von der ersten richtigen Schulwoche etwas müde sind. Aber es war warm. Besonders in der Sauna. Und die Würstchen lecker. Und Wolken haben schon auch was.

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Drittklässlerin

Letzten Donnerstag waren in Mittelfinnland die Ferien zu Ende. Wir begannen den Morgen mit Fieber messen. Da war Pauline am Abend zuvor wohl nicht einfach nur erschöpft von fünf aufregenden Tagen mit der liebsten Freundin, sondern auf dem besten Wege zur ersten Erkältung der Saison. Oder zählt das noch als Sommergrippe? Jedenfalls krank. Allerdings erklärte sie mir noch während der Messung, dass sie so oder so in die Schule gehen würde. Klar, wer wollte schon den ersten Schultag nach den Sommerferien verpassen? Die Temperatur war dann gerade noch so im grünen Bereich und gegen Hals- und Kopfschmerzen kann man was tun. Also stieg sie kurz vor 9 auf’s Fahrrad und rollte vorfreudig davon.

Mir hat mal jemand erzählt, dass hier in der 3. Klasse sozusagen der Ernst des Lebens beginnt. Die ersten zwei Schuljahre wären nur Vorgeplänkel, aber dann würde es zur Sache gehen. Mit neuen Fächern, mehr Verantwortung und deutlich mehr Hausaufgaben. Hm, die einzigen neuen Fächer sind Informatik und Werken und Hausaufgaben hatten sie noch gar nicht auf. Aber schauen wir mal. Neu ist jedenfalls, dass sie nicht mehr wie bisher alle Fächer bei der gleichen Lehrerin haben, sondern insgesamt bei 8 verschiedenen Lehrern. Neu ist auch die Klassenlehrerin über die sich Pauline jetzt nicht sooo gefreut hat. Aber auch hier gilt: schauen wir mal.

Auf den zweiten Schultag freute sich Pauline mindestens so sehr wie den ersten. Sie geht ja auf eine kleine Zweigstelle einer grösseren Schule. Das gibt es hier häufig, meist angeschlossen an einen Kindergarten, unter anderem, damit die jüngsten Schulkinder einen kürzeren Schulweg haben. Im letzten Schuljahr an der Zweigstelle müssen die Kinder aber dann für einen Tag pro Woche in die grosse Schule gehen. Zum einen, nehme ich an, um sich daran zu gewöhnen, zum anderen weil die kleinen Zweigstellen nicht genügend Räumlichkeiten für Werken und Handarbeit haben und auch nur eine kleine Turnhalle. Dieser Tag ist für Pauline also der Freitag und sie freute sich so sehr darauf, weil in der grossen Schule all ihre Kindergarten- und Vorschulfreunde sind. Und die kann man dann in der Pause treffen. Deshalb schaute sie sehr verärgert, als ich schon wieder mit dem Fieberthermometer um die Ecke kam und erklärte mir erneut krächzend und mit verstopfter Nase sie würde so oder so gehen. Also dann.

Freitag, so erklärte sie mir am Abend, wird der neue Lieblingstag. So aufregend in der grossen Schule, so toll die alten Freunde zu sehen und dann nur Spassfächer: Kunst, Handarbeit, Werken, Sport und noch mal Sport. Und Mama, wir lernen dort mit Nähmaschinen zu nähen! Klingt wirklich wie Ernst des Lebens, oder?

Als ich Pauline fragte was eigentlich das Beste an den Sommerferien war, sagte sie: ALLES. Das waren einfach die besten Ferien aller Zeiten. Und nach kurzer Überlegung: Naja, das Allerallerallerbeste war der Besuch im Hansapark (tatsächlich lässt sie seither täglich mindestens einmal die Achterbahnen Revue passieren) und der Besuch vom Fräulein Maus. Das war wirklich ein krönender Ferienabschluss. Das doppelte Lottchen hat im Vorfeld (getreu der Geschichte) alles ganz genau geplant und die Pläne in Schönschrift aufgeschrieben. Und dann glücklich alles genau so umgesetzt. Selten habe ich vier Mädchenaugen so viel leuchten sehen wie während dieser fünf Tage.

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Im Mökki

Die letzten zwei Wochen Fischsommer waren zwar nicht weniger arbeitsreich als die Wochen davor, haben sich aber trotzdem ein klitzekleines Bisschen wie Urlaub angefühlt. Ich wohnte nämlich nicht in der Fischforschungsstation, sondern machte jeden Abend erst die Fischhallentür und dann die Schranke hinter mir zu, fuhr 14 km auf unbefestigten Strassen, zog dabei eine grosse Staubwolke hinter mir her und sah Schneehasen, Eichhörnchen, Igel oder Kraniche, öffnete erneut eine Schranke (Kainuu muss ein schlimmes Pflaster sein) und war dann am angemieteten Mökki. Einem finnischen Ferienhaus, natürlich eine Blockhaushütte, rot-weiss angestrichen, direkt am See. Und in der Hütte freuten sich drei Personen Tag für Tag sehr mich zu sehen. Meistens sassen sie gerade um den Küchentisch und spielten Skip-Bo, meistens zockte Pauline ihre Grosseltern gnadenlos ab. Ich plumpste ebenfalls auf einen Küchenstuhl, jammerte ein bisschen über den anstrengenden Tag, bekam ein leckeres Abendbrot gereicht und wollte dann am liebsten nur noch schlafen. Aber da war ja Pauline, sehr wach und ausgeruht, und fragte wahlweise: Mama, gehst gleich noch mit mir schwimmen / heizt du noch die Sauna an / fahren wir noch mit dem Ruderboot raus / spielst du noch Skip-Bo mit uns? Machen wir, hörte ich mich immer antworten. Und immer war es so schön. So erholsam, weil es nämlich nichts mit Fischen zu tun hatte.

Wir haben schon ziemlich lange kein Mökki mehr im Sommer angemietet und ich hatte schon wieder ganz vergessen wie traumhaft es ist von der Strandsauna direkt in den See zu fallen und in die nachtlose Nacht rauszuschwimmen. Das Wasser so weich und erfrischend, der Himmel leuchtet in allen Rottönen. Bestenfalls scheint noch der Mond.

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Man legt sich auf den Rücken, starrt in den Himmel und lässt sich treiben. Jedenfalls bis das endlos schnatternde Kind neben einem sagt: Mama, das sieht irgendwie verstörend aus. Wir einigten uns dann darauf es nicht mehr „Toter Mann“ zu nennen, sondern meritähti, also Seestern, wie die Finnen.

Manchmal hatte ich auch Arbeit zu tun, für die ich nicht vor Ort sein musste. Da habe ich es mir so urlaubig wie möglich gemacht.

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Wetter hatten wir ja vom Feinsten. Abgesehen vom Gewitter-Wochenende. Am Samstag machte ich noch weiter wie immer und verlor dann durch die hier zu Gewitter unbedingt dazugehörenden Stromausfälle die Hälfte meiner Daten. Am Sonntag war ich schlauer und nahm mir einfach den Tag frei (Ha! Zweiter freier Tag in 5 Wochen!). Wir fuhren auf eine der grösstes Seeinseln Finlands, Manamansalo im Oulujärvi, auf der es natürliche Sandstrände gibt und wo man sich wie am Meer fühlt.

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Dort fanden wir einen Strand mit sehr lustigem Spielplatz.

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Begehbarer Mann.

Und dann, damit es sich nicht zu sehr wie Urlaub anfühlt, gingen wir noch die Fische füttern.

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Und als dann endlich die Experimente zu Ende waren und wir immer noch zwei Tage Zeit im Mökki hatten, da schlug ich Pauline allen ernstes vor ein paar Rotaugen, stete Gäste an unserem Mökki-Strand, zu Forschungszwecken zu fangen.

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Die waren zu ihrem Glück aber viel zu schnell und nicht mal ich mit der geübten Hand erwischte eine. Pauline zuckte mit den Schultern und sammelte stattdessen eben wieder Schnecken, die sie dieses Mal Harry, Madame Hooch und Kreacher nannte und die für einen Nachmittag auf der Saunaterrasse im Eimer wohnten.

Am letzten Abend schliesslich konnten wir die Mondfinsternis beobachten. Wir waren so weit nördlich, dass der Mond überhaupt erst um Mitternacht aufging. Und es war so hell, dass es einige Zeit brauchte, bis wir ihn überhaupt am Himmel entdecken konnten. Kein Blutmond, sondern ein Blassmond. Ungefähr so wie an einem sonnigen Tag. Um so beeindruckender war es dann aber als sich der Schatten Stück für Stück verschob und den Mond wieder freigab.

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Begeistert standen wir am Ufer und währenddessen frassen uns begeistert die Mücken auf.

Für die Rückfahrt nach Mittelfinnland suchte ich eine besondere Strecke aus. Eine, auf der wir dem Hobby der Mäusefamilie frönen konnten: Autofähre fahren. Das geht nämlich nicht nur am Meer.

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An dieser Stelle gleich noch ein rührseliges Dankeschön: nämlich an meine Eltern, die Jahr für Jahr die lange und nicht gerade preiswerte Reise nach Finnland auf sich nehmen, mehrere Wochen auf oder bei einer finnischen Forschungsstation verbringen, dort auf Pauline aufpassen und sich um alles kümmern, inklusive meiner Beköstigung, und nicht einmal klagen, weil sie mich kaum zu Gesicht bekommen.

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Oopera

Jedes Jahr im Sommer verwandelt sich das sonst eher verschlafene Städtchen Savonlinna, in dem jeder jeden kennt, in eine quirlige Stadt mit vielen internationalen Gästen und ungezählten Veranstaltungen. Freilichtrestaurants schiessen aus den Böden, die tollsten Geschäfte öffnen ihre Tore, es herrscht geschäftiges Treiben. Seit ich von den Opernfestspielen in Savonlinna gehört habe, es muss etwa 15 Jahre her sein, wollte ich gern mal dort hin. Opernmusik ist für mich so ziemlich die schönste Musik die ich mir vorstellen kann. Jedenfalls live. Und eine Oper im Burghof einer mittelalterlichen Burg, das stellte ich mir grossartig vor. Wie es mit solchen Musikfestspielen aber ist, ist das eine recht elitäre Veranstaltung mit saftigen Eintrittspreisen. Und so musste ich einen runden Geburtstag abwarten um mir frech eine Karte wünschen zu können.

Eigentlich bekam ich zwei ganze Tage in Savonlinna geschenkt und das war eins der besten Geschenke überhaupt. Der Iso hatte sich gedacht: wenn schon elitär, dann richtig, und so wohnten wir fürstlich.

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Ausblick vom Bett. Ging grad so.

Wir kamen Nachmittags in Savonlinna an und machten uns gleich, immer am See entlang, auf in Richtung Burg. Der Iso hatte auch in einem der besagten Restaurants einen Tisch reserviert. Es waren 30 Grad und die Atmosphäre fast mediterran. Es war perfekt. Nach dem Essen brachten wir Pauline zurück ins Hotel. Sie ist dann jetzt gross genug 5 Stunden allein in einem Hotelzimmer zu verbringen. Jedenfalls mit Malzeug, einem Film und einer Tüte Chips ausgestattet. Beim nächsten Mal sollten wir vielleicht noch bedenken, dass so ein durchklimatisierter Raum in kurzer Hose und T-Shirt zwar im ersten Moment recht angenehm ist, auf Dauer aber echt kalt. Und die Klimaanlage etwas hochstellen. Oder zumindest dem Kinde erklären wie das geht, denn sie hat sich gedacht: es soll weniger kalt werden, also drücke ich auf Minus. Als das nichts brachte, durchwühlte sie den Koffer und als sie keine Socken fand, wickelte sie sich eben meine, für alle Fälle mitgebrachte, Strickjacke um die Füsse. Und so ging’s dann.

Vorfreudig aufgeregt liefen wir zurück zur Burg und reihten uns ein in die Menge bunter und ausgelassener Leute (die alle deutlich älter als wir waren).

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Am Eingang verteilte eine freundliche Dame ein Faltblatt mit Informationen. Nachdem der Iso eines gegriffen hatte, schlug ich ein Zweites aus, aber die Dame sagte: Nimm mal, damit kann man sich gut Luft zufächern. Kurz darauf war ich wirklich dankbar für mein Faltblatt. Obwohl ich mich damit als Erstling outete, alle Frauen um mich herum hatten natürlich richtige Fächer dabei! Übrigens, das Opernfestival mag etwas elitär sein, aber gleichzeitig findet es eben immer noch im pragmatischen Finnland statt. Und da bekommt man schon lange vorher eine Info-Email, in der es auch den Punkt Kleiderordnung gibt. Das gibt es hier eigentlich zu ziemlich jeder Veranstaltung und ich finde das grossartig. Was da stand war: Es gibt keine Kleiderordnung. Man solle bedenken, dass finnische Sommernächte in der Regel kalt sind und sich warm anziehen und man solle bedenken, dass es in einer mittelalterlichen Burg mit unebenen Böden stattfindet und sich deshalb bequeme Schuhe anziehen. Gibt es etwas sympathischeres? Zwei Tage vorher dann gab es eine weitere Email in der stand, dass es aufgrund der anhaltenden Hitzewelle sehr warm im überdachten Burghof ist und man sich bitte luftig kleiden und unbedingt eine Flasche Wasser mitbringen soll. Der Iso ging also in kurzer Hose und er war nicht der Einzige, beide hatten wir besagte Wasserflasche in der Hand.

Und dann ging es los. Tosca. Aufgeführt von Gastkünstlern aus Italien, vom Festival Puccini. Boah. Was soll ich sagen! Opern klingen auf italienisch richtig schön. Und den Sängern nimmt man ihre Geschichte ab, die sind mit Leib und Seele in ihrer Rolle und so habe ich das noch nie erlebt. Es dauerte gar nicht lange bis ich mit Gänsehaut auf meinem unglaublich unbequemen Stuhl sass und die Tränen rannen. So schön! Und dann noch die Kulisse, die Atmosphäre. Ein paar Tauben flatterten herum…

Nach dem ersten Akt war Pause und der Iso führte mich an einen für uns reservierten Tisch, auf dem kühles Wasser, Gebäck und frische Erdbeeren parat standen. So königlich habe ich mich selten gefühlt. In der zweiten Pause war dann Zeit in der Burg herum zu spazieren. Sagte ich schon, dass die Atmosphäre grossartig war?

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Im dritten Akt war dann ein bisschen der Wurm drin, aber ach, die Musik hat alles wieder wett gemacht. Merkwürdig fand ich, dass der Dirigent nachdem Cavaradossi für sein E lucevan le stelle wohlverdient tosenden Applaus bekam, selbigen aufforderte die Arie noch einmal zu singen. Ich meine, einen Film hält man doch auch nicht an, spult zurück und guckt sich eine besonders schöne Stelle noch einmal an. Das macht doch die ganze Geschichte kaputt, oder? Aber wer weiss, dachte ich dann, vielleicht will er die schief gelaufenen Dinge wieder gut machen. Meine Freundin berichtete mir aber später, dass es in Turandot am Tag zuvor auch so war und sie dann in der Zeitung gelesen hätte, dass das in Italien Gang und Gäbe sei. Nun, wenn das so ist. Und dann war es leider schon zu Ende.

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Als wir nach 22 Uhr aus der Burg spazierten war es immer noch so warm wie in Italien. Und ich wäre am liebsten zurück ins Hotel getanzt.

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Übrigens hatte ich gedacht, dass das so ein einmal-im-Leben-Ding ist, genau wie damals vor der Heissluftballonfahrt. Aber schon hatte ich das Programmheft für nächstes Jahr in der Hand. Hmmm, Fledermaus vielleicht :)

Am nächsten Morgen trafen wir besagte Freundin, die seit einigen Jahren in Savonlinna wohnt und sich mit Saimaa Ringelrobben befasst. Als Pauline vorher wissen wollte wen wir da treffen, erzählte ich, dass ich diese Freundin vor genau 18 Jahren getroffen habe. 18! Als ich zum ersten Mal in Finnland war und wir gemeinsam in der Lieblingsforschungsstation unsere Diplomarbeit machten. Nachdem wir die wichtigsten Neuigkeiten ausgetauscht hatten, fragten wir sie nach einem Strandtipp. Geht doch nach Sulosaari, sprach sie. Dort kann man seinen eigenen Badefelsen finden. Und übrigens gibt es dort auch ein Pfannkuchencafe. Und so machten wir es.

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Fussgängerbrücke zur Insel.

Dieser Nachmittag war der krönende Abschluss unserer kleinen feinen Reise. Ich habe selten so gute Pfannkuchen gegessen und noch nie einem so allerliebsten Cafe auf einer allerliebsten Insel.

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Und noch nie bin ich von Felsen aus schwimmen gegangen. Oi.

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Hier auf diesen Felsen, da sprudelte ich über vor Glück. Danke, für das schöne Geschenk!

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Uffz

Ich gucke immer noch ganz ungläubig und weiss gar nicht wie mir geschieht. Es ist noch nicht mal August, die Schule hat noch nicht mal angefangen und mein Chef hat den Fischsommer offiziell als beendet erklärt. Und ich kann jetzt Urlaub machen. URLAUB! Im Sommer!!! Und dann ist auch noch richtiger Sommer, also wettertechnisch. Ich gucke aber nicht nur ungläubig, sondern vor allem unfassbar müde. Die letzten fünf Wochen waren sehr sehr anstrengend und auch wenn der Fischsommer für gewöhnlich länger dauert, weiss ich nicht wie ich noch es noch länger hätte durchhalten können. Also, ich lege jetzt mal die Füsse hoch.

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Einblicke in die letzten zwei Tage

Oder: warum ich im Sommer für gewöhnlich nicht blogge.

Um 1 Uhr nachts sind wir endlich fertig mit arbeiten und ich falle augenblicklich in einen komatösen Schlaf. Sechs Stunden später brüllt mich der Wecker wieder wach. Ich steige in die Gummistiefel und marschiere frohen Mutes in die Fischhalle um eine neue Runde Tests anzufangen. Es geht um die Persönlichkeit von Fischen. Was es nicht alles gibt. Als ich gerade den Kescher zur Hand nehme, fällt mir plötzlich ein Detail ein, dass ich gestern bei der Vorbereitung der Tests vor lauter Müdigkeit vergessen habe. Grossartig. Ich renne also die nächsten 2 Stunden wie ein aufgescheuchtes Huhn umher um das Detail zu erledigen und fluche dabei wie ein Bierkutscher. In drei Sprachen. Zwischendurch springt mir ein Frosch über den Weg. Wie auch immer der hier rein gekommen ist. Weil es in der Fischhalle nicht unbedingt schön für einen Frosch ist, bringe ich ihn schnell raus an den Fluss. Soviel Zeit muss sein.

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Dann greife ich wieder zum Kescher, aber genau jetzt möchte der Techniker die Antennen reparieren, die ich für die Tests nächste Woche brauche. Techniker muss man nehmen wenn sie Zeit haben, also reparieren wir. Mit drei Stunden Verspätung, ich bin bereits 10000 Schritte gelaufen, fange ich schliesslich an. Und renne und teste und renne und teste. Hundert Fische. Zwischendurch erreicht mich eine Nachricht von Pauline: „Sind in Finnland.“. Ich erwäge einen kurzen Moment lang zu kündigen und nach Hause zu fahren, denn ich platze vor Sehnsucht. Aber dann schwinge ich doch wieder den Kescher. Später kommt der Chef vorbei und fragt wie lange ich noch brauche. Ich tippe auf 21 Uhr. Na, meint er, dann kannst du ja gut die Schicht um 4 Uhr morgens vom anderen Experiment übernehmen. Aber klar doch, gerne. Oder so. Um neun bin ich wie erwartet fertig, schleppe mich ins „Appartment“ und fange an die heute aufgenommenen Videos aufzuarbeiten. Nebenbei esse ich unfassbar leckere Erdbeeren, das motiviert enorm. Kurz nach 22 Uhr falle ich ins Bett und schlafe augenblicklich ein. Bis 3.50 Uhr wieder der Wecker brüllt. Gemeinsam mit der niederländischen Master Studentin wanke ich die 200 Meter zum Ort des Geschehens und nein, es ist nicht wenig los wie erwartet, sondern viel. Nach einer Stunde sind wir fertig, die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Wir legen uns wieder hin. Sie beginnt augenblicklich zu schnorcheln, ich wälze mich 1,5 Stunden hin und her. Gerade als ich halt wieder aufstehen will, schlafe ich doch ein. Gut, dass gleich der Wecker klingelt, denn zur Schicht um acht sollen heute alle kommen. Es ist die Letzte. Kurze Besprechung, dann verabschieden wir die Bakteriencrew, die die 400 km nach Hause fährt um im Labor das nächste Experiment vorzubereiten. Es beginnt in drei Tagen. Hier gibt es auch so einiges vorzubereiten. Und so geht es munter weiter. Die nächsten 10 Stunden verbringe ich im halbstündigen Rhytmus in 15 Grad und Finsternis (Fischhalle) und 25 Grad und strahlender Sonne (unsere Quarantänebecken draussen). Dann sind weitere 100 Fische getestet und 1200 Fische vermessen. Bei der Videoaufbereitung gibt es dieses Mal gekochte Eier, auch ein Soulfood von mir (ich winke in den Süden zur liebsten Freundin). Danach noch Schokolade, die hat mir eine andere liebe Freundin als Kraftfutter mitgegeben. Und nun ist Bettzeit, also entschuldigt mich.

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Lebenszeichen

Gerade habe ich etwas auf dem Blog nachgeschlagen. Und mich dann festgelesen. Und schliesslich gedacht, dass die seit Monaten anhaltende Blogunlust jetzt ein Ende haben muss. Denn diese (obgleich sporadischen) Erzählungen aus unserem Leben sind gold wert. Also für mich. Und uns als Familie. Das muss fortgesetzt werden.

Der Mai ging so grossartig weiter wie auf den letzten Bildern. Er war sogar noch schöner als dieser hier. Am Ende haben wir den Regen richtiggehend herbeigehofft, weil sich die gerade geschlüpften Birkenblätter schon wieder gelb färbten. Wir waren so viel wie möglich draussen und haben jeden Sonnenstrahl mitgenommen. Und verbrachten ein vergnügliches Wochenende in Turku.

Im Juni begannen die Sommerferien. Schon wieder ein Schuljahr um. Und pünktlich wurde es kalt und nass. Der Ferienhort wechselte im letzten Moment seinen Ort und weil der ziemlich ungünstig lag beschloss Pauline dann eben allein zu Hause zu bleiben. So als angehende Drittklässlerin. Sie schlief jeden Tag bis um 11 und giggelte für den Rest des Tages mit Freundinnen. Und ernährte sich von Eis. So muss das sein.

An Mittsommer machte sich die Familie auf nach Deutschland und für mich ging der bereits angelaufene Fischsommer in die heisse Phase über. Die erste Woche war die Schlimmste, denn die Familie schickte mir unentwegt die tollsten Fotos während ich gefühlt Tag und Nacht arbeitete. Gefühlt?

IMG_05564:13, Sonnenaufgang. Und nein, für den Sonnenaufgang bin ich nicht aufgestanden. Lustig übrigens wie schwierig es sein kann einen Fuss vor den anderen zu setzen wenn man nach 3 Stunden Schlaf aus eben jenem gerissen wird. Oder eine 18 von einer 81 zu unterscheiden, zum Beispiel. Dafür mache ich in diesem Jahr aber, wie man sieht, echte Feldarbeit. Also draussen. Das ist, wenn man sämtliche blutsaugenden Insekten mal ausser Acht lässt, sehr toll. Toll ist auch, dass wir in diesem Jahr eine richtig grosse Mannschaft sind, die 24 Stunden am Tag zusammen verbringt, Freud und Leid teilt und viel zusammen lacht. Ein bisschen Familienersatz.

Paulines Papa kam allein zurück nach Finnland, also fast, er wurde von ca. 20 Müslipackungen und einigen Flaschen Bier begleitet. Pauline blieb in Deutschland, zum ersten Mal ohne Eltern. Für mich war das irgendwie ein bisschen komisch, andererseits bin ich so froh, dass ich mich sorgenfrei und ohne schlechtes Gewissen den Fischen widmen kann. Das war als sie allein zu Hause war nicht so. Jetzt habe ich sie schon über zwei Wochen nicht mehr gesehen und habe ziemlich schlimmes Paulineweh. Zum Glück schaukelt sie im Moment zusammen mit meinen Eltern über die Ostsee in unsere Richtung und in ein paar Tagen kann ich auch für eine Nacht nach Hause fahren. Dann muss ich sie womöglich so fest drücken, dass ihr die Luft wegbleibt.

So, die Fische rufen…

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Alltagsfotos 5/5 2018

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8:55 Uhr. Auch in dieser Woche kein Brückentag. (Aber es wird GRÜN!)

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11:41 Uhr. Und immerhin kann ich heute von zu Hause aus arbeiten und jetzt ist es auch für Friernasen wie mich warm genug auf dem Balkon.

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12:15 Uhr. Mittagessen mit allem was der Kühlschrank noch hergab. Ich verlebe eine vergnügliche Dreiviertelstunde mit der Beobachtung eines Trauerschnäppermännchens, dass eifrig in den Nistkasten ein und ausfliegt, sich oben drauf setzt und laut in alle Richtungen ruft, dann wieder rein, auf den Ast nebenan, tirili usw. Ich wünsche ihm und mir, dass bald ein passendes Fräulein vorbei kommt.

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12:38 Uhr. Pauline ist mit einer Freundin nach Hause gekommen. Sie wollen sich die Nägel lackieren und dann Fussball spielen gehen. Ich schaue mal nach den Schneeglöckchen. Meine Krokusse sind ja inzwischen alle entweder von den Hasen gefressen worden (lila) oder verblüht (gelb). Die Schneeglöckchen kamen letztes Jahr gar nicht und ich hatte sie deshalb schon abgeschrieben. In diesem Jahr aber trauten sie sich plötzlich zeitgleich mit den Krokussen heraus. So richtig zu gefallen scheint es ihnen aber nicht bei uns, sie wachsen im Zeitlupentempo. Bin gespannt ob sie noch blühen. Vielleicht im Juni…

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18:10 Uhr. Ich war beim Friseur und habe verpasst dort ein Foto von den Haarbergen auf dem Boden machen. Jetzt sitze ich in der Sonne und sehe dem Kind beim Sachen machen zu.

Das war die allerschönste Maiwoche seit Aufzeichnung!

5/5 2014, 5/5 2015, 5/5 2016, 5/5 2017

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Alltagsfotos 4/5

Feiertagsausgabe :)

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15:45 Uhr. Wir sitzen an einer traumhaft schönen Feuerstelle und brutzeln uns Würstchen zum Mittag (Frühstück gab es heute eher spät). Das Wetter ist ebenfalls traumhaft und Pauline schaut mal nach den Wassertemperaturen (höchstens 5°C).

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16:39 Uhr. Gestärkt setzen wir unsere Wanderung fort und hui schön. So wilde Ströme findet man eher selten in Mittelfinnland.

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17:09 Uhr. Hier noch ein „kleiner“ Gruss vom Winter. 

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17:20 Uhr. Drei Wanderer, ein Gedanke: Micky Maus.

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18:49 Uhr. Auf der Heimfahrt halten wir noch am Supermarkt. Und lassen diesen grossartigen Tag gebührlich ausklingen.

4/5 2014, 4/5 2015, 4/5 2016, 4/5 2017

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Alltagsfotos 3/5 2018

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8:01 Uhr. Pauline ist heute schmerzfrei sowie normaltemperiert und hat sich soeben mit dem Fahrrad auf die 200 m lange Reise zur Schule gemacht. Ich geniesse die Tatsache, dass es heute Morgen mal nicht auf die Minute ankommt, trinke noch in Ruhe meinen Tee aus und klicke auf den Stream einer Livekamera, mit der man Saimaa-Ringelrobben im Saimaa See beobachten kann. Es ist gerade eine da und räkelt sich in der Sonne. Robbenfernsehen. Kann ich stundenlang gucken.

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8:28 Uhr. Danach ist klar welchen Pullover ich heute anziehe. Und dann los zur Uni.

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13:50 Uhr. Ich gucke alle 10 Minuten auf die Uhr, die Arbeit geht heute zäh voran. Draussen ist so schönes Wetter und morgen ist Feiertag und überhaupt. Aber mein Manuskript muss trotzdem nächste Woche fertig sein…

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17:23 Uhr. Heimweg. Halleluja, die haben nun endlich auch auf der Halbinsel die zentimeterdicke Schicht Streusplitt weggekehrt. Somit ist mein Arbeitsweg jetzt Splittfrei.

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18:48 Uhr. Als ich nach Hause kam, stand schon ein leckeres Abendessen auf dem Balkon. Der Iso und ich haben uns dazu gesetzt und eine Stunde lang die Sonne und die Aussicht genossen und uns dabei die Neuigkeiten der letzten Tag erzählt. 

3/5 2014, 3/5 2015, 3/5 2016, 3/5 2017

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